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11.11.2013 | Serie Gekündigte Topmanager

Wenn der Chef den Raum verlässt

Serienelemente
Im Fall von Thomas M. verlässt der Chef den Raum und überlässt dem Personaler die Arbeit.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Im letzten Teil unserer Serie über gekündigte Spitzenmanager stellen wir einen wahren Kündigungsfall vor, bei dem einem Mitglied der Geschäftsleitung ohne Angabe von Gründen gekündigt wurde. Der Vorgesetzte des Gekündigten überließ dabei die Abwicklung dem Personaler.

Das ist der Fall: Thomas M. (Name geändert) ist Mitglied der Geschäftsleitung Vertrieb und Einkauf eines Industriekonzerns in der Schweiz. Zum Zeitpunkt der Kündigung ist er Mitte 40. Eines Tages bestellt sein Chef, mit dem er auch schon länger privat befreundet ist, ihn kurz vor Mittag ins Büro. Der Personalchef kommt dazu und stellt sich hinter den Sessel des Chefs. Dieser eröffnet das Meeting mit den Worten: "Weißt Du, Thomas, wir haben beschlossen dich freizustellen. Ich nehme an, du weißt warum. Alle weiteren Details besprichst du bitte jetzt mit dem Personalchef." Dann steht der Vorgesetzte auf und verlässt den Raum.

Für M. kommt die Kündigung nach zwanzig Jahren Firmenzugehörigkeit überraschend. Zwar hatte er den leisen Verdacht, dass etwas nicht stimmte – mit einer Kündigung hätte er allerdings nie gerechnet. Der Personalchef legt ihm einen ausgearbeiteten Vertrag vor und weist ihn darauf hin, dass er nur noch unterschreiben müsse. Ihm werden eine korrekte Abfindung und ein Outplacement-Coaching angeboten. M. bittet sich bis abends Bedenkzeit aus und ruft seinen Anwalt an, der noch einige Detailverbesserungen vornimmt. Am gleichen Tag wird der Vertrag unterschrieben. In einem Meeting mit M.s Zuständigkeitsbereich kommuniziert der Personalchef, man habe sich in gegenseitigem Einvernehmen getrennt, weil M. sich neuen Herausforderungen stellen wolle. Sein Büro muss der Gekündigte sofort verlassen. Für seine Ausrüstung wie Handy und PC und seine Unterlagen handelt M. dann noch etwas mehr Zeit aus, um eine geordnete Übergabe an seinen Nachfolger sicherzustellen. Seine Mitarbeiter informiert er noch an demselben Tag mit einem offiziellen Text, den man ihm vorgelegt hat, und den er den Mitarbeitern in einem Meeting vorlesen muss. Die Mitarbeiter halten sich bedeckt, doch M. ist sich sicher, dass jeder weiß, was in Wirklichkeit passiert ist.

Was ist bei dieser Kündigung schief gelaufen?

Gabriele Euchner: "In diesem Kündigungsfall ist es für den Betroffenen besonders bitter, dass sein Freund, der auch sein Vorgesetzter ist, nicht in der Lage ist, ihm die Kündigungsgründe persönlich zu erklären und auch alles Vertragliche zu besprechen. Das ist das Einzige, was M. erwartet hätte, denn mit Kündigungen muss man als Mitglied der Geschäftsleitung eher rechnen als andere. Stattdessen reduziert der Vorgesetzte die Kommunikation auf ein Minimum und delegiert die für ihn unangenehme Aufgabe an den Personalchef. Das empfindet M. als hochgradige Missachtung seiner Person, respektlos und ohne jedwede Wertschätzung für ihn persönlich und seine geleistete Arbeit in 20 Jahren. Eine weitere bittere Pille, die der Betroffene zu schlucken hat, ist die offizielle Kommunikation sowie das Prozedere den Mitarbeitern gegenüber. Dass er einen erfundenen Text über seinen Rauswurf vor seinen Mitarbeitern von einem Blatt Papier ablesen muss, ist eine Demütigung sondergleichen. In diesem Unternehmen will offenbar niemand der Überbringer schlechter Nachrichten sein."

Wie hätte die Kündigung besser laufen können?

Euchner: "Führungsstärke und guter Führungsstil sehen anders aus. Der Vorgesetzte und Freund hätte das persönliche Gespräch mit M. suchen müssen. Das ist das Mindeste nach 20 Jahren geleisteter Arbeit, hoher Loyalität und Identifikation mit dem Unternehmen. Durch die private Freundschaft kann man auch davon ausgehen, dass eine Vertrauensbeziehung zwischen den beiden Personen bestand. Zudem obliegt es der Verantwortung des Vorgesetzten und des Personalchefs, die Mitarbeiter selbst angemessen zu informieren. Nicht nur wegen der Reputation des Gekündigten, sondern wegen des Vertrauens zu dem Unternehmen und seiner Führung."

Was können Management und HR daraus lernen?

Euchner: "Eine Kündigung auszusprechen und sowohl dem Betroffenen als auch den Mitarbeitern angemessen zu kommunizieren ist nichts für Feiglinge. Als Mitarbeiter und Manager in einem Unternehmen gehe ich davon aus, dass das Top-Management weiß, wie man wertschätzend, respektvoll und empathisch Trennungsmanagement handhabt. Offenbar gibt es noch zu wenig umfassende Trainings und Coachings zu diesem schwierigsten aller Führungsthemen."

Hinweise: Dies ist der letzte Teil unserer Serie zum Thema "Gekündigte Topmanager".

Die Fälle stammen aus dem Buch von Gabriele Euchner "Mit dem Fußtritt aus der Chefetage", erschienen im Haufe Verlag.

Haufe Online Redaktion

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