EMBA-Studium: Erfahrungen der HR-Managerin Sarah Ungar

Anfangs war sie skeptisch, ob sie sich ein MBA-Studium zutrauen konnte und wollte. Doch die teils entbehrungsreiche Zeit hat sich bezahlt gemacht: Sarah Ungar ist Director People Excellence bei Rolls-Royce Power Systems und hat viel in Sachen Diversity und Führung gelernt.

Zuerst fing sie an zu schreien, als sie knapp 50 Meter von der Turmspitze in die Tiefe blickte. Doch der Kletterprofi hinter ihr verpasste ihr einen Schubs und sobald sie im Haltegurt am Seil hing, kam die Erkenntnis, dass es ganz einfach funktioniert: Sie konnte die Situation kontrollieren und sich im eigenen Tempo herunterlassen. "Das war für mich ein nachhaltiges Erlebnis. Es lohnt sich, Mut zu haben und Dinge auszuprobieren", resümiert Sarah Ungar eine Erfahrung, die sie gleich zu Beginn ihres Executive-MBA-Studiums an der ESMT Berlin machte.

Die 39-jährige HR-Managerin gehörte fachlich immer zu den Besten, ihr BWL-Studium absolvierte sie mit der Note 1,3. Nach einem Traineeprogramm wurde sie mit 27 Jahren Personalleiterin im Bereich Engineering Service von Thyssen-Krupp, später war sie für 400 Leute in zwei Gesellschaften verantwortlich.

EMBA-Studium: Nicht von Selbstzweifeln abschrecken lassen

Zweimal in Folge standen Restrukturierungen auf ihrer Agenda und der Entschluss reifte, stärker positiv gestalten zu wollen. Sie verzichtete auf ihre Leitungsfunktion, um als "Expert Talent Brokerage", eine Art Karriereberaterin, die Führungskräfte im Konzern zu begleiten. Trotz dieser Expertise hatte Ungar Zweifel, ob sie ein MBA-Studium würde stemmen können. Sie liebäugelte mit einer akademischen Weiterbildung, wollte sich noch einmal richtig gedanklich selbst herausfordern.

Über Kollegen kam sie auf das Studium an der ESMT Berlin – Thyssen-Krupp ist eines der Gründungsunternehmen und Fördermitglied der Business School. Als sie ihrem damaligen Chef den Executive MBA als Weiterbildungsmaßnahme vorschlug, rüstete sie sich dennoch für eine Absage. Aber er sagte: "Gute Idee!" Die Unterstützung stand, die Studiengebühren übernahm das Unternehmen und auch die Aufnahmeprüfung bestand sie mit Bravour.

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Heute ist sie froh, dass sie sich nicht vom Arbeitsaufwand hat abschrecken lassen – 15 bis 20 Stunden pro Woche müsse man investieren. Der beste Tipp kam von einem Kollegen: "Schließ vor Studienbeginn kein Netflix-Abo ab!" Trotz derartigem Verzicht begeisterte sie ihr Studium in vielerlei Hinsicht. 

Studienschwerpunkte und Perspektivenvielfalt zählen beim MBA

Die Schwerpunkte lagen in den Themen Leadership, Technologie und Innovation sowie General Management. "Das war die perfekte Ergänzung zu meiner bisherigen Laufbahn und passte auch hervorragend zu meinen persönlichen Interessen. Selbstreflexion war ebenfalls ein wesentlicher Teil des Programms – begleitet durch Coachings und ein 360-Grad-Feedback."

