Im kommenden Jahr 2027 feiert das Software Unternehmen Ingentis sein 30-jähriges Bestehen. Seit der Gründung im Jahr 1997 hat sich viel verändert: die vier Gründer gingen von Bord, ein Investor übernahm, es folgte ein weiterer. Doch eine Sache ist geblieben: Die Nische. Genauer gesagt, die Produktnische, in der sich Ingentis seither einen Namen gemacht hat. Denn Ingentis verdient sein Geld mit etwas, das jedes Unternehmen benötigt, wenn es eine gewisse Größe erreicht hat: ein Organigramm. Der Org-Manager ist das Kernprodukt des Softwareanbieters, der sein Portfolio inzwischen modular erweitert hat. Unter dem Begriff "Organisationale Performanz", möchte CEO Joachim Rotzinger eine neue HR-Softwarekategorie etablieren.
Transformation ist Dauerthema
Er setzt darauf, dass Unternehmen ihre Organisation immer häufiger anpassen müssen. Die Transformation ist inzwischen Dauerthema in vielen Chefetagen. Was früher alle paar Jahre als große Reorganisation geplant wurde, ist heute für viele Unternehmen ein kontinuierlicher Prozess, glaubt Rotzinger. Für Anbieter von Software zur Organisationsanalyse und -planung eröffnet das neue Chancen.
Es ist eine große und ambitionierte Wette auf eine Marktnische, die dem Anbieter seit Jahren solide Erträge und stetiges Wachstum beschert – und die die Suite-Anbieter nicht im Blick haben. "Der Wettbewerb in dieser Kategorie ist nicht besonders ausgeprägt", sagt Rotzinger. Das liegt aus seiner Sicht auch daran, dass sehr viel Wissen und Erfahrung nötig seien, um ein leistungsfähiges Produkt anbieten zu können. Richtig ist: Es gibt nur einige wenige, eher unbekannte Wettbewerber, die vergleichbare Lösungen anbieten. So konnte sich Ingentis über die Jahre als Marktführer etablieren.
Die Ausgangslage für den Softwareanbieter scheint günstig. Bereits im Jahr 2018 streckte das Unternehmen seine Fühler in Richtung der USA aus und gründete dort eine Vertriebseinheit. 2021 verkauften die Firmengründer Ingentis an den Software-Investor Maguar Capital, zum dem auch HR Works gehört. Ein Jahr später setzte der neue Eigentümer Rotzinger als CEO ein, der zuvor einer der Geschäftsführer von Haufe-Lexware war und Erfahrungen im Softwaregeschäft mitbrachte. Rotzinger baute die Organisation um, setzte Geschäftsmodelle und Marketing neu auf. Der Umbau zahlte sich aus und löste einen Wachstumsschub aus. Die Zahl der Mitarbeitenden stieg von 70 auf heute 165, der Umsatz wuchs – laut Auskunft des Unternehmens – jährlich um 30 Prozent.
Die USA als vielversprechender Markt
Ingentis veröffentlicht weder Umsätze noch Gewinn. Laut Branchenkennern dürften sich die Umsätze zwischen 20 und 30 Millionen Euro jährlich bewegen, rechnet man die Umsätze aus dem deutschen und europäischen mit denen aus dem amerikanischen Markt zusammen. Auch deshalb taucht Ingentis bislang nicht in der Liste der Top-25-HR-Softwareanbieter in der DACH-Region auf. Die Einnahmen verteilten sich etwa 50:50 auf den deutschsprachigen und internationalen Markt, wobei der US-Anteil davon deutlich weniger als die Hälfte betragen dürfte. Dennoch investiert Rotzinger in seine amerikanischen Standorte an der Ost- und Westküste und baut dort Personal auf.
Den Grund nennt er selbst: Das Marktvolumen für Lösungen rund um das Thema Organisationsanalyse beziffert er schon heute auf rund 600 Millionen Euro jährlich. In fünf Jahren könnte dieser bei rund 1,2 Milliarden Euro liegen, glaubt Rotzinger und beruft sich auf Schätzungen mehrerer Wirtschaftsberatungen.
