Wie Unternehmen die Demokratie stärken – und warum sie es tun sollten
Es gab jede Menge Ärger auf den Social Media-Kanälen von Viba. Zum Beispiel als der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck dem Unternehmen einen Besuch abstattete. Oder als Viba unter dem Motto „Sonneberg, Du hast die Wahl!“ zur Landratswahl aufrief, bei der ein AfD- gegen einen CDU-Kandidaten antrat. Damals schaltete Viba kurzzeitig die Kommentarfunktion auf Facebook ab, weil die Reaktionen harscher waren als erwartet. Ob die vergleichsweise hohe Beteiligung bei der Wahl auf Viba zurückzuführen ist? Das ist ungewiss. Gewiss ist indes, dass der Thüringer Süßwarenhersteller mit Sitz in Floh-Seligenthal – Marktführer im deutschen Nougatriegel-Markt und mit Marken wie Confiserie Heilemann, Hussel, Arko und Eilles zugleich der größte Süßwarenfilialist Deutschlands – Haltung bewiesen und Partei ergriffen hat: für die Demokratie.
Engagement erbeten
Und die hat Unterstützung nötig. Dazu gibt es eine sehr aktuelle Zahl mit großer Wucht: 98 Prozent der Mitarbeitenden in hiesigen Unternehmen halten die Demokratie für akut gefährdet. Sie empfinden Extremismus, wirtschaftliche Ungleichheit und soziale Spaltung sowie autoritäre und populistische Bewegungen als größte Bedrohungen der Demokratie. Sollen Unternehmen sich also für die Demokratie stark machen? „39 Prozent der Beschäftigten sprechen sich für gesellschaftspolitisches Engagement aus, nur 30 Prozent dagegen, 30 Prozent sind unentschlossen. Unter Führungskräften ist das Bild noch deutlicher: 49 Prozent befürworten ein Engagement, nur 28 Prozent lehnen es ab“, heißt es in der Studie „Demokratie unter Druck – Wirtschaft in der Verantwortung? Was Beschäftigte von Unternehmen erwarten“ vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik.
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„Demokratie ist ein Standortfaktor“
Das Problem ist erkannt und immer mehr Unternehmen engagieren sich für unsere Demokratie, es gibt dafür natürlich auch längst einen wohlklingenden Begriff: Corporate Political Responsibility (CPR). Der Anlass liegt auf der Hand: Die Umfrage-Werte der in vielen Bundesländern als gesichert rechtsextrem geltenden AfD, Polarisierung, Desinformation, Hass und Hetze sind nicht nur Gift fürs gesellschaftliche Miteinander, sondern auch für die wirtschaftliche Entwicklung. „Liberalität, Rechtsstaat, Offenheit, Vielfalt sind als Werte nicht mehr unumstritten“, sagt Gerti Oswald, Abteilungsleiterin bei der IHK für München und Oberbayern im IHK-Magazin. Ein erfolgreiches Wirtschaften sei aber nur in einer stabilen liberalen Demokratie, einer offenen, vielfältigen Gesellschaft, einem verlässlichen Rechtsstaat möglich. Demokratie, sagt Gerti Oswald, ist ein Standortfaktor. Sie zu schützen sei auch eine Aufgabe der Unternehmen, und: „CPR ist das Mittel der Wahl.“
Die Palette ist groß, das Interesse auch
Dass das Thema inzwischen auf der Agenda vieler Unternehmen steht, hat also auch handfeste ökonomische Gründe: Unternehmen sind auf politische Stabilität, verlässliche Institutionen und ein offenes gesellschaftliches Klima angewiesen. Gerade international tätige Firmen profitieren von Vielfalt, internationaler Fachkräftezuwanderung und dem freien Austausch von Ideen.
Wegen der im September anstehenden Landtagswahlen richten sich derzeit viele Blicke nach Sachsen-Anhalt. Dort müssen Firmen davon ausgehen, dass mindestens 30 Prozent ihrer Belegschaft die AfD wählen. Sie haben damit die gesellschaftliche Spaltung direkt im Betrieb, das Konfliktpotenzial ist beträchtlich. Entsprechend steigt der Handlungsdruck, sich für Demokratie und Konsens zu engagieren. Eine Anlaufadresse für Unternehmen ist die Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost in Halle an der Saale. Unter dem Motto „Gemeinsam mehr machen“ setzt sich die Allianz aus Stiftungen, Unternehmen, Organisationen und Privatpersonen für ein demokratisches zivilgesellschaftliches Engagement in Ostdeutschland ein. „Das Interesse wächst enorm“, sagt Lisa Wiedemuth, Projektleiterin bei Zukunftswege Ost. Die Initiative fördert ein langfristiges Engagement und das am liebsten in möglichst zahlreichen Mikroprojekten. Geplant ist, im Sommer aktiv auf Unternehmen zuzugehen und ihnen konkrete Maßnahmenpakete an die Hand zu geben. Das Ziel: Mitarbeitende mit möglichst niedrigschwelligen Aktionen für demokratiefördernde Projekte zu begeistern.
