Gottwald/Mock, Zwangsvollst... / 3.2 Bedürftigkeitsgrenze (Abs. 1 Nr. 1 lit a)
 

Rz. 9

Die Regelung setzt eine rechtliche – nicht lediglich moralische – Unterhaltspflicht ("Personen, denen er Unterhalt zu gewähren hat") zur Unterhaltsgewährung voraus (OVG Lüneburg, FamRZ 2011, 1235; Zöller/Herget, § 850f Rn. 2a; so auch OLG Köln, MDR 2009, 953 = Rpfleger 2009, 517 = FamRZ 2009, 1697, das allerdings eine analoge Anwendung des § 850f ZPO bei tatsächlichen Unterhaltsleistungen an Stiefkinder im Rahmen der Bedarfsgemeinschaft offen lässt; anders: AG Dorsten, ZVI 2018, 162, das eine Analogie zulässt) und dass dieser auch tatsächlich (Thomas/Putzo/Seiler, § 850f Rn. 3) geleistet wird. Eine analoge Anwendung auf faktische Unterhaltspflichten in Gestalt einer sozialrechtlichen Einbeziehung in eine Bedarfsgemeinschaft ist ausgeschlossen (VG Hannover, Beschluss v. 15.6.2009, 2 B 1717/09 – Juris; a. A. OLG Frankfurt, ZVI 2008, 384 =  OLGR Frankfurt 2009, 117; LG Hamburg, ZVI 2018, 161; AG Dorsten ZVI 2018, 162). Streitig ist, ob auch hier wie in § 850c ZPO eine gesetzliche Unterhaltspflicht zu fordern ist (so Stöber, Rn. 1176m) oder ob darüber hinaus eine Unterhaltspflicht aus anderen Gründen den Schuldner in gleicher Weise schutzwürdig macht, so z. B. wenn der Schuldner sich gegenüber dem Ausländeramt im Interesse der Familienzusammenführung verpflichten musste, den minderjährigen Kindern seiner Ehefrau Unterhalt zu gewähren (LG Limburg, Rpfleger 2003, 141), oder wenn z. B. vertragliche Unterhaltspflichten bestehen. Fehlt daher eine solche Pflicht zur Unterhaltsgewährung, so soll das Gericht gerade nicht befugt sein, eine individuelle, von den Bestimmungen des § 850c ZPO abweichende Regelung zu treffen.

 

Rz. 10

Antragsberechtigt ist nur der Schuldner, nicht hingegen ein Unterhaltsberechtigter, zu dessen Gunsten der Pfändungsfreibetrag erhöht werden soll (a. A. MünchKomm/ZPO-Smid, § 850f Rn. 2; Zöller/Herget, § 850f Rn. 12; Musielak/Voit/Becker, § 850f Rn. 16 m. w. N.), ebenso der Drittschuldner (LG Essen, MDR 1969, 225; MünchKomm/ZPO-Smid, § 850f Rn. 2). Vor Erlass einer Entscheidung, die regelmäßig durch Beschluss ergeht (§ 764 Abs. 3 ZPO), ist der Gläubiger anzuhören. Der Schuldner hat die anspruchsbegründeten Tatsachen schlüssig darzulegen (OLG Köln, Rpfleger 2009, 517). Mit stattgebendem Antrag wird die früher ausgebrachte Pfändung teilweise aufgehoben. Auf eine abändernde Rechtsmittelentscheidung kann die Pfändung nur dann mit dem alten Rang wieder aufleben, wenn das Gericht die Erhöhung von der Rechtskraft seiner Entscheidung abhängig gemacht hat (OLG Köln, NJW 1993, 393).

 

Rz. 11

Der Schuldner kann durch eine Bescheinigung des für ihn zuständigen Sozialhilfeträgers den Beweis erbringen, dass die ihm belassenen Mittel das Existenzminimum unterschreiten (vgl. BT-Drucks. 12/1754 S. 17; BGH, ZINsO 2017, 2429; AG Wiesbaden, ZVI 2008, 122; BGH, NJW-RR 2004, 506; BGH, NJW 2003, 2918; OLG Frankfurt am Main, Rpfleger 2001, 38; Musielak/Becker, § 850f Rn. 2; Thomas/Putzo/Seiler, § 850f Rn. 2). Die Bestimmung des dem Schuldner und seiner Familie zu belassenden Freibetrages erfolgt nach SGB II und XII. Das Vollstreckungsgericht ist aber nicht an eine Bescheinigung über eine hypothetisch zu zahlende Sozialhilfe gebunden (OLG Köln, JurBüro 1999, 606), ebenso nicht an die Empfehlungen des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge (im Anschluss an BVerwGE 115, 331; BGH, BGHZ 156, 30 = NJW 2003, 2918 = FamRZ 2003, 1466 = Rpfleger 2003, 593 = BGHReport 2003, 1237 = ZFE 2003, 344 = InVo 2003, 442 = FamRZ 2003, 1743 = MDR 2004, 53 = ZVI 2003, 648 = FuR 2004, 78 = KTS 2004, 74 = KKZ 2004, 223 = Vollstreckung effektiv 2005, 117 = FPR 2004, 145 = JuS 2004, 169). Nach der Neufassung des § 850f Abs. 1a ZPO zum 1.1.2005 ist erwerbstätigen Schuldnern der sozialhilferechtliche Pauschalbetrag i. H. v. 30 % für den mit der Erwerbstätigkeit verbundenen Mehraufwand auch ohne konkreten Nachweis zuzubilligen (LG Stuttgart, FamRZ 2005, 1103; OLG Frankfurt am Main, Rpfleger 2001, 38; OLG Karlsruhe, FamRZ 2000, 365; AG Stuttgart, Rpfleger 96, 360; LG Stuttgart, InVo 2005, 281; Stöber, Rn. 1176e; a. A. OLG Köln, JurBüro 1999, 606). Der Mehrbedarf für Erwerbstätige zählt zum sozialhilferechtlichen Mindestbedarf (BVerfGE 87, 153 = NJW 92, 3153). Dies unterstreicht den Zweck der Regelung. Der Schuldner ist deshalb grds. nicht schlechter zu stellen als ein Sozialhilfeempfänger. Da bei letzterem gem. § 82 Abs. 3 SGB XII ein Betrag von 30 % des Einkommens aus selbstständiger und nichtselbstständiger Tätigkeit abzusetzen ist, ist es angemessen, einem Schuldner bei der Berechnung des fiktiven Sozialhilfebedarfs ohne konkreten Nachweis einen 30 % igen Zuschlag zum Regelsatz zu gewähren.

 

Rz. 12

Der erweiterte pfändungsfreie Teil gemäß Abs. 1 lit. a) entspricht dem Betrag, der nach den Vorschriften des SGB XII an den Schuldner ergänzend als Sozialhilfe zum Lebensunterhalt zu leisten wäre (BGH, WM 2018 1655 = ZINsO 2018, 2015; BGH, NZI 2009, 655 = Grundeigentum 2009, 1181 = NZM 2009, 708 = MDR 2009, 1189 = NJW-RR 2009, 1459 = Rpfl...

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