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| Industrie 4.0

Zeitarbeit für humanoide Roboter

Matthias Krinke ist geschäftsführender Gesellschafter des Roboter-Herstellers, Pi4 Robotics GmbH, und des Zeitarbeitsunternehmens für Roboter, Robozän GmbH.
Bild: Robozän GmbH

Als Chef der Robozän GmbH bietet Matthias Krinke humanoide Roboter als „Zeitarbeitnehmer“ an – zum Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Im Interview erläutert er, für welche Tätigkeiten sich die Roboter eignen und wie die „Arbeitnehmerüberlassung“ funktioniert.

Haufe Online-Redaktion: Für welche Tätigkeiten werden Roboter in der Arbeitnehmerüberlassung eingesetzt?

Matthias Krinke: Der Haupteinsatzbereich sind Fabrikarbeiten. Aktuell haben wir zwei offene Stellen für humanoide Roboter. Eine ist in einer Fabrik für „weiße Ware“. Dort würde der Roboter Teile, die auf dem Fließband ankommen, erkennen und deren Position erfassen. Das macht der Roboter mit Stereokameras, die er in den Händen hat. Er schaut sozusagen mit den Händen. Dann greift er das Teil, nimmt eine optische Qualitätskontrolle vor und verpackt es auf einer Europalette. Bei der zweiten Tätigkeit fahren Produkte am Roboter vorbei und er bringt Etiketten an. Wenn Sie einen Roboter hätten, könnte ich ihn in einen dieser Jobs vermitteln.

Haufe Online-Redaktion: Sie entleihen nicht eigene Roboter, sondern vermitteln die Roboter anderer Eigentümer in freie Stellen?

Krinke: Es ist genauso wie bei der Zeitarbeit für Menschen: Die Zeitarbeitsfirma für Menschen besitzt ja nicht die Menschen, die sie entleiht. Die Zeitarbeitsfirma für Roboter besitzt die Roboter auch nicht. Der Eigentümer eines Roboters kann mit diesem zur Zeitarbeitsfirma gehen und einen Arbeitsvertrag abschließen.

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Die Zeitarbeitsfirma organisiert Arbeit, schließt einen Überlassungsvertrag mit dem Kunden ab, bringt den Roboter dorthin und lernt ihn ein. Das dauert normalerweise zwei Tage. Zudem sendet die Zeitarbeitsfirma monatliche Gehaltsabrechnungen an den Eigentümer des Roboters. Die Roboter bekommen den regulären Mindestlohn ausgezahlt, wie er auch für Menschen gilt: 8,50 Euro pro Stunde.

Haufe Online-Redaktion: Reich kann der Eigentümer damit nicht werden.

Krinke: Wenn der Roboter im besten Fall 24 Stunden täglich arbeitet, an sieben Tagen in der Woche, erhält der Eigentümer 1.428 Euro pro Woche ausgezahlt.

Bild: pi4 robotics GmbH

Haufe Online-Redaktion: Wie viele humanoide Roboter gibt es, die solche Tätigkeiten ausüben können? Wie ist die Nachfrage nach Zeitarbeitrobotern?

Krinke: Bei meinem anderen Unternehmen, der Pi4 Robotics GmbH, kann man Roboter kaufen, die die beschriebenen Tätigkeiten und weitere Jobs ausführen können. Die neue Generation von Robotern kann auch als Sicherheitsleute eingesetzt werden oder als Concierge. Mit der Zeitarbeitsfirma sind wir noch in den Anfängen. Wir haben mit Kunden gesprochen, die Roboter einsetzen wollen, und wir haben mit Investoren gesprochen, die Roboter kaufen wollen. Nun haben wir hoffentlich auf jede Frage von Entleihern und Käufern eine Antwort und sind beim Matchmaking. Insofern gehe ich davon aus, dass es bald zu den ersten Arbeitsverträgen kommt. Das Interesse auf der Hannovermesse war jedenfalls groß.

