24.04.2017 | Informelles Lernen

Echter Spaß ist wichtiger als eine gute Lernkultur

Viele Unternehmen wie Google (Bild) setzen auf Spaß bei der Arbeit. Dies könnte laut einer US-Studie auch das Lernen am Arbeitsplatz verbessern.
Bild: Google Inc.

Eine gute betriebliche Lernkultur zu fördern ist wichtig – keine Frage. Doch nun haben US-Forscher herausgefunden, dass Spaß bei der Arbeit das informelle Lernen am Arbeitsplatz sogar mehr begünstigen kann als eine aktiv geförderte Lernkultur. Doch sie warnen davor, die Spaßförderung zu übertreiben.

Informelles Lernen gilt als Lerntrend der Zukunft. Im beruflichen Umfeld ist damit etwa gemeint, dass Mitarbeiter bei der Arbeit – meist beiläufig – Dinge lernen, die sie für ihre Tätigkeit gebrauchen können. Da beim informellen Lernen am Arbeitsplatz allerdings meist ungerichtet gelernt wird, ist es schwierig, den Lernaufwand und -erfolg zu messen und verlässliche Erfolgsfaktoren dafür zu definieren.

Informelles Lernen ist oft besonders wichtig

Einen Erfolgsfaktor für informelles Lernen am Arbeitsplatz konnten nun aber US-Wissenschaftler in einer Studie ausmachen: Spaß bei der Arbeit. Wer am Arbeitsplatz Spaß hat, lernt dort auch besser, lautet die Quintessenz der Studie der Penn State University, die in der Fachzeitschrift "Journal of Vocational Behavior" erschienen ist.

An der Studie nahmen 206 Manager aus 80 Restaurants teil. Die Forscher hatten deswegen Restaurantmanager ausgewählt, weil informelles Lernen in deren Arbeitsumgebung eine besonders wichtige Rolle spielt: Im Restaurant ist formelles Lernen nur sehr begrenzt möglich.

Die Teilnehmer sollten Arbeitsplatzaktivitäten bewerten, die den Spaß bei der Arbeit erhöhen und vom Management gefördert werden können. Die Teilnehmer wurden unter anderem zu Teambuilding-Aktivitäten befragt und dazu, inwieweit ihr eigener Vorgesetzter für Spaß bei der Arbeit sorgt, ob bei ihnen besondere Anlässe wie das Erreichen wichtiger Ziele gefeiert werden und welche Einstellung sie selbst gegenüber informellem Lernen im Restaurant haben.

Spaß ist wichtiger als Lern-Unterstützung

Bei der Auswertung der Ergebnisse stellten die Forscher fest, wie wichtig es für das informelle Lernen ist, dass der Vorgesetzte keine Spaßbremse ist: Denn dass die Führungskraft eine von Spaß geprägte Arbeitsumgebung fördert, ist demzufolge für das Lernen am Arbeitsplatz sogar wichtiger, als dass sie das Lernen selbst fördert.

"In der Fachliteratur heißt es meist, dass Führungskräfte das Lernen unterstützen oder ein gutes Lernklima schaffen müssen, und dass dadurch eine Lernkultur entstehen kann, in der die Mitarbeiter voneinander lernen können", kommentiert Co-Studienautor Michael Tews, Associate Professor an der Penn State University, die Ergebnisse. "Wir können nun aber zeigen, dass Spaß bei der Arbeit genauso wichtig – oder sogar noch wichtiger – ist als die Unterstützung des Lernens selbst."

Wer Spaß hat, probiert gern Neues aus

Die Forscher erklären sich den Zusammenhang damit, dass Spaß bei der Arbeit für eine bessere Lernumgebung sorgt. Ihrer Meinung nach sind es also nicht die spaßfördernden Aktivitäten selbst, die beim Lernen helfen – sondern die gute Atmosphäre, die sie zu schaffen helfen. Haben Menschen Spaß bei der Arbeit, so die Erklärung der Forscher, probieren sie auch lieber neue Dinge aus und fürchten sich nicht so sehr davor Fehler zu machen.

Co-Studienautor Michael Tews ist Associate Professor an der Penn State University.
Bild: Patrick Mansell

"Das Wichtigste ist aber: Wenn die Arbeit Spaß macht, wird ein sicheres Lernumfeld geschaffen", fasst Tews die Ergebnisse zusammen.

