12.06.2017 | Integration

Wie Flüchtlinge als Praktikanten in den Beruf starten

Bei Axalta Coating Systems in Wuppertal starten Flüchtlinge in den Beruf. "Es macht Spaß, wenn wir Erfolge sehen", sagt Ausbildungsleiter Roland Somborn.
Bild: Axalta Coating Systems

Mehr als jedes fünfte Unternehmen in Deutschland hat Flüchtlinge eingestellt - meist jedoch als Praktikanten oder Hilfskräfte. Das hat das Ifo-Institut in einer Umfrage unter 1.000 Personalchefs ermittelt. Personalmagazin-Autorin Ruth Lemmer hat mit einigen Firmen über ihre Erfahrungen gesprochen.

Der syrische Praktikant kontrolliert unter Aufsicht die Abfüllanlage für Lacke. Der äthiopische Einsteiger arbeitet im Lager für Farbdosen. Alle zwei Monate wechseln die Teilnehmer der Berufsvorbereitung die Abteilung. So wie ihre Kollegen mit deutscher Bildungsbiografie. Zwölf Plätze für Geflüchtete hat der Lackfarbenhersteller Axalta Coating Systems in Wuppertal seit April 2016 geschaffen. Roland Somborn, Leiter der Ausbildung und Qualifizierung, rechnet damit, dass ein Drittel der jungen Männer aus Eritrea, Guinea, Syrien und Äthiopien den Schritt in die Ausbildung schaffen. Einer, bei dem nach einem Jahr die Sprachkenntnisse noch nicht ausreichten, erhielt das Angebot auf Verlängerung. Aber er lehnte ab.

"Es macht Spaß, wenn wir Erfolge sehen"

Somborn entmutigt das nicht, er will weitere Stellen für Geflüchtete frei halten: „Es ist spannend, aber auch mühselig. Spaß macht es, wenn wir Erfolge sehen.“ Dazu tragen auf der professionellen Seite betriebliche Ausbilder, Berufsschullehrer und Sozialarbeiter der Diakonie bei, die ein breites Spektrum von kulturellen Gepflogenheiten über Fußball und Klettern bis zur Traumabegleitung anbieten. Aber auch Mitarbeiter und Auszubildende mischen mit. Polen, Griechen, Türken, Deutsche und ein Arbeiter aus Sri Lanka gehen offen auf die Neuankömmlinge zu. Die Ausbildungsabteilung plant für den Herbst ein Sportfest.

Start in den Beruf mit Berufsausbildungsvorbereitung

Die Berufsausbildungsvorbereitung basiert auf dem Modell „Start in den Beruf“, das der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) schon 2000 für Schulabgänger, denen die Ausbildungsreife fehlt, vereinbart haben. Der Unterstützungsverein der chemischen Industrie (UCI) gewährt den Jugendlichen Hilfe zum Lebensunterhalt. Somborn sagt auch, was nicht so gut läuft: die Kooperation mit kleinen Handwerksbetrieben, die sich nicht so richtig zutrauen, Geflüchtete zwei Monate hineinschnuppern zu lassen, und der Berufsschulunterricht für Einstiegspraktikanten, die kein Deutsch können, denn den Extraunterricht muss das Schulministerium genehmigen – und das kann dauern. 

Kritik an Integrationskursen der Bundesagentur

Die Einbindung von Praktikanten gelingt jedoch überall umso besser, je konsequenter die deutsche Sprache unterrichtet wird. Doch die Qualität genau dieser von der Bundesagentur für Arbeit finanzierten Integrationskurse kritisierte der Bundesrechnungshof im März scharf: Verschwendung, doppelte Abrechnungen, fehlende Teilnehmerlisten, Mangel an Schulmaterial und Erfolgskontrolle. Allerdings gab die Kontrollbehörde die schlechten Noten für das Jahr 2015. Seit 2016, so versichert die Arbeitsagentur, sei alles besser organisiert. 

Siemens setzt auf Förderklassen

Gut möglich, denn im vergangenen Jahr entwickelten Institutionen wie Unternehmen Strukturen für den Ausbildungs- und Jobeinstieg von Geflüchteten. Siemens setzt auf Förderklassen mit sechs Monaten intensivem Sprachunterricht und berufsvorbereitendem Wissen in Elektronik und Mechanik. Praktikumsplätze bietet der Konzern an mehr als zehn Standorten in Deutschland. Das Ziel: eine Ausbildung bei Siemens selbst oder einem Partner­unternehmen. Die Geflüchteten werden wie alle Praktikanten bezahlt.