Trotz der erfolgreichen Zusammenarbeit mit Maguar, die vor allem in Europa investieren, entschied man sich im vorigen Jahr zur Trennung. "Wir sind dem Portfolio entwachsen", sagt Rotzinger. Um das Unternehmen weiter internationalisieren zu können, sei ein neuer Partner notwendig gewesen. Maguar verkaufte seine Anteile an die Carlyle Group, einen auf Technologieunternehmen spezialisierten US-Investor. Der Wachstumsdruck dürfte damit nicht geringer werden, auch wenn Rotzinger betont, dass Ingentis zu jedem Zeitpunkt profitabel gewesen sei und auch künftig sein werde. "Der Investor entnimmt kein Geld aus dem Unternehmen", sagt der CEO. Auch bei strategischen Entscheidungen stünde Carlyle nur beratend zur Seite.
Das Leistungsspektrum von Ingentis wird ausgebaut
Blickt man auf die Investitionsstrategie von Carlyle, ist zu erwarten, dass der Investor nur einige Jahre dabei ist. Rotzinger geht von einem Planungshorizont von mindestens vier Jahren aus. Die Wachstumsraten dürften, geht es nach dem CEO, in dieser Zeit ähnlich ausfallen wie bisher. "Wir haben eine rasante Entwicklung genommen. Diese wollen wir nun linear fortschreiben. Der Hockeystick liegt sozusagen hinter uns", sagt Rotzinger. Die jährlichen Zuwächse realisiere man jeweils zur Hälfte über Bestands- und Neukunden.
Rotzinger baut das Leistungsspektrum und das Portfolio aus. Der Klassiker und das Fundament bleiben Organigramme, auf die kein Unternehmen verzichten kann. Hinzu kommen jetzt Lösungen für Organisationsanalysen, die strukturelle Stärken und Schwächen offenlegen sollen.
Organisationssimulation als neuer Teil des Portfolios
Die größte Zukunftswette aber sind Organisationssimulationen, mit denen sich Change-Szenarien abbilden und bewerten lassen. Daraus lässt sich dann eine strategische Personalplanung ableiten, um Kapazitäten bedarfsgerecht vorhalten zu können. Die Software setzt dabei auf bestehende HR-Systeme auf und nutzt die dort hinterlegten Daten, um Analysen und Modellierungen vornehmen zu können. Damit haben die Andockbarkeit an HR-Kern- und Spezialsysteme sowie das Schnittstellenmanagement für Ingentis die höchste Priorität. "Wir haben Projekte, in denen wir mit bis zu 80 Schnittstellen arbeiten", sagt Rotzinger. Darin liegt einerseits die Chance, Daten aus möglichsten vielen Systemen in die Analysen einbeziehen zu können, andererseits die Herausforderung, von der Datenqualität von Drittsystemen abhängig zu sein. Auch deshalb gehört die Datenaufbereitung zum Tagesgeschäft für Ingentis.
Bei der Modellierung von Transformationsprojekten gibt es Überschneidungen zum Geschäftsmodell der Unternehmensberatungen, die ebenfalls solche Analysen anbieten. Rotzinger sie darin kein Konfliktfeld. "Wir wissen von Unternehmen, die zwischen 30 und 100 Transformationsprojekte pro Jahr durchführen – also zwei bis drei pro Tag", sagt er. Nicht für jedes Projekt könne ein Berater ins Haus geholt werden. Hier könnten software-gestützte Ansätze helfen, datenbasierte Entscheidungen zu treffen. Das sei kein Gegenmodell, sondern eine Ergänzung zum Beratungsgeschäft. Der Ansatz der Modellierung von Transformationsprozessen ist innovativ und vielversprechend. Es ist eine große Idee, die allerdings davon abhängig sein wird, dass die Datenqualität, die die Betriebe zur Verfügung stellen, ausreichend gut ist. Das gilt allerdings für alle datenbasierten Geschäftsmodelle.
Zur Serie: Im "Marktgespräch HR Tech" spricht die Haufe Online Redaktion in regelmäßigen Abständen mit Geschäftsführern und Geschäftsführerinnen etablierter Softwarehäuser sowie aufstrebender Startups und beleuchtet dabei die Entwicklungen und Trends im Markt für HR-Software.