Kompetenzen der Zukunft und der menschliche USP
Die Dichotomie Mensch versus Maschine hat eine lange Geschichte – nicht nur in Science-Fiction-Filmen. Ingenieurspsychologe Jens Nachtwei kennt sich damit aus. Er promovierte zum Thema "Mensch-Maschine-Funktionsteilung" und forscht und lehrt an der HU Berlin sowie an der Hochschule für angewandtes Management.
In seinem Impulsvortrag am zweiten Messetag der virtuellen Zukunft Personal Europe präsentierte Nachtwei eindrucksvolle Zahlen zum Wandel der Arbeitswelt und warf spannende Fragen auf – Antworten gab es allerdings keine. Vielmehr ging es darum, Denkanstöße zu geben und das Feld der psychologischen Forschung abzustecken, das es zu beackern gilt, wenn der technologische Wandel der Gesellschaft gelingen soll.
Umschichtprobleme oder: Was ist das Selbstverständnis eines Brummi-Fahrers?
Welche Ausweichmöglichkeiten bleiben für den Menschen, wenn künstliche Intelligenz (KI) und Maschinen mehr und mehr Tätigkeiten übernehmen? Auch wenn für die weggefallenen Jobs an anderer Stelle neue entstehen: Können Verwaltungsangestellte zu Virtual-Reality-Designern umgeschult werden? Entspricht es dem Selbstverständnis eines Fernfahrers, der 30 Jahre lang mit seinem Brummi auf der Autobahn unterwegs war, künftig in der Pflege zu arbeiten, weil dort noch menschliche Arbeitskraft gefragt ist? "Da werden gewaltige Umschichtprobleme auf uns zukommen", prophezeit Nachtwei.
Was ist der "Human USP"?
Chatbots und Sprachassistenten wie Alexa, Siri und Co. können menschliche Gespräche mittlerweile täuschend echt simulieren, KI kann Gefühle an Gesichtsausdrücken erkennen. Was bleibt da überhaupt noch als Alleinstellungsmerkmal (USP) des Menschen gegenüber einem Computer, einer Software oder einer KI? "Face-to-face ist der Computer ziemlich gut, aber in komplexeren Situationen, beispielsweise bei der Kommunikation mehrerer Personen oder in gruppendynamischen Prozessen, versagt die Technologie noch großflächig", sagte Nachtwei. Der Fokus müsse daher auf emotionale und soziale Kompetenzen gelegt werden: Kooperationsfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Überzeugungskraft. Das sei zumindest die Perspektive der Psychologen, erläuterte Jens Nachtwei. Es gebe aber auch gegenläufige Ansichten.
Kompetenzen der Zukunft: "Psycho-Sicht" versus "Tech-Sicht"
Der so genannte Europäische Referenzrahmen für digitale Kompetenzen ("Digital Competence Framework für Citizens") umfasst ganze 48 Seiten und listet eine Vielzahl an Kompetenzen im Umgang mit digitalen Technologien, darunter Programmierkenntnisse, Datenanalyse oder IT-Sicherheit. Dahinter stehe das Credo, dass die Menschen vor allem mit Daten und Technik umgehen können müssen, dann seien sie für die Jobs der Zukunft gut gerüstet, so Nachtwei. "Wir Psychologen hingegen sind der Meinung, dass wir das ureigene Menschliche stärken müssen. Denn das ist das, was uns am Ende bleibt."
Vollarbeitslosigkeit statt "Future Jobs"?
Noch einen Schritt weiter geht die Frage, ob wir uns überhaupt Gedanken machen müssen über Kompetenz- und Jobprofile der Zukunft – oder vielmehr über eine Entkopplung von Arbeit und Einkommen? Der Science-Fiction-Schriftsteller und Physiker Arthur C. Clarke schrieb: "Das Ziel für die Zukunft ist Vollarbeitslosigkeit, damit wir machen können, was wir wollen." Aber was heißt das? Neben der Frage, woher das Geld für den Lebensunterhalt kommt (siehe Debatte um das Bedingungslose Grundeinkommen) gehe es auch um weitere Fragen: Wie beschäftigt man die Menschen stattdessen? Wie verändert sich das Sinnerleben der Menschen, woraus werden sie ihren Selbstwert ableiten?
Fazit: Spannende Fragen – wenig Praxisbezug
Dass Mensch und Maschine bisweilen miteinander kämpfen, durften die Zuhörer des virtuellen Formats auch direkt live erleben: Es bedurfte rund 15 Minuten und einiger typisch menschlicher Problembehebungsversuche à la "Wackel mal am Kabel", "Probier mal ohne Headset" oder "Vielleicht wenn du die Webcam abschaltest?", bis der Vortrag einigermaßen stabil lief. Trotz der technischen Probleme am Anfang konnte der Vortrag inhaltlich überzeugen. Zwar gab es wenig konkreten Praxisbezug zum HR-Alltag, die aufgeworfenen Fragen zeigten jedoch eindrücklich, vor welchen Herausforderungen HR steht und worauf Antworten - auch von Personalern - gefunden werden müssen.
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