Kronberg Academy: Nachhaltigkeit mit Haltung und System
Während im Saal des Casals Forum talentierte Musiker:innen ihre klassischen Stücke vortragen, arbeitet im Keller ein riesiger Wassertank. Er umfasst 360 Kubikmeter Volumen und ist das Herzstück des Eisspeichers, der das Konzerthaus der Kronberg Academy im Sommer kühlt und im Winter heizt. Eine energieeffiziente Wärmeregulierung ganz ohne herkömmliche Klimaanlage. „Dinge wie der Eisspeicher sind einmalige hohe Investitionen, die man machen muss, wenn man es ernst meint“, sagt Matthias Friebel, der das Nachhaltigkeitsmanagement der Kronberg Academy verantwortet.
Nachhaltigkeit in der Architektur und im Alltag
Das Casals Forum ist eine Hommage an den naturverbundenen Cellisten und Humanisten Pablo Casals, der sich seinerzeit zu seiner Verantwortung für Musik, Mensch und Natur bekannte und nachhaltiges Handeln in den Vordergrund stellte. Neben dem Eisspeicher tragen regional erzeugter Ökostrom und Regenwassernutzung für die Bewässerung zur Ressourcenschonung bei.
Das Forum wurde auf einem ehemaligen Brachgelände am Rande von Kronberg errichtet. „Wir haben auf einem ehemaligen Parkplatz gebaut – das war kein idyllisches Naturgrundstück“, so Friebel. Heute fließt dort wieder ein Bach offen, und das Gebäude fügt sich harmonisch in die Umgebung ein. Die ausgeklügelte Architektur und der Innenausbau mit Holz verbessert nicht nur die Akustik, sondern trägt auch zur Energieeffizienz bei. Auf CO₂-Kompensation verzichtet die Academy bewusst. „Ich halte CO₂-Kompensation für Augenwischerei. Lieber investieren wir direkt – in Technik, die bleibt.“
Haltung als Teil der Ausbildung
Die Kronberg Academy fördert hochbegabte Streicher:innen aus aller Welt, viele mit internationalen Wettbewerbserfolgen. Doch Nachhaltigkeit findet in der Academy nicht nur im Technikraum statt – sie beginnt im Unterricht. Die Ausbildung zielt nicht nur auf künstlerische Exzellenz, sondern auch auf Wertevermittlung. Nachhaltigkeit ist tief im Lehrplan verankert: Konzerte in sozialen Einrichtungen, Reflexion über Musik und gesellschaftliche Wirkung, Diskurse über Zukunftsthemen gehören zum Alltag. „Unsere Studierenden sind nicht nur Talente – sie sind zukünftige Führungspersönlichkeiten in der Welt der klassischen Musik“, so Friebel. „Das Naturprinzip der Permakultur haben wir auf unsere Musiktradition übertragen: Wissen wird weitergegeben, der Kreislauf bleibt offen.“
Systematisch nachhaltig
Um Verantwortung zu zeigen und mit gutem Beispiel voranzugehen, etablierte die Academy bereits 2020 ein systematisches Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement mit der ISO 14001 als Antriebsmotor. „Allein die Vorbereitung für die Rezertifizierung hat uns Wochen gekostet – das ist kein Selbstläufer“, so Friebel. Dennoch habe sich der Aufwand gelohnt: „Man schafft ein belastbares System, das auch schwierige Phasen übersteht.“ Ergänzt wird das durch einen Bericht nach dem Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) und ein Umweltteam mit Vertreter:innen aus allen Fachbereichen.
Ein internes Rechtskataster, ein zentrales Intranet und ein regelmäßiger Jour fixe sorgen für Struktur und sichern Wissen – auch bei Personalwechseln. „Ein reines Nachhaltigkeitssystem ohne Antrieb funktioniert nicht. Es braucht diesen Motor: Plan-Do-Check-Act. Außerdem war mir wichtig: kein Greenwashing, kein loses Projekt. Ein durch Fachauditoren geprüftes System, das bleibt.“ In der Kulturlandschaft bleibt ein strukturiertes Nachhaltigkeitsmanagement bisher die Ausnahme. „Viele Häuser kämpfen mit Tagesgeschäft, Spardruck und Fachkräftemangel“, sagt Friebel. „Da fehlt oft schlicht die Zeit oder Erfahrung, um langfristige Systeme aufzubauen.“ Umso wichtiger sei es, funktionierende Modelle sichtbar zu machen – und offen zu teilen.
Herausforderungen und Grenzen offen benennen
Auch wenn die Kronberg Academy mit gutem Beispiel in der Kulturlandschaft vorangeht: Das System ist nicht perfekt. Infolge von Nachlaufproblemen des Neubaus fehlt bis heute eine ausreichende Anzahl an Messelementen. Ein vollständiger CO₂-Bilanzrahmen liegt deshalb nur in Teilen vor. „Außerdem sind wir in puncto Energieeffizienz ziemlich an der Grenze dessen, was möglich ist. Es gibt wegen der brandneuen Klimaanlage kaum noch Räder, an denen wir entscheidend drehen könnten“, sagt Friebel.
Trotzdem arbeitet die Academy an einem vollständigen CO₂-Monitoring. Die Erfassung von Emissionen durch Anreisen wurde zwar ausprobiert, aber vorerst gestoppt. „Wenn man damit keine Veränderungen bewirken kann, bringt Daten sammeln wenig.“ Diese Ehrlichkeit zieht sich durch alle Aussagen Friebels. Er vermeidet Superlative und konzentriert sich auf die Suche nach Lösungen.
Was das Casals Forum trotzdem besonders macht
Das Casals Forum zeigt, was möglich ist, wenn Nachhaltigkeit früh mitgedacht und strukturell verankert wird. Nicht alles läuft reibungslos. Aber vieles ist nachvollziehbar, transparent und übertragbar.
Trotzdem sieht Friebel Luft nach oben – vor allem beim Austausch mit anderen Häusern: „Viele Häuser kämpfen noch mit dem Einstieg. Ich würde mir sehr gerne mehr Austausch in der Branche wünschen.“ Viele Kulturbetriebe seien zwar mit Nachhaltigkeit beschäftigt, aber oft ohne verankertes System. „Wenn man ein gutes Team hat und Prozesse dokumentiert, dann funktioniert das – auch bei Personalwechseln oder Krisen.“
Die Kronberg Academy ist bereit, ihr Wissen zu teilen. „Wir machen keine Show. Wir haben ein funktionierendes System. Und das ist vielleicht das Interessanteste für andere.“ Wie fängt man als Konzerthaus, das mit Nachhaltigkeitskonzepten ganz am Anfang steht, an? „Man geht durchs Haus und stellt tausend Fragen: Was ist das hier? Warum wird das so gemacht?“ Nachhaltigkeit beginnt mit den richtigen Fragen – und der Bereitschaft, Prozesse zu hinterfragen. Auch dort, wo man sie bisher nie infrage gestellt hat.
Was Unternehmen vom Casals Forum lernen könnenAuch wenn das Casals Forum ein Kulturbetrieb ist – viele Prinzipien lassen sich auf andere Institutionen und Unternehmen übertragen:
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