New Work im Public Sector – Modell der Zukunft?

Corona hat das Arbeiten in den Amtsstuben, Behörden und Verwaltungen durcheinandergewirbelt. Homeoffice, mobiles Arbeiten und Videotelefonie gingen plötzlich ganz schnell. Und für viele völlig überraschend: Die Arbeit wurde trotzdem erledigt, die Projekte liefen weiter und das Team brach nicht völlig auseinander.

New Work: Was ist das eigentlich?

Die Erfahrungen der vergangenen Monate sind Grund genug, darüber nachzudenken, wie es nach Corona weitergeht und wie das Arbeiten der Zukunft aussieht. Ein oft bedienter Begriff in diesem Zusammenhang ist „New Work“. Aber was ist das eigentlich und kann der öffentliche Sektor wirklich New Work? 

„Arbeit ist das, was wir wirklich, wirklich wollen.“

New Work ist nicht neu! Vielmehr hat Frithjof Bergmann vor über 40 Jahren gefragt: Womit wollen wir eigentlich wirklich unsere Zeit verbringen?

Die Antwort darauf wird vielfach nicht wirklich etwas mit der Arbeit, dem Beruf oder neudeutsch unserem Job zu tun haben. Bergmanns philosophische Überlegungen stellen vielmehr die Freiheit des Menschen in das Zentrum. Nichts scheint den Menschen jedoch unfreier zu machen als Arbeit. Früh sah Bergmann zudem die Gefahr der Digitalisierung und Automatisierung darin, dass die Menschen ihre Arbeit an die Maschinen verlieren. Insoweit muss man feststellen, dass New Work als Synonym für mobiles, flexibles Arbeiten Bergmanns Theorie extrem verkürzt.

New Work bedeutet, sich als Organisation aktiv mit neuen Ideen und Innovationen auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch die Freiheit, neue Konzepte, Tools und Prozesse ausprobieren zu können.

Dennoch bleibt New Work ein Synonym für das Arbeiten der Zukunft. Seit vielen Jahren bringe ich Behörden und Organisationen des Public Sectors diese Idee näher. Um die Frage zu beantworten, wie sich der öffentliche Dienst hier aktuell positioniert, stütze ich mich auf die New Work Charta von humanfy, zu deren Erstunterzeichner ich gehöre.

Innovation und Fehlerkultur

New Work bedeutet, sich als Organisation aktiv mit neuen Ideen und Innovationen auseinanderzusetzen. Dazu gehört auch die Freiheit, neue Konzepte, Tools und Prozesse ausprobieren zu können. Wer dann etwas testet, wird manchmal feststellen: Es funktioniert nicht. Diese "Fehler" machen zu dürfen, ist elementar wichtig bei New Work. Denn: nur so lernt man.

Wie geht also Ihre Organisation mit Ideen um? Der schriftliche Antrag (!) der Ideenbörsen ist jedenfalls weit weg von New Work. Wenn dann noch in der Hierarchie entschieden wird, was eine gute Idee ist, wird es schwierig. Verstehen Führungskräfte immer die Innovation? Sind sie objektiv, wenn der Vorschlag die eigene Abteilung mittelfristig abschafft? Es fehlen Innovation Hubs, Futurecamps und vor allem Mut, Neues zu probieren.

Der öffentliche Dienst ist zudem auf Perfektion ausgelegt. Das liegt in der Natur der Sache: In Bescheiden mal eben "Fünfe gerade sein lassen" geht nicht. Auch Krankenhäuser dürfen sich keine Fehler leisten - auch wenn sie natürlich vorkommen. Diese Haltung ist lobenswert, hat aber auch Nachteile. Gerade dann, wenn es um die Fehlerkultur geht. Die ist nämlich nicht existent. Insoweit lernen diese Organisationen auch nur langsam und machen dieselben Fehler immer wieder. Insgesamt hat der Public Sector hier noch großen Nachholbedarf.

