Bei sozialer Nachhaltigkeit erreicht Deutschland kein einziges Ziel
Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung misst regelmäßig, wie nachhaltig die deutsche Wirtschaftspolitik ist – und zwar anhand von vier Dimensionen: materiellem Wohlstand, Staatsfinanzen, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Die neue Ausgabe der Studie "Neues Magisches Viereck" zeigt: Trotz leichtem Wirtschaftswachstum 2025 stagniert die Wirtschaft auf Vorkrisenniveau; und die sozialen Ziele verfehlt Deutschland in allen Bereichen.
Soziale Nachhaltigkeit: Armutsrisiko sinkt – Ziel bleibt weit entfernt
Ein kleiner Lichtblick: Die Armutsrisikoquote ist zum dritten Mal in Folge leicht gesunken. 2024 lag sie laut Mikrozensus bei 16,2 Prozent gegenüber 16,6 Prozent im Vorjahr. Das klingt nach Fortschritt, ist aber noch weit von dem Zielwert von 13,5 Prozent entfernt, den die Bundesregierung bis 2030 erreichen will. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 1.305 Euro netto im Monat zur Verfügung hat (Wert 2024, Alleinstehende). Dass die Quote sinkt, führen die IMK-Forschenden vor allem darauf zurück, dass der Mindestlohn gestiegen ist, Tarifabschlüsse gezielt untere Lohngruppen entlastet haben und mehr Geflüchtete inzwischen erwerbstätig sind.
Besonders hoch ist das Armutsrisiko nach wie vor bei Rentnerinnen und Rentnern: 2024 lag ihre Quote bei 18,1 Prozent, fast zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt. Ältere Frauen sind dabei stärker betroffen als ältere Männer (17,2 vs. 15,3 Prozent). Oft steckt dahinter, dass Frauen für Pflege oder Kindererziehung ihre Erwerbstätigkeit unterbrochen oder lange in Teilzeit gearbeitet haben und deshalb weniger Rente bekommen.
Einkommensungleichheit nimmt zu
Während die Armutsrisikoquote zumindest leicht sinkt, entwickelt sich die Einkommensungleichheit in die entgegengesetzte Richtung. Die reichsten 20 Prozent der Haushalte verdienten 2024 das 4,68-Fache der ärmsten 20 Prozent. 2021 lag dieser Wert noch unter 4,5. Der angestrebte Zielwert liegt bei maximal dem Vierfachen.
Zum Vergleich: Ende der 1990er Jahre lag der Wert noch unter vier, also innerhalb des Zielbereichs. Seitdem driften die Einkommen immer weiter auseinander. Hinzu kommt: Fast jeder dritte Haushalt in Deutschland (32 Prozent) konnte 2024 eine unerwartete Ausgabe von 1.250 Euro nicht aus eigenen Mitteln bestreiten. Noch drastischer sieht die Ungleichheit beim Vermögen aus: Die reichsten zehn Prozent der Haushalte besitzen 60 Prozent des gesamten Nettovermögens.
Gender Pay Gap stagniert – und bleibt weiterhin groß
Beim Gender Pay Gap zeigt sich ein ambivalentes Bild. Zwar hat sich der unbereinigte Lohnabstand zwischen Frauen und Männern seit 2021 um zwei Prozentpunkte verringert. Seit zwei Jahren aber stagniert er bei 16 Prozent und liegt damit noch immer deutlich über dem Zielwert von zehn Prozent. Konkret: Frauen verdienten 2024 im Durchschnitt 22,81 Euro brutto pro Stunde, Männer 27,05 Euro – eine Differenz von 4,24 Euro.
Der bereinigte Gender Pay Gap, der Unterschiede in Berufsfeld, Qualifikation und Karrierestufe herausrechnet, liegt bei sechs Prozent. Auch dieser Wert hat sich kaum verändert. Er zeigt, dass Frauen selbst bei vergleichbarer Tätigkeit und Qualifikation weniger verdienen und dass die strukturellen Benachteiligungen tiefer sitzen. Regional gibt es in Deutschland große Unterschiede: Im Osten liegt der unbereinigte Gender Pay Gap bei nur fünf Prozent, im Westen bei 17 Prozent. (Lesen Sie dazu: Gender Pay Gap stagniert).
Immer mehr junge Menschen ohne Abschluss
Beunruhigend ist auch die Entwicklung bei jungen Erwachsenen ohne Schul- oder Berufsabschluss. 2024 lag der Anteil der 18- bis 24-Jährigen ohne Hochschulreife und ohne abgeschlossene Berufsausbildung bei 13,1 Prozent und damit um mehr als vier Prozentpunkte über dem Zielwert von neun Prozent. Gegenüber 2021 ist dieser Anteil um 1,5 Prozentpunkte gestiegen.
Im internationalen Vergleich ist das auffällig: Im OECD- und EU-Durchschnitt ist die Quote in den letzten Jahren gesunken, in Deutschland nahm sie zu. Die Studienautorinnen und -autoren sehen dafür strukturelle Gründe: Das Bildungssystem gleiche herausfordernde familiäre Ausgangsbedingungen nur unzureichend aus. Kinder aus alleinerziehenden Familien und Familien mit Migrationsgeschichte blieben überdurchschnittlich häufig ohne Abschluss.
Noch ein weiterer Befund: Auf dem Ausbildungsmarkt verschärfen sich die Passungsprobleme. Das Angebot an Ausbildungsplätzen übersteige zwar die Nachfrage, aber die Interessen und Qualifikationen vieler Bewerberinnen und Bewerber würden nicht zu den angebotenen Stellen passen. Unzureichende Berufsorientierung verschärfe laut IMK-Forschenden das Problem. Fehlende Abschlüsse bedeuten nicht nur individuelle Nachteile: sie verringern langfristig auch das Fachkräfteangebot und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. (Lesen Sie dazu unseren Beitrag zum Berufsbildungsbericht: Sorgenkind duale Berufsausbildung).
Fazit: Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Antworten
Die neue IMK-Studie zeigt: Bei der sozialen Nachhaltigkeit tritt Deutschland seit Jahren auf der Stelle – oder bewegt sich sogar rückwärts. Die Armutsrisikoquote sinkt zwar minimal, doch die Einkommensungleichheit wächst. Der Gender Pay Gap stagniert. Und immer mehr junge Menschen starten ohne Abschluss ins Erwerbsleben.
Die Studienautoren machen deutlich: Ohne gezielte Investitionen in Bildung, stärkere Lohngleichheit und bessere soziale Absicherung droht die Ungleichheit weiter zuzunehmen – mit Folgen nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die wirtschaftliche Stabilität insgesamt.
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