Tag der Deutschen Einheit

Gehaltslücken zwischen Ost und West schließen sich nur langsam


Arbeitsmarkt: Vergleich Ost- und Westdeutschland

Am 3. Oktober feiert die Bundesrepublik 35 Jahre Deutsche Einheit. In vielen Bereichen in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt haben sich die ost- und westdeutschen Bundesländer einander angenähert. Doch manche Unterschiede - beispielsweise beim Lohn - bestehen nach wie vor.

In den drei Jahrzehnten seit der deutschen Vereinigung ist die Wirtschaft in Deutschland gewachsen. Insbesondere in den östlichen Bundesländern sind seit 1991, gemessen am preisbereinigten Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohnerin und Einwohner, große Aufholeffekte zu beobachten. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Demnach verzeichnete Thüringen mit 163 Prozent die deutlichste Steigerung des preisbereinigten BIP pro Kopf zwischen 1991 und 2024, Schleswig-Holstein mit 17 Prozent die schwächste. Gesamthaft hat Deutschland seine Wirtschaftskraft seit 1991 pro Kopf um 40 Prozent gesteigert.

Wirtschaftliche Angleichung von Ost und West stagniert

Eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt jedoch auf, dass die ostdeutsche Wirtschaft nach wie vor deutlich hinter dem Westen zurückliegt. Die Forschenden haben dafür die wirtschaftliche Entwicklung in den Bundesländern seit 1990 mithilfe des IW-Einheitsindex und weiterer Daten verglichen. Laut der Studie hat die Wirtschaft in den östlichen Bundesländern zwar rund 78 Prozent des Westniveaus erreicht, seit fünf Jahren stagniert die Angleichung jedoch. Zuletzt sei der Osten sogar leicht zurückgefallen.

Wo der Osten wirtschaftlich schwächelt

Das IW hat vier Bereiche identifiziert, in denen nach wie vor hartnäckige Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und in den zugrunde liegenden wirtschaftlichen Strukturen bestehen:

  • Erwerbsbeteiligung: Die ostdeutsche Erwerbsbeteiligung liegt laut IW-Studie bei 86 Prozent des westdeutschen Werts und damit auf dem Niveau von 2020. Langfristig werde sie weiter abnehmen, weil die Bevölkerung in Ostdeutschland stärker altert. Im Jahr 2022 war mehr als jeder vierte Ostdeutsche älter als 65 Jahre, im Westen war es etwa jeder Fünfte.  
  • Innovationstätigkeit: Drei Viertel aller Beschäftigten in Forschung und Entwicklung arbeiten in Deutschland in einem Unternehmen mit über 500 Mitarbeitenden. Auch weil solche Großunternehmen im Osten rar sind, liege die Innovationstätigkeit dort erheblich unter Westniveau, so die IW-Studie. Das zeige sich zum Beispiel bei den Patenten: Im Schnitt melden westdeutsche Unternehmen fünfmal so viele Patente an wie ihre ostdeutschen Pendants.  
  • Digitalisierung: Das IW verweist darauf, dass Unternehmensbefragungen Nachholbedarf bei der Digitalisierung ostdeutscher Firmen deutlich machen. Die Informations- und Kommunikationsbranche trägt mit rund drei Prozent etwa die Hälfte des westdeutschen Werts zur Bruttowertschöpfung bei. Das IW wertet das als Hinweis auf deutliche Defizite bei Digitalisierung und Vernetzung der Wirtschaft. 
  • Investitionen: Auch die Investitionen verharren laut IW-Studie in Ostdeutschland seit 2010 bei rund 70 Prozent des westdeutschen Pro-Kopf-Werts. Während des Vereinigungsbooms 1995 waren sie knapp 50 Prozent höher als im Westen.

Lohngefälle zwischen West und Ost

Auch bei den Löhnen bestehen nach wie vor beträchtliche Unterschiede. Das zeigt eine Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der arbeitgebernahen Hans-Böckler-Stiftung auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts.

Während Vollzeitbeschäftigte in Westdeutschland im Jahr 2024 durchschnittlich 4.810 Euro brutto im Monat verdienten, waren es in Ostdeutschland demnach nur 3.973 Euro monatlich. Das ist ein Unterschied von 17,4 Prozent. 1991 lagen die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den östlichen Bundesländern bei 924 Euro, in den westlichen Ländern (mit Berlin-West) bei 1.987 Euro – also mehr als doppelt so hoch.

Der Angleichsprozess hat sich in den vergangenen zehn Jahren beschleunigt. Das führen die Forschenden unter anderem auf den Mindestlohn zurück, der 2015 eingeführt wurde. Am unteren Ende der Lohnverteilung gibt es mittlerweile kaum noch Ost-West-Unterschiede: Die Stundenlöhne am 1. Dezil, das das untere Zehntel der Lohnverteilung vom Rest abgrenzt, lagen im April 2024 in Ostdeutschland bei 12,87 Euro und damit 1,0 Prozent unter dem Westniveau. Im Jahr 2014, also vor Einführung des Mindestlohns, betrug der Ost-West-Abstand am 1. Dezil noch 17,5 Prozent.

Erwerbstätigkeit von Frauen in Ost und West gleichauf

Die Erwerbstätigkeit von Frauen ist laut Statistischem Bundesamt seit der deutschen Vereinigung 1991 gestiegen. Waren 1991 nur 57 Prozent der Frauen erwerbstätig, erreichte die Quote  im Jahr 2024 knapp drei Viertel (74 Prozent). In den östlichen Bundesländern und Berlin war die Frauenerwerbstätigkeit 1991 mit 66 Prozent höher als in den westlichen Bundesländern mit 54 Prozent.

In den östlichen Bundesländern und Berlin ging sie, wie die Erwerbsbeteiligung insgesamt, in den 1990er-Jahren zurück und erreichte erst Ende der 2000er-Jahre wieder das Niveau von 1991. In den westlichen Bundesländern stieg der Anteil der erwerbstätigen Frauen seit den 2000er-Jahren an und erreichte 2024 mit 74 Prozent das Niveau der östlichen Länder und Berlin.

Gender Pay Gap im Osten deutlich kleiner

Der Verdienstabstand pro Stunde von Frauen und Männern, der Gender Pay Gap, war 2024 im Osten niedriger als im Westen. Der unbereinigte Gender Pay Gap lag im Jahr 2024 deutschlandweit bei 16 Prozent. In den westlichen Bundesländern und Berlin lag er bei 17 Prozent, während er in den östlichen Bundesländern mit 5 Prozent deutlich geringer ausfiel.


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