„Das echte Problem ist nicht KI – es ist die Überlastung"
Wie verändert sich Arbeit in einer Zeit von Klimakrise, Demografie-Schock und KI? Der Soziologe Florian Butollo argumentiert in „Das knappe Gut Arbeit“, dass nicht Massenarbeitslosigkeit, sondern dauerhafte Arbeitskräfteknappheit das neue Strukturmerkmal kapitalistischer Entwicklung ist. Entscheidend wird damit nicht nur, wie wir arbeiten, sondern wofür knappe Arbeitszeit eingesetzt wird. Butollo knüpft an David Graebers „Bullshit Jobs“ an und fordert eine Reallokation von Arbeit: weg von gesellschaftlich fragwürdigen Tätigkeiten, hin zu Pflege, Gesundheit und dem klimagerechten Umbau von Wirtschaft und Infrastruktur. Für das Nachhaltigkeitsmanagement bedeutet das: Personal- und Investitionsentscheidungen werden zum Hebel, um Arbeit in Richtung sozial-ökologischer Wirkung zu verschieben.
Im Interview erklärt Butollo, warum die Angst vor KI-bedingter Massenarbeitslosigkeit in die Irre führt und weshalb die zentrale Zukunftsfrage lautet, wie wir knappe Arbeitskraft so steuern, dass sie ökologisch, sozial und ökonomisch tragfähig eingesetzt wird.
Massenhafter Jobverlust durch KI: Fakt oder Fiktion?
Herr Butollo, Minister Karsten Wildberger warnt vor Millionen verlorener Arbeitsplätze durch KI. Erste Unternehmen entlassen bereits Mitarbeitende mit dem Verweis, KI könne die Aufgaben übernehmen. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es eine solche Massenarbeitslosigkeit nicht geben wird. Was übersehen die Pessimisten?
Der Digitalminister hat schlicht wenig Ahnung von der Arbeitswelt. Was wir tatsächlich beobachten, ist, dass KI die Arbeit massiv verändert – aber in dem Sinne, dass allenfalls Tätigkeitsaspekte substituiert werden. Aufgaben verschieben sich und es entstehen gleichzeitig neue Anforderungen. Für flächendeckende Entlassungen aufgrund von KI gibt es bislang keine Belege. Das bleibt eine Projektion in die Zukunft.
Auch für Berufseinsteiger soll es schwieriger werden – weil KI einfache Tätigkeiten übernimmt.
Das ist ein Mythos. Was wir gerade erleben, ist eine schlechte Konjunkturlage. Die führt dazu, dass Unternehmen konservativer bei Neueinstellungen sind – und das trifft Berufsanfänger besonders hart. Das hat nichts mit Technologie zu tun.
Warum hält sich die Angst vor der KI als Jobkiller dennoch so hartnäckig?
Diese Erwartung, dass Technik und Automatisierung Menschen dauerhaft arbeitslos machen, gibt es seit über 100 Jahren.
Der Fehler liegt in einer statischen Betrachtung des Arbeitsmarkts: Man schaut, welche Tätigkeiten es heute gibt, vergleicht sie mit den technischen Möglichkeiten und errechnet daraus ein theoretisches Substitutionspotenzial. Was dabei völlig vernachlässigt wird: Die Anforderungen in der Arbeitswelt verändern sich ständig, und neue Technologien bringen neue Aufgaben mit sich. Ein eindrückliches Bild dazu – über die Hälfte der heutigen Tätigkeiten auf dem US-Arbeitsmarkt findet in Berufsfeldern statt, die 1940 noch gar nicht existiert haben.
Arbeitskräftemangel und demografische Herausforderungen
In den vergangenen Jahren hatten wir einen ausgeprägten Arbeitnehmermarkt. Hat sich das nun gedreht?
Ja, aber nur vorübergehend. Ich gehe davon aus, dass der Arbeitnehmermarkt der letzten Jahre erst ein Vorbote eines noch deutlich ausgeprägteren sein wird. Wir haben aktuell eine paradoxe Situation: Fachkräftemangel auf der einen Seite, Entlassungen in der Industrie auf der anderen – oft im selben Unternehmen. Feststeht, dass uns im nächsten Jahrzehnt mehrere Millionen Menschen auf dem Arbeitsmarkt fehlen werden. Wir stehen dabei erst am Anfang des demografischen Wandels. Derzeit haben wir mit 46 Millionen Beschäftigten einen historischen Höchststand – trotz schlechter Konjunktur, trotz Automatisierung. Die Nachfrage nach Arbeit ist ungebrochen, das Angebot wird drastisch sinken.
Sind wir auf diese Entwicklung vorbereitet?
Nein. Das dominante Paradigma lautet immer noch: Wie bringen wir mehr Menschen in Arbeit? Das ist absurd angesichts der Realität. Das eigentliche Problem – der Arbeitskräftemangel – ist in der Politik noch nicht wirklich angekommen. Wenn jetzt gefordert wird, mehr zu arbeiten, verkennt man, dass das Arbeitsangebot ohnehin zurückgehen wird.
Statt die Überlastung in der Arbeitswelt weiter zu verschärfen, sollten wir fragen: Wo können wir sinnlose Arbeit reduzieren?
Die wahre Herausforderung: Überlastung statt Jobverlust durch KI
Brauchen wir mehr Mut zur Umschulung – vom Bandarbeiter zum Krankenpfleger?
Ich plädiere eher für mehr Gelassenheit in dieser Diskussion. In den meisten Bereichen findet Umlernen ohnehin ständig statt, weil sich Tätigkeiten kontinuierlich verschieben. Nehmen Sie die Softwareentwicklung: Der Kern dieses Berufs war immer schon, sich selbst zu automatisieren. Das ist keine neue Erkenntnis. Was wirklich schadet, ist die Angst vor KI – sie treibt Menschen in eine Identitätskrise und lähmt gute Entscheidungen.
Was ist Ihre Botschaft?
Weg von der Aufregung über vermeintliche Jobverluste durch KI – hin zur eigentlichen Herausforderung: Die Arbeitswelt ist geprägt von massiver Überlastung, und die wird sich noch weiter zuspitzen, mit den bekannten Effekten: Burnouts und permanente Anspannung, vor allem in der so genannten Rushhour des Lebens. Kämpfe um Entlastung – das sind die sozialen Konflikte, die uns wirklich bevorstehen.
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