Spaß stärkt den Gruppenzusammenhalt

Daneben weisen die Wissenschaftler noch auf einen weiteren positiven Nebeneffekt von Spaß am Arbeitsplatz hin: Er könne auch die Beziehungen zwischen den Mitarbeitern verbessern und so dazu führen, dass sie sich gegenseitig helfen.

"Spaß stärkt den Gruppenzusammenhalt", sagt Tews. "Wenn sie Spaß haben, lernen sich die Mitarbeiter besser kennen, haben bessere Beziehungen und sind besser in der Lage, sich gegenseitig zu helfen." Zudem könne Spaß die Mitarbeiter auch resilienter und optimistischer machen. Bisher würden Führungskräfte Spaß am Arbeitsplatz aber häufig noch als Ablenkung der Mitarbeiter verstehen.

Ähnliches hatten frühere Studien auch beim Thema "Humor" gezeigt: So ergab etwa eine Studie der Uni Mannheim, dass humorvolle Führungskräfte bessere Beziehungen zu ihren Mitarbeitern aufbauen können.

Nachteil der Spaßkultur: Produktivität kann leiden

Mit Blick auf die aktuellen Studienergebnisse schränkt Co-Autor Tews allerdings ein, dass Spaß kein Allheilmittel sei, um die Produktivität und das Lernen am Arbeitsplatz zu fördern. Denn frühere Studien hatten gezeigt, dass sich Spaß bei der Arbeit zwar positiv auf die Mitarbeiterbindung auswirkt – aber die Produktivität darunter leiden kann. Tews empfiehlt deshalb Führungskräften, dass sie spaßfördernde Aktivitäten sorgfältig auswählen sollten, um die Mitarbeiter zum Lernen zu ermutigen und gleichzeitig auch deren Produktivität zu steigern.

"Bei allen Management-Taktiken gibt es Vor- und Nachteile", resümiert Tews. "Den perfekten Arbeitsplatz wird es nicht geben, ebenso wenig wie perfekte Management-Maßnahmen – man muss also entscheiden, was man will."

Um die Ergebnisse der Studie auch für andere Mitarbeitergruppen zu validieren sei weitere Forschung nötig, so Tews. Die nun vorliegenden Ergebnisse würden jedoch die These stützen, dass Spaß am Arbeitsplatz einen instrumentellen Wert habe.

Unzufriedene Mitarbeiter sind mitunter produktiver als zufriedene

Spaß bei der Arbeit gilt bereits für viele Arbeitgeber als probates Mittel, talentierte Mitarbeiter zu finden und zu behalten. Tech-Unternehmen wie Google machen es vor und überbieten sich gegenseitig mit bunten Einrichtungsgegenständen und Aktivitäten, die mehr Spaß bei der Arbeit bringen sollen – etwa, indem sie Rutschen oder Kickertische in Büros einbauen oder Friseur- und Masseurdienste kostenlos zur Verfügung stellen (mehr zum Konzept von Google erfahren Sie im Beitrag "Jenseits des Regenbogens" in Ausgabe 07/2015 des "Personalmagazins").

Kritiker warnen jedoch vor Negativ-Konsequenzen dieser verordneten Spaßkultur. So weist etwa André Spicer, Professor für Organisationsverhalten an der Cass Business School der City University in London, in einem Interview mit "Brand eins" darauf hin, dass die Spaßkultur der Produktivität deutlich mehr schaden könnte, als so mancher Arbeitgeber denkt.

Spicer zitiert verschiedene Studien, die nahelegen, dass Spaß bei der Arbeit sich tatsächlich negativ auf die Produktivität auswirkt. Eine Studie der Warwick Business School, die Spicer ebenfalls heranzieht, hat sogar ergeben, dass in einer großen britischen Supermarktkette genau in jenen Filialen die Produktivität und der Umsatz am höchsten waren, in denen die Angestellten am unzufriedensten waren.

"Was gut für die Produktivität ist, hat das britische Department for Business, Innovation & Skills kürzlich untersucht", resümiert Spicer in dem Interview. "Dort kamen die Forscher zu dem Schluss, dass Spaß an der Arbeit nicht durch Kickertische oder bunte Tapeten in den Fluren entsteht, sondern durch eine erfüllende Tätigkeit."

Die komplette Studie "Does fun promote learning? The relationship between fun in the workplace and informal learning" können Sie hier in der Online-Ausgabe der Zeitschrift "Journal of Vocational Behavior" lesen.

Schlagworte zum Thema:  Weiterbildung, Personalentwicklung, Lernen, Mitarbeitermotivation, Unternehmenskultur

Aktuell
Meistgelesen