05.11.2015 | VW-Skandal und Unternehmenskultur

"Vertrauen macht Lügen unwahrscheinlicher"

Der Diplompsychologe und Organisationsberater Thomas Giernalczyk coacht Führungskräfte und Teams.
Bild: Ekkehard Winkler

Der VW-Skandal hält weiterhin die Wirtschaft in Atem. Der Psychoanalytiker und Organisationsberater Thomas Giernalczyk erklärt im Interview, wie es zu Lügen und Betrug kommt und wie Führungskräfte solche Fehlentwicklungen in der Unternehmenskultur vermeiden können.

Haufe Online-Redaktion: Lug und Trug – bei diesen Stichworten denken Fußballfans gerade an die Fifa, aber alle an VW. Haben Sie eine Erklärung für die moralische Komponente des Diesel-Skandals?
Thomas Giernalczyk:
Die Zielsetzung des VW-Konzerns war offensichtlich unrealistisch. Der Motor sollte sauber sein, aber einen bestimmten Kostenrahmen nicht überschreiten. Die Ingenieure fanden mit ihren Einwänden offensichtlich kein Gehör. Es wurde vermutlich nach dem Motto „Geht nicht, gibt’s nicht“ gehandelt. Zum faktischen Betrug kommen Managerversagen und eine Arroganz, die den Gegenspieler, die Umweltbehörden der USA, unterschätzte. Sonst wäre man wohl schon beim ersten Verdacht 2008 auf Gesprächsangebote eingegangen und hätte sich möglicherweise einigen können.  

Haufe Online-Redaktion: Wie kann es sein, dass Kontrollgremien derart versagen und so ein ganzer Konzern gefährdet wird?
Giernalczyk:
VW hat eine dominante Firmenkultur. Die autoritäre Struktur lässt Kontrolle und Reflexion  in der Entscheidungsfindung keinen Raum. Ganz oben thronte der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn. Offensichtlich war die Angst vor ihm größer als die Angst vor Konsequenzen aus der Umwelt.

Haufe Online-Redaktion: Arbeiten bei VW besonders viele betrügerisch veranlagte Menschen oder sind Mitarbeiter und Manager die Betrogenen einer kleinen Lügen-Elite?
Giernalczyk:
Bei der Lüge gibt es eine Normalverteilung. Die meisten Lügen sind harmlos. Nur wenige Menschen nehmen in Kauf anderen zu schaden, wollen ihnen bewusst schaden oder erkennen gar nicht, dass andere Schaden nehmen. Am anderen Ende der Gauß‘schen Glockenkurve gibt es die wenigen, die gar nicht lügen können. Es sind nicht die einzelnen Menschen sondern die auf sich bezogene und autoritäre Firmenkultur, die zu solchen Fehlentwicklungen führen. Dabei haben Führungskräfte eine wichtige Vorbildfunktion. Wenn sie nicht ethisch handeln, dann strahlt das auf alle anderen aus.

Haufe Online-Redaktion: Ist die Lüge immer verdammenswert oder ein gutes Schmiermittel, um Gesellschaft und Wirtschaft geschmeidig zu halten?
Giernalczyk:
Ein Leben ohne Lüge gibt es nicht. Die entscheidende Frage ist, wann sich eine harmlose in eine destruktive Lüge verwandelt. Menschen lügen, weil sie davon einen Nutzen haben – für sich oder für ihre Sache. Die Sieben-Meilen-Stiefel des Schwindelns bringen mehr Geld, schnelleren Gewinn, eine Idee voran und man steht persönlich besser da. Das gilt auch für Teams, die gemeinsam große Entscheidungen favorisieren und das Risiko kleinreden. Auf der anderen Seite wird Lügen vom Gewissen begrenzt. Psychoanalytisch gesprochen sorgt das Über-Ich im guten Falle für die Wahrheit.