Als Personalerin war sie eher die Ausnahme unter 51 Studierenden aus 27 Nationen – eine Virologin, ein Kommilitone aus dem Musikgeschäft und der CEO von General Electric in Indien waren dabei. Sie verbrachte eine Woche an der University of California in Berkeley. Zuletzt war sie kurz vor dem Corona-Lockdown zwei Wochen in Südafrika, besuchte dort mit der gesamten Klasse Unternehmen und NGOs. "Diese unterschiedlichen Perspektiven waren sehr bereichernd. Eine solche Vielfalt der Meinungen und Persönlichkeiten zu erleben, hilft mir heute, das Thema Diversity im Unternehmen positiv zu gestalten", so Ungar. Zutrauen in sich selbst statt Fähnchen im Wind – das hat sie dabei für ihre Haltung in Sachen Führung mitgenommen.

Hoher Aufwand des Studiums bringt Höhen und Tiefen

Dennoch bewegte sich ihre Stimmung nicht immer am oberen Ende der Skala. "Unser Dekan hatte uns vorgewarnt: Zuerst sind die Teilnehmer euphorisch, alles ist spannend und man lernt neue Leute kennen. Dann geht die Kurve lange nach unten, wenn der Reality Check kommt, man viel lesen, Hausarbeiten schreiben und Prüfungen ablegen muss." Da seien "Akten-Ordner" an Material zusammengekommen, zahlreiche Case Studies (auch zu Netflix), die sie durcharbeiten musste. "Freunde und Familie waren für mich in der Zeit sehr wichtig, um einen Ausgleich zu haben. Sonst verliert man noch irgendwann die Orientierung."

Learning: Stärker vom Business her denken

Mitte 2019 kam der Wechsel zu Rolls-Royce – im krisengebeutelten Industriekonzern Thyssen-Krupp waren die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung begrenzt. Sie nutzte die Chance für einen Entwicklungsschritt: Die neue Position brachte Ungar wieder Führungsverantwortung ein, für die der MBA heute eine große Hilfe ist. Innerhalb des Geschäftsbereichs Power Systems mit knapp 11.000 Beschäftigten weltweit ist die HR-Managerin für die Themen Talent Management, Leadership Development, Culture, Recruiting und Diversity & Inclusion zuständig.

Heute denke ich stärker vom Business her. Der Executive MBA hat mir als Personalerin geholfen, unsere internen und externen Kunden besser zu verstehen." - Sarah Ungar, Director People Excellence bei Rolls-Royce Power Systems


Das Unternehmen wandelt sich stark: Der Motorenbauer entwickelt inzwischen komplette Lösungen für Schiffsantriebe, schwere Fahrzeuge oder unabhängige Energiesysteme, die nachhaltiger, sicherer und sauberer werden sollen. Im Transformationsprogramm "Fit2X" bringt Ungar sich dabei mit Themen ein, die nicht nur HR betreffen. Ihre Expertise ist aber insbesondere bei den Themen Feedbackkultur, "New Ways of Working" sowie als Projektleiterin der jährlichen Gallup-Mitarbeiterbefragung gefragt. "Heute denke ich stärker vom Business her. Der Executive MBA hat mir als Personalerin geholfen, unsere internen und externen Kunden besser zu verstehen und meine Themen und Projekte danach auszurichten.“

Entwicklung ist mit dem MBA-Abschluss nicht vorbei

Eine kritische Phase erlebte die HR-Managerin gegen Ende des Studiums mit ihrer Masterarbeit zum Thema "Diversity Management in Annual Reports of German DAX Companies". Sie musste die Fragestellung während des Schreibens modifizieren und anschließend mehrere tausend Seiten Geschäftsberichte analysieren. Doch die Unsicherheit ist schnell gewichen und der eingeschlagene Weg war für Ungar goldrichtig: Die Note 1,0 für die Arbeit sei eine schöne Bestätigung dafür. Und letztlich zähle im Job sowieso nicht das "Qualitätslabel MBA", sondern der Anspruch an sich selbst und wie man Reflexion und Erfahrungen in den Alltag einfließen lasse: "Mir kommt es darauf an, mich im Denken, Handeln und als Persönlichkeit – gemeinsam mit anderen Menschen und dem Unternehmen – ständig weiterzuentwickeln."


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