Unternehmen navigieren derzeit durch die stürmische See der deutschen Wirtschaft. Es geht um nationale Wettbewerbsfähigkeit, internationale Handelsbeziehungen infolge geopolitischer Spannungen, Kostendruck, notwendige Anpassungen bestehender Geschäftsmodelle und je nach Branche entweder um Fachkräftemangel oder drohenden Personalabbau. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen, wenn es um hybride Arbeitsmodelle, nachhaltiges Wirtschaften und Handeln, Diversität, Chancengleichheit und Lohngerechtigkeit geht.
HR braucht einen Perspektivenwechsel
In diesem Umfeld ist ein konsequenter Perspektivenwechsel in der Personalarbeit essenziell: weg von einer reinen Service-Division hin zur Querschnittsfunktion, die Entscheidungen im Unternehmen mitgestaltet. HR transformiert sich zunehmend zur treibenden Kraft für unternehmensweite Veränderungen – als strategischer Partner der Unternehmensführung.
HR-Professionals arbeiten heute vermehrt an Mitarbeiterbindung und Talententwicklung, Organisationsdesign und agilen Strukturen, einem effizienten Gesundheitsmanagement und einer starken Führungs- und Unternehmenskultur. Diese Aktivitäten stärken die Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Innovationskraft und steigern den Unternehmenserfolg messbar.
Kultur treibt Performance: die 5R-Methode
Die 5R-Methode von Great Place to Work zeigt auf, dass Investitionen in eine starke Arbeitsplatzkultur langfristig Wirkung entfalten. Das belegen auch unsere langjährigen Arbeitgeber-Studien. Unternehmen, die in ihre Arbeitgeberattraktivität investieren, sollten sich in fünf zentralen Dimensionen engagieren - den "5R" -, mit denen sich zuverlässig messen lässt, wie vertrauensbasierte Arbeitsplätze langfristig Mehrwert schaffen und die Performance steigern.
- Resilience befasst sich damit, ob das Team mental gut aufgestellt ist – auch wenn die Umstände herausfordernd sind. Solche Unternehmen meistern Krisen schneller und besser.
- Retention beschreibt die emotionale Bindung ans Unternehmen. Mitarbeitende bleiben, weil sie wollen, nicht weil sie müssen.
- Recognition steht für Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitenden und dass ihre Führungskräfte Anerkennung für gute Arbeit zeigen.
- Revenue dreht sich darum, wie sich die Arbeitsplatzkultur auf Produktivität und Geschäftserfolg auswirkt und ob Mitarbeitende in diesem Kontext zu zusätzlichem Einsatz bereit sind.
- Reputation bedeutet, dass Mitarbeitende stolz sind, Teil des Teams zu sein und ihren Arbeitgeber im Freundes- und Familienkreis weiterempfehlen würden.
Alle fünf Faktoren wirken sich nachhaltig auf die Performance eines Unternehmens aus. Großartige Arbeitskulturen ermöglichen hohe Leistung: Wertschätzung motiviert, bremst Fluktuation und steigert die Produktivität. Sie führen zu einem messbarem ROI und legen die Basis für nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit in einer dynamischen Arbeitswelt.
Wenn HR heute als strategischer Gestalter verstanden wird, wächst die Chance, dass Kultur und Leistung Hand in Hand gehen – und damit die gesamte Organisation stärker aus Krisen hevorgeht in eine erfolgreiche Zukunft. Vertrauen ist ein Treiber nachhaltigen Erfolgs. Es sind vertrauensbasierte Arbeitskulturen, die erfolgreiche Unternehmensleistung ermöglichen – nicht umgekehrt.
R1: Resilience – Biegen nicht Brechen
Wirtschaftliche Herausforderungen treffen die HR-Abteilungen unmittelbar - oft stehen Kürzungen des Personalbudgets an. Personalabbau wirkt sich jedoch vielfältig auf die Mitarbeitenden aus: Verunsicherung und Angst vor dem Jobverlust nehmen zu, während eine reduzierte Belegschaft zusätzliche Arbeitsbelastungen für die einzelnen Mitarbeitenden mit sich bringt.
Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse waren 2023 die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen auf dem höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2000. Sie verdoppelten sich in diesem Zeitraum nahezu. Ein erhöhter Krankenstand belastet die Organisation zusätzlich. Auch Teilzeitarbeit oder flexiblere Arbeitszeitmodelle, die bevorzugt von bestimmten Gruppen genutzt werden, können zu Ungleichheiten, ungeklärten Verantwortlichkeiten und zusätzlicher Koordinationslast führen.
Angesichts wachsender Herausforderungen und zunehmender psychischer Belastungen am Arbeitsplatz, gewinnt das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) an zentraler Bedeutung. Gesunde Mitarbeitende arbeiten produktiver und besitzen eine höhere Innovationsfähigkeit, zugleich werden Krankentage und Fehlzeiten gesenkt. Eine proaktive Gesundheitsstrategie stärkt nicht nur das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, sondern trägt auch signifikant zur Leistungsfähigkeit und langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens bei, wie eine Studie von Great Place to Work zeigt.
Das bestätigt auch Lisa Schmitz, HR-Managerin bei Congstar, deren Unternehmen von Great Place to Work als "Deutschlands Beste Arbeitgeber 2025" ausgezeichnet wurde: "In den vergangenen Jahren ist das Bewusstsein für Gesundheit deutlich gestiegen. Unsere Ziele sind ambitioniert – wir möchten aktiv zur Erhaltung der Gesundheit unserer Mitarbeitenden beitragen. Dabei verfolgen wir ein übergeordnetes Ziel: Unsere Unternehmensziele auf Basis einer gesunden Work-Life-Balance zu erreichen. Besonders das psychische Wohlbefinden hat stark an Bedeutung gewonnen. Daher haben wir einen externen Partner und Experten an unserer Seite, der uns im Bereich mentales Wohlbefinden unterstützt."
Persönliche und unternehmerische Resilienz aufbauen
Führungskräfte tragen eine zentrale Verantwortung für die Resilienz im Unternehmen. Sie müssen Ressourcen gezielt einsetzen und wirken als Multiplikatoren einer vertrauensvollen Unternehmenskultur, die Resilienz fördert und individuelle Stärken sichtbar macht. Anerkennung und Wertschätzung für geleistete Arbeit sind eine Säule, transparente Kommunikation zur Gesundheit schafft Vertrauen und reflektiert eine positive Unternehmenskultur. Regelmäßige Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen ermöglichen frühzeitiges Gegensteuern und präventive Maßnahmen. Entscheidend ist, dass die Angebote zielgerichtet und bedarfsgerecht sind: Mitarbeitende in der Produktion oder in der Pflege haben ein spezifisches Belastungsempfinden, Alleinerziehende oder Menschen, die Angehörige pflegen, sind zusätzlichen Herausforderungen ausgesetzt.
Betriebliche Gesundheitsangebote erhöhen die Zufriedenheit, Motivation und Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber. Ein ganzheitliches Gesundheits- und Krisenmanagement erfordert stärkere Investitionen in Gesundheitsschutz, Resilenzprogramme und vertrauensstärkende Krisenkommunikation. Durch Achtsamkeitstrainings, Entspannungskurse oder psychologische Betreuung haben Unternehmen die Möglichkeit, die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden zu stärken. Zudem ist die Förderung von Sport und Freizeitangeboten sinnvoll. Work-Life-Balance, flexible Arbeitsformen und klare Regelungen zur Arbeitszeit tragen maßgeblich zur persönlichen Resilienz bei.
Als erstes Fazit bleibt zu sagen: Resilienz ist die Gesamtheit aus Fähigkeit, Kraft und Anpassungswillen, um Störungen zu überstehen und gestärkt daraus hervorzugehen, statt an ihnen zu brechen. Unternehmerische Resilienz bedeutet, dass sich ein Unternehmen trotz Störungen rasch erholen, Anpassungen vornehmen und gestärkt aus Krisen oder Unsicherheiten hervorgehen kann. Die zentrale Aufgabe der Unternehmen ist es, ihre Mitarbeitenden achtsam und motivierend auf diesem Weg mitzunehmen. Eine Krise am Arbeitsmarkt muss nämlich nicht zu einer Krise der eigenen Identität werden – weder für Unternehmen noch für ihre Mitarbeitenden.
Hinweis: In den Teilen zwei und drei dieser Themenserie werden die vier weiteren Faktoren aus der 5R-Methode ausführlich beschrieben.