Wie ChatGPT die Wirtschaft verändern wird: Sieben Thesen

Im November 2022 trat ChatGPT mit einem Paukenschlag in die Welt der künstlichen Intelligenz ein. Doch welche wirtschaftlichen Folgen hat die Markteinführung des Chatbots für die Welt von morgen? Professor Anton Korinek von der Darden School of Business wagt eine Prognose.

2022 hat die künstlichen Intelligenz (KI) unerwartet enorme Fortschritte gemacht, insbesondere im Bereich der großen Sprachmodelle.

KI-Sprachmodelle auf dem Vormarsch

ChatGPT von OpenAI hat in den ersten zwei Monaten seines Bestehens mehr als 100 Millionen Nutzerinnen und Nutzer gewonnen, was die schnellste Markteinführung eines digitalen Produkts in der Geschichte darstellt. Der Chatbot produziert alle 14 Tage eine Textmenge, die dem Gesamtwerk der Menschheit in gedruckter Form entspricht.

Das Potenzial ist so groß und der Einsatz so hoch, dass Google beschlossen hat, seine eigene Version, Bard, auf den Markt zu bringen. Diese basiert auf Googles bestehendem großen Sprachmodell LaMDA und ist in der Lage, mit Menschen frei fließende Gespräche zu führen.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen hat Professor Anton Korinek, Department of Economics an der Darden School of Business (University of Virginia), sieben Thesen formuliert, wie KIs wie ChatGPT die Wirtschaft verändern werden.

These 1: Kognitive Automatisierung gewinnt große Bedeutung

Die kognitive Automatisierung wird ein wichtiger Trend im Jahr 2023 und darüber hinaus sein. Da die Fähigkeiten großer Sprachmodelle weiter zunehmen, sind kognitive Arbeitskräfte einem immer größeren Automatisierungsrisiko ausgesetzt. Wirtschaftswissenschaftler sollten sich deshalb von der Vorstellung verabschieden, dass die Automatisierung nur Routinejobs betrifft und dass die menschliche Kreativität auf wundersame Weise immun gegen die Automatisierung ist. Um mit dieser neuen Realität Schritt halten zu können, müssen die Wirtschaftsmodelle entsprechend angepasst werden.

These 2: Sprachmodelle entwickeln sich von Assistenten zu Tutoren

In den kommenden Jahren werden kognitive Mitarbeitende zunehmend große Sprachmodelle in ihren täglichen Arbeitsablauf integrieren. Kurzfristig wird dies die Produktivität der kognitiven Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhöhen - sie können unzählige kleine Aufgaben an ihre neuen digitalen Assistenten auslagern. Der Mensch wird sich auf seinen komparativen Vorteil konzentrieren müssen: Während die Erstellung von Inhalten zunehmend von großen Sprachmodellen übernommen wird, ist die Unterscheidung, welche Inhalte nützlich sind, immer noch etwas, das der Mensch besser kann. Mit der Zeit werden die digitalen Assistenten immer mehr zu digitalen Tutoren werden, die ihren Nutzerinnen und Nutzern neue Konzepte beibringen und unseren Horizont erweitern.

These 3: Exponentielles Wachstum bei der Datenverarbeitung

Der Fortschritt in der KI schreitet unaufhaltsam voran, angetrieben durch eine Kombination aus Fortschritten bei Hardware und Software sowie ständig wachsenden Trainingsbudgets. Dies hat zur Folge, dass sich die Rechenleistung modernster Modelle in etwa sechs Monaten verdoppelt hat - viel schneller als das "Mooresche Gesetz", eine Regelmäßigkeit, die nun schon fast ein Jahrzehnt anhält. Parallel dazu steigen die Kosten für Trainingsläufe bei Spitzenmodellen ebenfalls exponentiell an und bewegen sich derzeit im achtstelligen Dollarbereich. Da die Ausgaben für die Datenverarbeitung viel schneller wachsen als die Gesamtwirtschaft, wird ein immer größerer Teil der Ressourcen unserer Wirtschaft für die Datenverarbeitung aufgewendet - der Beginn eines KI-Aufschwungs.

These 4: Geringe Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum

Verglichen mit der Gesamtwirtschaft sind die Investitionen in KI noch relativ gering - und es wird noch einige Verdoppelungsrunden dauern, bis die makroökonomischen Auswirkungen spürbar werden. Die Wirtschaft ist wie ein großes Schiff, das lange braucht, um sich zu drehen. Daher ist nicht davon auszugehen, dass sich die jüngsten Fortschritte im Jahr 2023 in den Investitions-, Produktivitäts- und Wachstumszahlen auf der Makroebene niederschlagen werden.

These 5: Wachsende öffentliche Aufmerksamkeit

Der Launch von ChatGPT vermittelte der Öffentlichkeit einen Eindruck von der Leistungsfähigkeit fortschrittlicher KI und schärfte das öffentliche Bewusstsein für die Fähigkeiten großer Sprachmodelle erheblich. Technisch gesehen ist das System nur eine Anpassung eines großen Sprachmodells (GPT3.5) unter mehreren anderen, die ein wachsendes Maß an allgemeiner Intelligenz bewiesen haben. Jedoch stellt ChatGPT einen weiteren kleinen Schritt in Richtung "künstliche allgemeine Intelligenz" (Artificial General Intelligence, kurz AGI) dar, das heißt in Richtung KI-Systeme, die alle kognitiven Aufgaben ausführen können, die auch Menschen leisten können. Gerüchten zufolge soll die nächste Generation von Sprachmodellen bald auf den Markt kommen, die eine noch höhere allgemeine Intelligenz aufweisen werden.

These 6: AGI-Governance rückt in den Vordergrund

Da Gespräche über AGI immer alltäglicher werden, vergrößert sich rasch das Overton-Fenster - also die Bandbreite der Ideen und politischen Optionen, die von den Menschen als vernünftig erörtert werden. Dadurch rückt die AGI-Governance in den Vordergrund des öffentlichen Diskurses. Zu den wichtigen Fragen gehört sowohl, wie AGI mit den bestehenden Governance-Strukturen interagieren wird, als auch, wie AGI selbst reguliert werden sollte.

These 7: Menschliche Arbeit wird weitgehend überflüssig werden

Mittelfristig wird sich unsere Gesellschaft auf eine Welt einstellen müssen, in der menschliche Arbeit weitgehend überflüssig ist. Und dies könnte früher geschehen, als viele erwarten - vielleicht sogar noch in diesem Jahrzehnt. Die kognitive Automatisierung macht Maßnahmen wie ein universelles Grundeinkommen immer dringlicher und attraktiver. Und wenn kognitive Arbeit überflüssig wird, müssen wir auch den Zweck der Bildung grundlegend neu bewerten. 


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