Nachhaltigkeitsverantwortliche arbeiten an den drängendsten Fragen unserer Zeit: Klimaschutz, Transformation, soziale Verantwortung, langfristige Zukunftsfähigkeit. Kaum ein Themenfeld ist gesellschaftlich so relevant – und gleichzeitig organisatorisch so widersprüchlich verankert.
Viele erleben ihre Arbeit als sinnstiftend. Genau darin liegt jedoch eine oft unterschätzte Gefahr. Denn Sinn schützt nicht vor Erschöpfung. Im Gegenteil: Er kann sie sogar verstärken.
Was Burnout wirklich ist
Der Begriff Burnout wird im Alltag häufig unscharf verwendet. Wissenschaftlich ist er jedoch klar definiert.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt Burnout in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) als arbeitsbezogenes Phänomen. Burnout wird dort beschrieben als ein Syndrom, das aus chronischem arbeitsbedingtem Stress entsteht, der nicht erfolgreich bewältigt wurde.
Die WHO unterscheidet dabei drei zentrale Dimensionen:
- anhaltende Energieerschöpfung
- zunehmende mentale Distanz zur Arbeit oder zynische Haltung
- verringerte berufliche Wirksamkeit
Wichtig ist: Burnout ist keine medizinische Diagnose und auch keine psychische Erkrankung. Es bezieht sich ausschließlich auf den Arbeitskontext und beschreibt ein Belastungsmuster, das entsteht, wenn Anforderungen dauerhaft höher sind als die verfügbaren Ressourcen.
Was Burnout nicht ist
Nicht jede Müdigkeit ist Burnout. Nicht jeder stressige Monat deutet darauf hin.
Burnout ist zu unterscheiden von:
- vorübergehender Erschöpfung oder hoher Arbeitsbelastung
- klinischen Erkrankungen wie Depression oder Anpassungsstörungen
Diese können sich überschneiden, sind jedoch nicht identisch. Burnout beschreibt keine akute Krise, sondern einen schleichenden Prozess, der sich über längere Zeit entwickelt. Gerade deshalb bleibt er oft lange unbemerkt.
Wenn Menschen weiter funktionieren
In der Forschung wird zunehmend auf Phänomene hingewiesen, die klassische Burnout-Bilder ergänzen.
So wird im internationalen Diskurs von sogenanntem High-Functioning Burnout gesprochen. Gemeint sind Menschen, die trotz innerer Erschöpfung weiterhin leistungsfähig erscheinen. Sie erfüllen ihre Aufgaben, übernehmen Verantwortung und funktionieren nach außen – während innerlich Motivation, Klarheit und Energie zunehmend erodieren.
Auch im Kontext sozialer Bewegungen wird seit Jahren über Aktivist:innen-Burnout geforscht. Studien zeigen, dass dauerhafte Konfrontation mit Ungerechtigkeit, moralischem Druck und strukturellen Widerständen zu emotionaler Erschöpfung, Rückzug und innerer Distanz führen kann. Nicht nur für die betroffenen Personen, sondern auch für die langfristige Wirksamkeit der jeweiligen Bewegung.
Diese Konzepte sind keine eigenen Diagnosen. Sie machen jedoch sichtbar, dass Burnout nicht immer mit Arbeitsunfähigkeit einhergeht – und gerade engagierte Menschen besonders lange über ihre Grenzen gehen.
Warum gerade Nachhaltigkeitsverantwortliche gefährdet sind
Nachhaltigkeitsverantwortliche bringen häufig eine starke innere Motivation mit. Sie identifizieren sich mit ihrem Thema, erleben ihre Arbeit als Beitrag zu etwas Größerem und wollen Wirkung entfalten.
Das ist eine enorme Ressource und gleichzeitig ein Risiko.
Denn wer aus Überzeugung handelt, verschiebt Grenzen schneller. Pausen werden aufgeschoben. Belastung wird relativiert. Gedanken wie „Ich habe diese Aufgabe selbst gewählt“ oder „das Thema ist einfach zu wichtig“ führen dazu, Warnsignale zu übergehen.
Problematisch wird es dann, wenn der persönliche Einsatz dauerhaft strukturelle Defizite kompensiert. Wenn Engagement Lücken schließt, die eigentlich organisatorisch oder systemisch adressiert werden müssten.
Was kurzfristig funktioniert, wird langfristig zur Überlastung.