Haufe Online-Redaktion: Die Drohung scheint schwächer als die Gewinnerwartung.
Giernalczyk:
Deshalb muss Leadership neu überdacht werden. In meinem Vortrag bei Heitger in Wien werde ich die fusionäre und die antifusionäre Lüge beschreiben. Beide müssen nicht harmlos bleiben, aber ihr Ursprung ist ein anderer. Die fusionäre Lüge wird genutzt, damit sich beide, Lügner und Belogener, miteinander im Gleichklang fühlen. Wie bei einem Hochstapler, der wie eine versorgende Mutter die Hoffnung auf vollkommende Wunscherfüllung verspricht, und dem Betrogenen, der wie ein Kind ist, das die Versprechen glauben möchte. Ein Beispiel: Wenn ein Dienstleister, der bisher nur eine Website betreibt, einen Bankenvorstand davon überzeugt, er könne ein Online-Banking-System zu einem superniedrigen Preis aufbauen, dann glaubt der Banker wirklich, dass er hier eine ideale Lösung bekommt und vergisst die damit verbundenen Probleme. Dabei wäre es ganz simpel, Referenzen abzufragen und die Firma des ITlers zu überprüfen. 

Haufe Online-Redaktion: Und das Gegenstück, die antifusionäre Lüge – was für eine innere Logik hat sie?
Giernalczyk:
Sie entsteht aus der Angst. Jemand fühlt sich subjektiv bedroht. Das gibt ihm nach seinem Empfinden das Recht sich zu wehren – und zwar mit allen Mitteln, denn bei Notwehr heiligt der Zweck die Mittel. Oft spielen Intrigen eine Rolle. Wenn sich etwa ein Einkaufsleiter und ein Techniker streiten, weil der eine preiswertes und der andere hochwertig-teures Material einsetzen will, geht der Techniker heimlich zum Vorstand. Mit Teilwahrheiten über die Sicherheit und Regressansprüche bringt er diesen dazu, ihm die Entscheidungsgewalt zu geben. Er sticht den Konkurrenten aus.

Haufe Online-Redaktion: Ihre Beispiele sind reale Coaching-Fälle. Wie kann der Coach das Lügen oder wenigstens die destruktiven Anteile minimieren?
Giernalczyk:
Eine vertrauensvolle Kommunikation macht das Lügen uninteressanter. Wenn Fehler zugegeben werden können, ohne dass eine Strafe folgt, muss weniger gelogen werden. Außerdem: Wer davon ausgehen muss, dass seine hinterhältigen Aktionen auffliegen, weil die Kollegen und Manager offen miteinander reden, kann die Lüge nicht als sicheres Erfolgsinstrument einsetzen. Vertrauen macht Lügen unwahrscheinlicher.

Über Thomas Giernalczyk:
Der Diplompsychologe und Psychoanalytiker Thomas Giernalczyk coacht Führungskräfte und Teams. In M19, der Manufaktur für Organisationsberatung, und Ipom, dem Institut für Psychodynamische Organisationsberatung, einem Netzwerk psychodynamischer Berater, erforscht und begleitet er Konflikte in Unternehmen und Behörden, Fusions- und Restrukturierungsprozesse sowie Zukunftskonferenzen. Als Honorarprofessor lehrt der 56-Jährige an der Fakultät für Humanwissenschaften der Universität der Bundeswehr.

Das Interview führte Ruth Lemmer.

 

Veranstaltung

„Leadership Revisited“: Lug und Trug in Unternehmen

Montag, 9. November 2015, 19 Uhr

Palais Todesco, Kärntner Straße 51, 1010 Wien

Anmeldung: office@vcg.co.at oder Tel. +43 1 533 58 36

Teilnahme:  90 Euro (zzgl. 20 % MwSt)

Weitere Informationen unter www.heitgerconsulting.com


Buchtipps

Thomas Giernalczyk/Mathias Lohmer: Das Unbewusste im Unternehmen. Psychodynamik von Führung, Beratung und Change Management. Schäffer-Poeschel E-Book/pdf, Stuttgart 2012, ISBN-13: 9783799266772, 49,95 Euro

Barbara Heitger/Annika Serfass: Unternehmensentwicklung: Wissen, Wege, Werkzeuge für morgen. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2015, ISBN-13: 9783791033006, 49,95 Euro

Schlagworte zum Thema:  Unternehmenskultur, Führung, Leadership, Betrug

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