Impulse für eine inklusive Arbeitswelt
Haufe Online-Redaktion: Das Thema Inklusion wird in den Medien immer präsenter. Zeigt das, dass es in den Unternehmen angekommen ist?
Christina Marx: Das Thema kommt in den Unternehmen an, aber noch nicht überall gleich. Zum einen sehen wir einen signifikanten Unterschied zwischen Unternehmen der Privatwirtschaft und dem Öffentlichen Dienst. Letzterer übertrifft die Fünf-Prozent-Pflichtquote für die Beschäftigung von Schwerbehinderten mit 6,6 Prozent. Die Arbeitgeber in der Privatwirtschaft aber erfüllen die Quote nach wie vor nicht: Sie liegen bei 4,1 Prozent.
Der andere große Unterschied ist der zwischen Großunternehmen auf der einen Seite und kleinen und mittleren Betrieben auf der anderen Seite. Kurz gesagt: Je größer ein Unternehmen ist, umso eher erfüllt es die Fünf-Prozent-Quote. Das ist auch darauf zurückzuführen, dass es in großen Unternehmen Ressourcen für Diversity Management gibt und man sich dort auch beispielsweise mit Barrierefreiheit am Arbeitsplatz oder auch Themen wie dem betrieblichen Eingliederungsmanagement auskennt.
Haufe Online-Redaktion: Wie kann die Bereitschaft zur Einstellung von Schwerbehinderten erhöht werden?
Marx: Mit Information, Aufklärung, Beratung. Wir sprechen in Deutschland über wenige Großunternehmen und Konzerne, aber über 3,4 Millionen Klein- und Kleinstunternehmen. Und Betriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern unterliegen nicht der gesetzlichen Beschäftigungspflicht. Das heißt, dass wir diese potentiellen Arbeitgeber nur durch Information davon überzeugen können, dass auch Bewerber mit Behinderung wertvolle Fähigkeiten mitbringen, und dass es gar nicht so kompliziert ist, jemanden mit Behinderung einzustellen. Wichtig sind außerdem die staatliche Förderung und Unterstützungsangebote, aber die sind immer noch viel zu wenig bekannt. Und oft haben Arbeitgeber, nicht immer ohne Grund, Angst vor zu viel Bürokratie, zu vielen Ansprechpartnern, zu langer Verfahrensdauer.
Haufe Online-Redaktion: Viele Unternehmen sehen die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen immer noch alleine als "gute Tat". Was bringt die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen den Betrieben selbst?
Marx: Unternehmen müssen keine guten Taten vollbringen. Ihre gute Tat ist das Schaffen von Arbeitsplätzen, und da muss natürlich jeder Unternehmer Kosten und Nutzen abwägen. Deshalb wollen wir darüber aufklären, dass Betriebe ganz konkrete Vorteile haben, wenn sie den Arbeitskräftepool der Menschen mit Behinderung in den Blick nehmen. Gerade die staatlichen Fördermittel machen sehr viel möglich. Es gibt Zuschüsse für Arbeitshilfen, Kostenübernahme für befristete Probebeschäftigung - das geht bis zur finanziellen Förderung von modernen, barrierefreien Arbeitsplätzen.
Wer sich einmal damit auskennt, findet qualifizierte Mitarbeiter da, wo zurzeit noch nicht alle suchen. Wir wissen aus der jüngsten Erhebung unseres "Inklusionsbarometers Arbeit", dass drei Viertel der Arbeitgeber keine Leistungsunterschiede zwischen Beschäftigten mit und ohne Behinderung feststellen. Im Gegenteil: viele Arbeitgeber schätzen die Zuverlässigkeit und Loyalität dieser Arbeitnehmer.
Haufe Online-Redaktion: Wie können Unternehmen, die inklusive Arbeitsbedingungen schaffen wollen, vorgehen?
Marx: Sie können zunächst einmal die Tätigkeitsprofile und die Arbeitsplätze daraufhin prüfen, ob sie für Mitarbeiter mit Behinderung geeignet sind und wie Arbeitsplätze barrierefrei gemacht werden können. Die Integrationsämter und die Bundesagentur für Arbeit oder auch spezialisierte Inklusionsberater unterstützen da sehr kompetent. Genauso wichtig ist es, im Recruiting inklusiv vorzugehen. Ist die Stellenausschreibung so formuliert, zum Beispiel mit Informationen zur Barrierefreiheit des Arbeitsplatzes, dass auch Menschen mit Behinderung sich angesprochen fühlen? Und es ist entscheidend, in der Personalauswahl Menschen mit Behinderung ernsthaft in Betracht zu ziehen. Da ist Mitleid völlig fehl am Platz. Wenn der Bewerber mit Behinderung die passenden Fähigkeiten hat, stellen sie ihn ein. Ein Ingenieur im Rollstuhl ist nun mal ein Ingenieur. Was denn sonst?
Terminhinweis: Der Zukunftskongress der Aktion Mensch findet am 2. und 3. Dezember 2014 in der Arena Berlin ein. Vordenker wie Professor Jonathan Kaufman, Berater der Vereinten Nationen und Gründer der Firma Disability Works in New York, sowie Professorin Elisabeth Wacker, Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats zum Bundesteilhabebericht, bringen Impulse für die aktive Gestaltung einer inklusiven Gesellschaft.
Hinweis: Bereits in der Ausgabe 11/2012 beschäftigte sich das Personalmagazin ausführlich damit, wie Menschen mit Behinderung die Unternehmen voranbringen und welche rechtlichen Aspekte Personaler dabei beachten müssen.
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