Marktgespräch HR Tech

"Auch bei Klassikern gibt es noch Nachholbedarf"


Marktgespräch HR Software mit Ulrich Jänicke von Aconso

Das gründergeführte Münchner Softwareunternehmen Aconso gilt als Erfinder der digitalen Personalakte. Seit rund zwei Jahren ist es im Mehrheitsbesitz von Keensight Kapital. Der Finanzinvestor setzt auf die internationale Expansion. Wie die gelingen soll, erklärt CEO und Mitgründer Ulrich Jänicke im Marktgespräch HR Tech. 

Aconso wurde im Jahr 2001 gegründet und gilt als Erfinder der digitalen Personalakte. Was damals als Innovation galt, sollte knapp ein Vierteljahrhundert später in den Unternehmen längst flächendeckender Standard sein – wäre zu vermuten. Dass das noch nicht der Fall ist, sagt viel über den Digitalisierungszustand der deutschen Wirtschaft – insbesondere aber der kleinen und mittleren Unternehmen. Ulrich Jänicke, Mitgründer und CEO von Aconso, dürfte sich daran nicht stören. Denn die digitale Personalakte beschert ihm weiterhin Umsatz und sogar Wachstumschancen, auch wenn das Portfolio des Softwareanbieters inzwischen deutlich umfangreicher ist.

Mit Investorendeal auf Wachstumskurs

Aconso behauptet sich seit knapp 25 Jahren am Markt für HR-Software. Bemerkenswert dabei: auch nach dieser Zeit sind noch alle vier Gründer an Board. Das ist ungewöhnlich, insbesondere dann, wenn die Mehrheitsverhältnisse in der Zwischenzeit gewechselt haben. Bei Aconso ließ sich das Führungsquartett lange Zeit, diesen Schritt zu gehen. Im September 2023 ging mit Keensight Capital erstmals ein externer Investor an Board und ist heute Mehrheitsgesellschafter. Das französische Private-Equity-Unternehmen verwaltet rund 5,5 Milliarden Euro und ist auf Investitionen in den Sektoren Gesundheit und Technologie spezialisiert.

Die Zeichen stehen seither auf Wachstum. "Wir haben den Investor an Bord genommen, weil wir eine starke internationale Expansion vorantreiben wollen", sagt Jänicke. Im DACH-Markt sei Aconso etabliert und als Marke bekannt. Auch verfüge das Unternehmen über zahlreiche namhafte Großkunden. Die Herausforderung liege vielmehr in der Erschließung neuer Regionen: "Der Fokus liegt auf Europa außerhalb des DACH-Raums, vor allem aber auch auf den USA und Asien." Auf die DNA des Unternehmens habe die neue Zielsetzung keine Auswirkungen, betont Jänicke. Die vier Gründer seien weiterhin mit wesentlichen Anteilen am Geschäft beteiligt. Es sei also weiterhin ein gründergeführtes Unternehmen.

Marktführer mit klarer Spezialisierung

Der Umsatz lag im Jahr 2023 bei rund 14 Millionen Euro. Aconso hat nach eigenen Angaben 600 Kunden weltweit, das entspricht rund sechs Millionen Beschäftigen, deren Daten über die Systeme des Anbieters verwaltet werden. In Summe sind das mehr als eine Milliarde HR-Dokumente. Zu den Kunden zählen Konzerne wie Lufthansa, Deutsche Bahn, Allianz oder Siemens sowie Unternehmen aus Handel und Gastronomie wie Dm, Starbucks oder The Body Shop. Der Digitalaktenpionier bezeichnet sich selbstbewusst als Marktführer für Cloud-Software im Bereich Dokumentenmanagement.

Das Produktportfolio reicht inzwischen über die digitale Personalakte hinaus: Dazu gehören Lösungen für Dokumentenerstellung, Dokumentenverarbeitung und automatisierte Workflows, die zunehmend auch KI-Funktionalitäten einbeziehen. Als spezialisierter Anbieter lebt Aconso von der Integration seiner Lösung in HCM-Suiten wie beispielsweise Success Factors von SAP. Die enge Verbindung zu SAP sei historisch gewachsen, räumt der CEO ein.

Für Aconso ist diese Partnerschaft eine wichtiger Erfolgsfaktor. Denn sie schafft dem Anbieter einen starken Marktzugang. Die Hälfte der Aconso-Kunden nutzt die Suite des Walldorfer Softwareriesens. Gleichzeitig verweist er auf die Offenheit gegenüber anderen Plattformen: "Wir haben auch große Kunden, die sowohl Workday, als auch ServiceNow einsetzen. Für ihre Prozesse sind wir dort ein guter Partner und haben die entsprechenden zertifizierten Schnittstellen." Ziel sei es immer gewesen, in die jeweilige Systemlandschaft der Kunden integrierbar zu sein. "Wir sind ein ISV, ein Independent Software Vendor, und wir werden auch unabhängig bleiben", betont Jänicke.

Die digitale Personalakte – alter Hut oder Zukunftsthema?

Nach über zwei Jahrzehnten ist die digitale Personalakte fest mit dem Namen Aconso verbunden. Doch wie lässt sich ein Produkt vermarkten, das es schon so lange gibt? "Am DACH-Markt ist es nicht mehr die Personalakte", stellt Jänicke klar. Heute gehe es vielmehr um dokumentbasierte Prozesse: Erstellung, Verarbeitung, Automatisierung der Abläufe – darauf setzen die Kunden heute. International sei die Situation anders. "Wir sind immer wieder überrascht, wie viel Nachholbedarf es da noch zu den Klassikern wie der Akte gibt", erklärt Jänicke. Während in Deutschland längst weitergehende Automatisierung im Vordergrund stehe, müsse in anderen Märkten häufig zunächst die Basis geschaffen werden.

Dokumentenprozesse automatisieren

Mit der Unterstützung durch Keensight Capital will Aconso den Schritt vom regionalen Softwareanbieter zum internationalen Player schaffen. Partnerschaften wie mit SAP dürften dabei hilfreich sein, ebenso die Integrierbarkeit in die Suiten anderer Anbieter. Ob der Pioniervorteil, den Aconso im deutschsprachigen Raum hatte, auch international zum Tragen kommt, bleibt abzuwarten. Jänicke ist optimistisch. Auch weil die Strategie, mit der sich Aconso in der DACH-Region etabliert und behauptet hat, von Konstanz zeugt: Unabhängig bleiben, Integrationen weiter ausbauen und HR-Dokumentenprozesse kontinuierlich automatisieren, lautet Jänickes Erfolgsformel. Solange die Gründer am Ruder bleiben, dürfte sich daran wenig ändern. 


Zur Serie: Im "Marktgespräch HR Tech" spricht die Haufe Online Redaktion in regelmäßigen Abständen mit Geschäftsführern und Geschäftsführerinnen etablierter Softwarehäuser sowie aufstrebender Startups und beleuchtet dabei die Entwicklungen und Trends im Markt für HR-Software.


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