Verstehen Führungskräfte immer die Innovation? Sind sie objektiv, wenn der Vorschlag die eigene Abteilung mittelfristig abschafft? Es fehlen Innovation Hubs, Futurecamps und vor allem Mut, Neues zu probieren.

Selbstorganisation: Geht es nicht auch ohne Führung?

Selbstverantwortung ist ein zweiter Wert der New Work Charta. Wer Arbeit unter Gesichtspunkten von New Work organisieren will, muss Führung also viel stärker hinterfragen und Freiräume schaffen. In aller Regel weiß das Team schon ganz gut alleine, was es zu tun hat. Ich bin auch immer wieder fasziniert, wenn erfahrene und gestandene Manager im öffentlichen Dienst keine Budgetverantwortung haben (dürfen). Das ist das genaue Gegenteil von New Work.

Dem öffentlichen Dienst fällt der Verzicht auf Führung schwer, weil Führung oft als Karriere missverstanden wird.

Dem öffentlichen Dienst fällt der Verzicht auf Führung schwer, weil Führung oft als Karriere missverstanden wird. Immer wieder wird um Personen herum organisiert – um ihnen Führung und damit Beförderung zu ermöglichen. Auch gibt es darum keinen Weg zurück aus der Führung - selbst wenn die Person erkennt, dass sie nicht führen kann oder mag.

Das ergibt Sinn!

Es gibt für mich kaum etwas Sinnhafteres, als im öffentlichen Sektor zu arbeiten. Keine Corporate Social Responsibility-Bemühungen der Wirtschaft kommen da heran. Da hat der Public Sector den anderen Branchen im Sinne von New Work etwas voraus.

Aber auch die soziale Verantwortung der Organisation gehört dazu. Angesichts der Kriterien für eine Auswahlentscheidung bei öffentlichen Vergaben ist da deutlich Luft nach oben. Nachhaltigkeit muss hier viel stärker Berücksichtigung finden.

Neues Arbeiten im öffentlichen Dienst
Dinge einmal aus ganz anderen Perspektiven betrachten: Auch das ist New Work.

Die interne Kommunikation ist ein wichtiges Instrument, um Sinn zu vermitteln, Beschäftigte zu beteiligen und die Möglichkeit zu schaffen, dass diese sich mit Ideen einbringen können. Leider ist diese oft noch im letzten Jahrtausend verhaftet. Zumindest, wenn man sich so manch Flyer, Leitbild oder Intranet anschaut.

Mitarbeiterentwicklung 4.0

Ohne Führung und mit mehr Selbstverantwortung braucht es eine neue Personalentwicklung. Sabbaticals zur freien Entfaltung, persönliche Weiterbildungsbudgets oder Unterstützung bei Masterstudium und Promotion können eine Alternative zu wegfallender Führungskarriere sein.

Ohne Führung und mit mehr Selbstverantwortung braucht es eine neue Personalentwicklung.

Die Fachkarriere ist natürlich dafür die Basis. Aber gerade diese fehlt in den meisten Fachrichtungen. Letztlich muss die leistungsorientierte Bezahlung deutlich in Richtung einer Erfolgsbeteiligung ausgebaut werden.

#VerwaltungKannAuchCoolSein

Zusammenfassend ist der öffentliche Dienst noch recht weit weg von New Work - gerade, wenn stark verkürzt nur Homeoffice und flexibles Arbeiten gemeint ist. Es bedarf vielmehr einer anderen Einstellung in vielen Behörden zu ihren Mitarbeitern. Nicht umsonst bedeutet New Work in erster Linie Kulturwandel.

Aber Wirtschaftsunternehmen sind vielfach auch nicht weiter. Mehr noch: Der Public Sector hat durch seine sinnhaften Tätigkeiten einen großen Vorteil, den es zu nutzen gilt. Wenn Behörden und Verwaltungen die skizzierten Herausforderungen angehen, bestehen gute Chance, dass die Branche ein Vorreiter sein kann.

Wer mehr über New Work hören möchte, dem sei mein Interview mit Markus Väth im Podcast als Herz gelegt.

Schlagworte zum Thema:  New Work, Selbstorganisation