Haufe Online-Redaktion: Ein Arbeitsvertrag kann – juristisch gesehen – aber nicht vorliegen?

Krinke: Juristisch betrachtet ist das ein Mietvertrag. Aber es geht um humanoide Roboter, die wir als Personal betrachten. Interessanterweise hat auch einer der ersten beiden potenziellen Kunden gesagt, dass er den Robotereinsatz aus dem Personalbudget bezahlen will.

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Natürlich unterliegen die Roboter keinen Kündigungsschutzgesetzen oder ähnlichen Dingen. Allerdings brauchen wir beim Start einen „Arbeitsvertrag“ für mindestens sechs Monate und zwei Schichten. Das ist deshalb nötig, weil wir keine extra Gebühren für das Anlernen des Roboters auf den Arbeitsplatz berechnen. Danach hat der Kunde die Möglichkeit, den Vertrag mit einer vierwöchigen Frist zu kündigen.

Haufe Online-Redaktion: Was kostet ein humanoider Roboter, wenn ich ihn kaufe?

Krinke: Die Kosten liegen bei 100.000 und 120.000 Euro. Das Zeitarbeitsmodell richtet sich speziell an kleine und mittelständische Unternehmen, die Hemmungen haben, einen eigenen Roboter zu erwerben. Es will diesen Unternehmen ermöglichen, Automatisierungen vorzunehmen. Auch meine Zeitarbeitsfirma hat einen eigenen Roboter bestellt. Diese Roboter-Dame wird in erster Linie die wesentlichen Arbeiten in der Zeitarbeitsfirma erledigen, denn außer mir hat die Firma keine weiteren Mitarbeiter. Ich habe nicht vor, für diese Firma Menschen einzustellen, sondern nur Roboter.

Haufe Online-Redaktion: Heißt das, es gibt männliche und weibliche Roboter? Verdienen die weiblichen Roboter auch weniger als die männlichen – wie es bei den Menschen auch oft der Fall ist?

Krinke: Nein, wir haben Entgeltgleichheit. Allerdings sind die Damen im Erwerb 20.000 Euro kostengünstiger. Das hat technische Gründe: Die Damen können nur fünf Kilo pro Hand heben, Männer zehn. Außerdem haben die Damen kürzere Arme, die 85 Zentimeter lang sind. Die Männer haben 1,30 Meter lange Arme.

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Die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen ist eher ein Spaß und keine Diskriminierung. Da wir seit eineinhalb Jahren für alle bestellten Roboter Vornamen vergeben, ist diese Unterscheidung ganz praktisch. In vielen Firmen wird wochenlang darüber diskutiert, wie der Roboter heißen soll. Damit hat das gesamte Team im Unternehmen bereits eine emotionale Bindung an den Roboter, wenn dieser geliefert wird.

Haufe Online-Redaktion: Zeitarbeitnehmer können krank werden. Wie sieht das bei Robotern aus, wenn sie ausfallen?

Krinke: Wenn der Roboter nicht arbeitet, muss der Kunde die Stunde nicht bezahlen. Das ist das Risiko der Zeitarbeitsfirma, die sich darum kümmern muss, dass der Roboter wieder „gesund“ wird. Wenn das Problem größer ist, können wir einen anderen Roboter zum Kunden bringen, der den Job sozusagen als Krankheitsvertretung übernimmt. Hierbei besteht ein Vorteil gegenüber menschlichen Arbeitnehmern: Die Tätigkeit, für die „Anna“ eingelernt, kann „Petra“ ohne längeres Einlernen übernehmen. Wir spielen einfach die Daten von „Anna“ bei „Petra“ ein.

Matthias Krinke ist geschäftsführender Gesellschafter des Roboter-Herstellers, Pi4 Robotics GmbH, und des Zeitarbeitsunternehmens für Roboter, Robozän GmbH.

Das Interview führte Daniela Furkel.

 

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