Pilotprojekt "Geflüchtete ohne Berufsabschluss"

Henkel, Deutsche Telekom und Deutsche Post DHL Group forcieren das Pilotprojekt „Geflüchtete ohne Berufsabschluss“ für 100 Geringqualifizierte. Zuerst wird intensiv analysiert, welche Berufs- und Bildungserfahrung die Menschen aus ihren Herkunftsländern mitgebracht haben. Daran anknüpfend werden über zwölf Wochen erste Fachkenntnisse vermittelt. Wer Willen und Können beweist, erhält für 24 Monate eine Anstellung inklusive Sprach- und Integrationskurs sowie einem Unternehmenspaten. Kirsten Sánchez Marín, Leiterin des Bereichs Corporate Citizenship bei Henkel, betont: „Über die Teilnahme erhalten die Menschen einen Arbeitsnachweis und damit auch eine Einschätzung ihrer Qualifikation.“

Kooperation mit dem Jobcenter

Einen wichtigen Baustein sieht Sánchez Marín in der engen Kooperation mit dem Jobcenter. Praktische und theoretische Fertigkeiten werden über Wochen gründlich geprüft. „Hier können wir fehlende Qualifizierungsunterlagen angleichen“, so die Fachfrau. Das bedeutet für alle Zertifizierten, dass sie etwas in der Hand haben, was deutsche Arbeitgeber verstehen. Sánchez Marín betont, dass auch die Mitarbeiter – in der Düsseldorfer Zentrale kommen sie aus 60 Ländern – „mit ehrenamtlichen Projekten der Flüchtlingshilfe die Firmenkultur positiv prägen“: Alphabetisierungskurse, Lesepatenschaften, Musikunterricht werden von Henkel mit bis zu acht Freistellungstagen im Jahr unterstützt.

Märkischer Arbeitgeberverband schafft 15 Praktikumsplätze

Mittelständische Unternehmen stehen Konzernen bei ihren Aktivitäten in nichts nach. Sie bringen als einzelne Firma oder in Kooperationen Geflüchtete auf den Arbeitsmarkt. Im Februar 2016 suchte der Märkische Arbeitgeberverband (MAV) in Südwestfalen 15 Praktikumsplätze für das Projekt „Berufliche Qualifikation von Flüchtlingen mit ergänzender Sprachförderung“. 30 Firmen der Metall- und Elektroindustrie boten 60 Plätze. Mit an Bord waren die Agentur für Arbeit Iserlohn, die verbands­eigene Ausbildungsgesellschaft Mittel-Lenne und die Euro-Schulen Märkischer Kreis. Wahrscheinliches Bleiberecht, jünger als 27 Jahre, Freude am Handwerk, ernsthaftes Lerninteresse, Zuverlässigkeit sowie Pünktlichkeit waren Auswahlkriterien. 15 junge Männer, die meisten aus Syrien, starteten mit dem Sprachkurs – wie Azubis im Blaumann und mit Sicherheitsschuhen. „Alle müssen mindestens die Sicherheitsunterweisungen lesen können, wenn sie später in den Unternehmen ein Praktikum beginnen wollen“, sagt Josef Schulte, stellvertretender Geschäftsführer des MAV. Ein halbes Jahr später stiegen von zwölf Praktikanten zehn Flüchtlinge in den regulären Arbeitsmarkt ein – Ausbildung, Einstiegsqualifizierung, Arbeitsstelle.

„Integration ist Netzwerkarbeit vor Ort“

Schulte sieht für diese gute Quote zwei Gründe: „Integration ist Netzwerkarbeit vor Ort, dort, wo man sich kennt. Und wir haben das Projekt von vorneherein als Kooperation konstruiert.“ Mit geändertem Konzept gehen die märkischen Unternehmer seit Jahresbeginn in die nächste Runde: Der Vollzeitsprachunterricht wurde von sechs auf acht Wochen verlängert und auch während der technischen Kurse geht es mit dem Deutschunterricht weiter.