Hohe Verantwortung bei begrenzter Gestaltungsmacht
Hinzu kommt ein strukturelles Spannungsfeld, das viele Nachhaltigkeitsverantwortliche teilen.
Sie tragen Verantwortung für langfristige Ziele, arbeiten jedoch in Organisationen, die stark von kurzfristigen Logiken geprägt sind. Investitionsentscheidungen folgen Quartalszahlen. Prioritäten verschieben sich. Nachhaltigkeit soll integriert werden, aber bitte ohne bestehende Abläufe grundlegend zu verändern.
Das führt zu einer besonderen Konstellation: hohe Verantwortung bei gleichzeitig begrenzter Entscheidungsmacht.
Wer in diesem Feld arbeitet, muss überzeugen, moderieren, übersetzen und vermitteln. Oft ohne formale Autorität. Fortschritte verlaufen selten linear. Erfolge sind schwer messbar, Rückschritte häufig extern begründet.
Diese dauerhafte Spannung ist unspektakulär, aber sie kostet viel Kraft.
Erschöpfung entsteht nicht nur durch hohes Arbeitsaufkommen
Burnout wird häufig mit zu vielen Stunden oder zu hohem Arbeitstempo gleichgesetzt. In der Nachhaltigkeitsarbeit liegen die Ursachen oft tiefer.
Erschöpfung entsteht hier weniger durch das reine Arbeitsaufkommen, sondern durch:
- permanente innere Alarmbereitschaft
- moralischen Druck, mehr leisten zu müssen
- fehlende Abschlussmomente
- langsame oder unsichtbare Wirkung
- emotionale Verantwortung für große Themen
Transformation kennt kein klares Ende. Es gibt kein „fertig“. Stattdessen bleibt oft das Gefühl, dass es noch nicht reicht.
Diese offene Schleife bindet Energie, auch dann, wenn der Arbeitstag offiziell vorbei ist.
Wenn Sinn kippt
Was lange trägt, kann irgendwann kippen.
Viele Nachhaltigkeitsverantwortliche berichten nicht von plötzlicher Erschöpfung, sondern von einem schleichenden Prozess. Begeisterung weicht innerer Anspannung. Engagement wird zur Pflicht. Ideale verwandeln sich in inneren Druck.
Man funktioniert weiter, aber mit wachsender Distanz zu sich selbst.
In diesem Stadium wird Burnout-Prävention häufig missverstanden. Sie wird individualisiert: besseres Zeitmanagement, mehr Resilienz, zusätzliche Tools. Doch das greift zu kurz.
Denn das zentrale Problem ist selten fehlende Belastbarkeit, sondern fehlende Regeneration im System.
Regenerative Wirksamkeit als professionelle Kompetenz
Nachhaltige Transformation braucht Menschen, die langfristig handlungsfähig bleiben, also nicht maximal erschöpft, sondern innerlich stabil, nicht dauerhaft im Alarmmodus, sondern klar in ihren Entscheidungen.
Das erfordert eine neue Perspektive auf Wirksamkeit.
Regenerative Wirksamkeit bedeutet, Wirkung nicht gegen die eigene Energie zu erzielen, sondern mit ihr. Selbstmanagement wird dabei nicht zur Privatsache, sondern zur Voraussetzung professioneller Arbeit.
Denn wer dauerhaft unter Spannung steht, verliert nicht nur Energie, sondern auch strategische Klarheit, Konfliktfähigkeit und Gestaltungsspielraum. Burnout-Prävention ist deshalb kein Wohlfühlthema. Sie ist eine Frage nachhaltiger Leistungsfähigkeit.
Ein neuer Blick auf Verantwortung
Nachhaltigkeit verlangt Verantwortung, aber keine grenzenlose Selbstaufgabe. Verantwortung bedeutet nicht, alles zu tragen. Sondern zu erkennen, was innerhalb des eigenen Einflussbereichs liegt, und was nicht.
Diese Unterscheidung fällt vielen schwer. Vor allem jenen, die aus innerer Überzeugung handeln. Doch genau hier entscheidet sich langfristige Wirksamkeit.
In den folgenden Beiträgen dieser Reihe geht es darum, wie Nachhaltigkeitsverantwortliche ihre Wirksamkeit regenerativ gestalten können, innere Antreiber erkennen, Grenzen setzen und Verantwortung neu definieren.