Nicht jeder muss unsere Sicht teilen. Gleichzeitig glauben wir, dass Unternehmen Verantwortung haben, wenn es um grundlegende Werte wie Respekt, Demokratie und Zusammenhalt geht.
Corinna Wartenberg, Geschäftsführerin Viba Sweets
Wie ein demokratieförderndes Engagement konkret aussehen kann, zeigen zahlreiche Initiativen und Unternehmensbeispiele. Die Palette reicht von anlassbezogenen Kampagnen wie IchwähleDemokratie in Baden-Württemberg oder #Zusammenland – Vielfalt macht uns stark! bis hin zu langfristig angelegten Initiativen wie die von der KfW im Januar initiierten Charta der Demokratie oder der im Juni von Unternehmerinnen und Unternehmer anlässlich des Ostdeutschen Wirtschaftsforums in Bad Saarow veröffentlichten Erklärung zu Demokratie und sozialer Marktwirtschaft. Und es gibt regionale Initiativen wie zum Beispiel Weltoffenes Thüringen oder Wirtschaft für ein weltoffenes Sachsen.
Die Carl Zeiss AG, gegründet in Jena und dort eine der größten Arbeitgeberinnen, engagiert sich in gleich mehreren dieser Initiativen. Das Unternehmen beschäftigt allein an seinen deutschen Standorten Mitarbeitende aus über 90 Nationen – und wird auch in Zukunft auf ausländische Fachkräfte angewiesen sein. Pressesprecherin Beatrice Weinberger schreibt, das internationale Umfeld fördere Ideenreichtum und Kreativität auf höchstem Niveau und sei ein wichtiger Faktor der Innovationskraft. „Zeiss fördert aktiv eine Unternehmenskultur der Vielfalt, des Respekts und der Weltoffenheit. Diese Werte sind unverzichtbar für ein friedliches Zusammenleben und eine gute Arbeitsatmosphäre. Ressentiments gegenüber Menschen, aufgrund ihrer Herkunft, Lebensweise oder Kultur, haben bei uns keinen Raum und entsprechen nicht den Werten, die bei Zeiss gelebt werden.“
Demokratie-Workshops für den Nachwuchs
CPR-Aktivitäten dienen Unternehmen jedoch nicht nur dazu, attraktive Rahmenbedingungen für Fachkräfte zu sichern. Viele Initiativen zielen auch auf das Miteinander im Unternehmen selbst. Wacker Chemie mit Hauptsitz im oberbayrischen Burghausen setzt dafür direkt beim Nachwuchs an. Auszubildende und dual Studierende durchlaufen Demokratie-Workshops des Bildungsprogramms mehrWERT Demokratie. Für den Konzern ist das Teil der Corporate Political Responsibility. „Als Ausbildungsbetrieb und Arbeitgeber sehen wir uns in der Verantwortung, junge Menschen zu ermutigen, verantwortungsvolle Bürgerinnen und Bürger zu sein“, schreibt Christoph Kleiner, Leiter Standortkommunikation, auf Anfrage. Und die Reaktionen? „Das Feedback ist durchweg positiv. Azubis berichteten, dass sie sich nach den Workshops sicherer fühlen, ihre Meinung zu äußern und Konflikte konstruktiv zu lösen. Von den Ausbildern wiederum war zu hören, dass sie bei den Azubis nach den Workshops eine gesteigerte Achtsamkeit im Umgang miteinander beobachten.“
Unternehmen sollten sich nicht unterschätzen
Noch einmal zurück zum Nougatspezialisten Viba: Wenn dem Unternehmen handfeste Ablehnung entgegenschlägt, bleibt es respektvoll. „Nicht jeder muss unsere Sicht teilen. Gleichzeitig glauben wir, dass Unternehmen Verantwortung haben, wenn es um grundlegende Werte wie Respekt, Demokratie und Zusammenhalt geht“, so Geschäftsführerin Corinna Wartenberg.
Viba positioniert sich klar, will aber ausdrücklich niemanden belehren, äußert sich nicht konkret zu einzelnen Parteien und versucht zudem immer, für etwas und nicht gegen Menschen zu argumentieren. Damit liegt das Unternehmen absolut richtig: Die Wittenberg-Studie zeigt, dass bei Mitarbeitenden in Unternehmen ein Eintreten für die Demokratie und allgemeine Wahlappelle gut ankommt, direkte Wahlempfehlungen und Parteispenden hingegen nicht.
Für Corinna Wartenberg beginnt Demokratieförderung ohnehin nicht erst bei Kampagnen oder öffentlichen Stellungnahmen. Sie glaubt, dass „Unternehmen ihre tägliche Wirkung oft unterschätzen“. In Unternehmen träfen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Meinungen und Lebensrealitäten aufeinander. „Wenn dort respektvoll diskutiert, zusammengearbeitet und Verantwortung übernommen wird, ist das für mich bereits ein wichtiger Beitrag zu einer lebendigen Demokratie und starken Zivilgesellschaft.“
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