Azubis und Geflüchtete spielen Fußball miteinander

Altenloh, Brinck & Co (ABC) in Ennepetal hat seine Ausbildungswerkstatt für Integrationsprojekte in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Gevelsberg zertifizieren lassen. Thyssenkrupp Bilstein beteiligt sich. Seit März feilen, bohren, drehen und fräsen 15 Flüchtlinge im Praktikum. Die Metall-Ausbilder werden durch zwei versierte Rentner unterstützt, die noch im Prüfungsausschuss für Auszubildende aktiv sind. Schon jetzt zeigt das Modell Integrationserfolge: Die Azubis und die Geflüchteten spielen Fußball miteinander. Im Sommer wird sich entscheiden, wer es in die Lehre schafft. „Wir haben zusätzliche Ausbildungskapazitäten geschaffen“, sagt ABC-Ausbildungsleiter Hans-Jürgen Barth.

Die Rolle der Berufsschulen

Eine praxisnahe Vorbereitung auf Ausbildung und Arbeit muss seinen Mittelpunkt nicht zwangsläufig in Unternehmen finden. Auch Berufsschulen und -kollegs können junge Flüchtlinge systematisch voranbringen. So sind in den Beruflichen Schulen Alt­ötting von rund 2.700 Schülern sechs Prozent Geflüchtete. Die Schule hat ihr bewährtes Unterrichtskonzept für Schüler mit und ohne Migrationshintergrund erweitert, sich mit Behörden und ehrenamtlichen Helfern vernetzt und kann auf einen Pool von 500 Praktikumsstellen zurückgreifen.

Kompetenzraster für Ausbildungsreife

Basis des schulischen Lernens und der Bewertung sind Kompetenzraster, nach denen die unterschiedlichsten Fähigkeiten entwickelt werden – für den Lebensalltag ebenso wie für den jeweiligen Fachschwerpunkt und Ethik. Wie gut die Schüler Verkehrszeichen, Kaufverträge, die Vielfalt der Religionen, die deutsche Sprache, Web-Recherche und Excel kennen, wird im Detail erfasst. Die Ergebnisse aus den Kompetenzfeldern werden in eine Art Spinnennetz eingetragen. So entsteht eine Fläche, die die Ausbildungsreife zeigt.

Ausgeklügeltes System der Berufsorientierung

Für das ausgeklügelte System der Berufsorientierung konnte Schulleiter Carlo Dirschedl mit seinem Team 2016 den Deutschen Arbeitgeberpreis entgegennehmen. Für ihn ist klar: „Die 10.000 Euro Preisgeld gehen ins Kerngeschäft Unterricht und in die Effizienzsteigerung, etwa durch die Entwicklung einer bedienungsfreundlichen Software für Kompetenzraster.“ Und: Das Modell aus Altötting können interessierte Schulen adaptieren. Bundesweit.

Ruth Lemmer ist freie Journalistin in Duisburg.

 

Hintergrund

Mehr als jedes fünfte Unternehmen in Deutschland hat inzwischen Flüchtlinge eingestellt - meist jedoch als Praktikanten oder Hilfskräfte. Das hat das Münchner Ifo-Institut in einer repräsentativen Umfrage unter den Personalchefs von gut 1000 Firmen ermittelt. Demnach hat sich der Anteil der Unternehmen mit Flüchtlingen unter den Mitarbeitern zwar innerhalb eines Jahres von 7 auf 22 Prozent verdreifacht, doch die Mehrheit der befragten Firmen (58 Prozent) hat noch keine Asylbewerber angestellt. Die Firmen, die Flüchtlinge beschäftigen, tun das in vielen Fällen mit Praktika (43 Prozent) oder Hilfsjobs (40 Prozent). Ein Drittel hat außerdem Flüchtlinge als Lehrlinge beschäftigt, lediglich acht Prozent als Facharbeiter. Auftraggeber der Umfrage war die Zeitarbeitsfirma Randstad. Befragt wurde laut ifo-Institut eine repräsentative Mischung der deutschen Wirtschaft mit Großunternehmen, Mittelständlern und Kleinunternehmen aus sämtlichen Branchen mit Ausnahme der Bauwirtschaft.

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Schlagworte zum Thema:  Flüchtlinge, Praktikum, Integration

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