Sitzen zwischen Büro und Homeoffice: Ein unterschätztes Risiko
Tägliches langes Sitzen ist zum festen Bestandteil moderner Arbeitswelten geworden – mit messbaren Folgen. Sedentäres Verhalten steht in direktem Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Übergewicht und einer erhöhten Gesamtmortalität. Besonders betroffen sind Berufstätige mit Schreibtischarbeit: Rund 73 % ihrer Arbeitszeit verbringen sie im Sitzen. An einem normalen Arbeitstag sitzen viele Beschäftigte - inklusive Arbeit und Freizeit - mehr als zehn Stunden.
Bewegungsmangel im Homeoffice
Die SITFLEX-Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untersuchte das Sitzverhalten von 102 Büroangestellten. Der Vergleich zwischen Büropräsenz und Homeoffice offenbarte klare Unterschiede: Während in der Präsenzarbeit rund 3.000 Schritte täglich zurückgelegt wurden, waren es im Homeoffice nur etwa 1.300 Schritte. Die durchschnittliche tägliche Sitzzeit erhöhte sich zu Hause um 40 bis 50 Minuten. Als Gründe wurden u. a. fehlende Impulse zur Bewegung, kaum soziale Kontakte und eine geringere Legitimation für Pausen genannt. Gleichzeitig fehlen im Homeoffice häufig ergonomische Bedingungen wie höhenverstellbare Schreibtische.
Lösungsmöglichkeiten in der Praxis
Der begleitende Workshop im Rahmen der SITFLEX-Studie diente der Entwicklung praxisnaher Ideen, um das Sitzverhalten von Beschäftigten nachhaltig zu verbessern. Dabei rückte die Sensibilisierung der Beschäftigten, die Raumgestaltung sowie eine bewegungsfreundliche Arbeitsorganisation – insbesondere im hybriden Setting - in den Mittelpunkt. Zu den empfohlenen Maßnahmen gehören:
- Niedrigschwellige Bewegungsimpulse im Büroalltag: „Walk & Talk“-Meetings, ausgeschilderte Gehwege am Arbeitsplatz oder humorvolle Treppenhinweise.
- Veränderte Meeting-Kultur im Homeoffice: Pausen zwischen digitalen Meetings, geplante Bewegungsunterbrechungen oder alternative Formate wie Walking-Meetings.
- Partizipative Ideenwettbewerbe: z. B. zur Nutzung der durch Homeoffice eingesparten Pendelzeit für körperliche Aktivität.
- Verhaltensorientierte Maßnahmen: z. B. Kurzfilme, Gesundheitskampagnen oder interne Multiplikatoren zur Bewusstseinsbildung.
- Einbindung der Führungskräfte: Sie können als Vorbilder dienen und durch gelebte Praxis Akzeptanz für Bewegungspausen fördern.
Die Integration dieser Aspekte in betriebliche Prozesse und eine gezielte Einbindung der Führungskräfte gelten als Schlüsselfaktoren für eine langfristige Verhaltensänderung. Kleine, einfache Veränderungen können große Wirkung entfalten – vor allem, wenn sie auf verschiedenen Ebenen ansetzen.
Fazit
Langes Sitzen stellt ein eigenständiges Gesundheitsrisiko dar, das durch hybrides Arbeiten weiter verstärkt werden kann. Die Erkenntnisse der SITFLEX-Studie zeigen, dass gezielte Maßnahmen – von Arbeitsplatzgestaltung über Arbeitsorganisation bis zu Verhaltenseinflüssen – notwendig sind, um die sitzdominierte Arbeitswelt bewegungsfreundlicher zu gestalten.
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