05.08.2015 | Serie Kolumne Recruiting

Papier-Bewerbung: Zurück in die Zukunft

Serienelemente
Henner Knabenreich, Berater und Blogger, zeigt in seiner Kolumne monatlich neue Recruiting-Trends auf.
Bild: Haufe Online Redaktion

Die Papier-Bewerbung gilt als Relikt des vorigen Jahrhunderts. Zu unrecht, wie eine Studie kürzlich ergeben hat: Gerade unter Jugendlichen erfreut sie sich großer Beliebtheit. Wer eine solch beliebte Bewerbungsform untersagt, handelt grob fahrlässig, findet unser Kolumnist Henner Knabenreich. 

Gehört Ihr Unternehmen eigentlich auch zu den Arbeitgebern, bei denen eine Bewerbung per Post nicht möglich ist? Schicken Sie gar die Bewerbungsunterlagen mit dem Vermerk zurück, er möge sich bitteschön online bewerben, wenn ein Bewerber die Frechheit besitzt, sich per Post zu bewerben? Schließlich haben Sie dafür ja das fortschrittliche E-Recruiting-System angeschafft.

Drei von vier Azubis möchten sich per Post bewerben

Dann sollten Sie vielleicht wissen, dass gemäß der Studie Azubi Recruiting-Trends 2015 die Papierbewerbung nach wie vor bei Schülern die bevorzugte Bewerbungsform darstellt: 71 Prozent der insgesamt 1.428 Befragten favorisieren die Bewerbung mittels der guten alten Schneckenpost.

Nun könnten Sie argumentieren: "Hey, das sind Azubis, mir geht’s um gestandene Fachkräfte." Doch selbst in dieser Zielgruppe geben gemäß der Studie Bewerbungspraxis 2015, die das Jobportal Monster und die Uni Bamberg unter rund 7.000 Bewerbern durchgeführt haben, immerhin neun Prozent der Befragten der Bewerbungsmappe den Vorzug. Gleichauf liegt übrigens die Bewerbung per Online-Formular. Die Bewerbung per E-Mail ist demnach mit 72 Prozent die bevorzugte Bewerbungsform.

Wer seinen Marktwert kennt, bewirbt sich nicht zweimal

Meines Erachtens handeln Unternehmen, die eine Bewerbung per Post strikt untersagen, grob fahrlässig. Ein Kandidat entscheidet sich aus gutem Grund für eine Bewerbungsform. Wenn er meint, sich per Bewerbungsmappe besser präsentieren zu können oder Vorbehalte gegenüber Online-Bewerbungen hat oder auch keine schnelle Internetverbindung hat – auch das soll’s geben –, wird er sich so bewerben.

Solche Kandidaten investieren viel Zeit und Nerven (und Geld) in ihre Bewerbung und sind vielleicht die lang gesuchten Experten für die ausgeschriebene Position. Und Sie brüskieren solche Kandidaten, indem Sie die Unterlagen zurückschicken mit der Aufforderung sich gefälligst online zu bewerben? Bewerber, die sich ihres Marktwertes bewusst sind, werden einen Teufel tun. Im Gegenteil: Sie werden sich garantiert nicht mehr bei Ihnen bewerben.

Bedenken Sie stets, dass der nächste Arbeitgeber stets nur einen Mausklick entfernt ist – auch bei Kandidaten, die sich per Post bewerben.

Tipp: Vorteile von Online-Bewerbungen kommunizieren

Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass die Sichtung und Erfassung von Bewerbungsmappen zu aufwendig sei. Der Anteil an Postbewerbungen fällt erfahrungsgemäß eher gering aus, das Erfassen dieser Bewerbungen ist also das kleinere Übel.

Und Sie können das Ganze durchaus steuern, indem sie etwa entsprechende Hinweise auf das bevorzugte Bewerbungsverfahren (das kann auch durchaus positionsbezogen sein) auf der Karriere-Website geben. Kommunizieren Sie auch, warum Sie Online-Bewerbungen präferieren und welche Vorteile der Bewerber davon hat: etwa Kosten- und, wenn Sie Ihren Recruitingprozess im Griff haben, auch Zeitvorteile. Im Fall, dass Sie auf Online-Bewerbungsverfahren setzen, bieten Sie nutzerfreundliche Systeme oder E-Mail an.

Phobie vor Postbewerbungen führt zu Abschottung

Vielleicht ist diese Phobie vor Postbewerbungen bei manchen Recruitern auch der Grund, warum sich in vielen Stellenanzeigen erst gar keine Postanschrift befindet. Wenig bewerberorientiert ist auch solch ein Gebaren. Können Sie sich noch an Ihre letzte Bewerbung erinnern? Dann wissen Sie sicher auch, wie der Aufbau eines vernünftigen Anschreibens ausschaut. Unter anderem steht dort auch eine Empfängeradresse. Idealerweise sogar mit konkretem Ansprechpartner.

Wie aber soll der Bewerber an diese Adresse, geschweige denn an den Ansprechpartner gelangen? Die Anschrift muss er sich im Zweifelsfall aus dem Impressum suchen. Beim Ansprechpartner wird es dann schon schwieriger. Gerne wird dieser ja weder in der Stellenanzeige noch auf der Karriere-Website kommuniziert. Klar, man möchte ja nicht von lästigen Bewerberbittstellern im Tagesgeschäft gestört werden. Aber genau solche Angaben wünschen sich Bewerber von Arbeitgebern. Sie stellen einen sehr wichtigen Aspekt hinsichtlich positiver Candidate Experience dar.

Und noch mehr: Diese Angaben signalisieren Offenheit und Wertschätzung. Das Unternehmen agiert nicht als der anonyme Arbeitgeber, sondern als der, der sich über eine Kontaktaufnahme und Bewerbung freut.

Also, zeigen Sie, wer Sie sind – gerne auch mit Bild, das gibt zusätzliche Sympathiepunkte. Und erlauben Sie ruhig die Postbewerbung – der Bewerber wird’s Ihnen danken!

Blogger und Berater Henner Knabenreich

Henner Knabenreich ist Geschäftsführer der Knabenreich Consult GmbH. Er berät Unternehmen bei der Optimierung ihres Arbeitgeberauftritts. Zudem ist er Initiator von personalblogger.net und betreibt selbst den Blog personalmarketing2null.de.

Schlagworte zum Thema:  Recruiting, Online-Recruiting, Rekrutierung, Personalmarketing

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