Jahresrückblick: Die Tops und Flops des HR-Jahres 2020

Ein außergewöhnliches Jahr 2020 geht zu Ende. Covid-19 brachte nicht nur eine Weltwirtschaftskrise und staatliche Rettungsprogramme in bislang un­gekannter Höhe mit sich, sondern veränderte auch den Arbeitsalltag der meisten Menschen. Es wurde mehr als jemals zuvor mit Neuerungen improvisiert und experimentiert.

Top: Erfolgsmodell Kurzarbeit

Die Kurzarbeit war und ist derzeit das wichtigste Werkzeug zur Beschäftigungssicherung. Betriebs- und volkswirtschaftlich ist es sinnvoll, die Kosten von Entlassungen und sozialer Sicherung zu vermeiden und stattdessen während der Krise Kurzarbeitergeld zu zahlen. Im September waren in Deutschland noch immer rund 3,7 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit. Die BA rechnet für 2020 mit Kosten von 19 Milliarden Euro, die Verlängerung der Bezugsdauer auf 24 Monate wird schätzungsweise zusätzlich zehn Milliarden Euro kosten. Die Kurzarbeit darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in vielen Betrieben durch Restrukturierungen und neue Geschäftsmodelle der Strukturwandel vorangetrieben werden muss. Es wäre fatal, mit Kurzarbeit jetzt Arbeitsplätze zu sichern, die nach der Krise wegfallen.

Flop: Unsouveräne Absagen

Die HR-Community traf sich vor Corona auf zahlreichen Kongressen, Messen und Events, die den Jahresablauf strukturierten. Mit Covid-19 hat sich die Situation gedreht: Jede persönliche Begegnung birgt plötzlich das Risiko einer Ansteckung in sich, Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Für die Veranstalter von Events entwickelte sich daraus nicht nur ein geschäftliches Fiasko, sondern es wurde auch zu einer moralischen Bewährungsprobe: Was ist wichtiger, das Geschäft retten oder der Gesundheitsschutz?

Die Anbieter gingen unterschiedlich damit um: Manche sagten ihre Events erst ab, als die Behörden die Auflagen erhöhten oder die Veranstaltung untersagten. Dieses Zögern brachte für Aussteller, Referenten und Besucher oft unangenehme Folgen mit sich, da sie sich bis zuletzt auf ein Event vorbereiten mussten. Der mit der Absage verbundene Ärger war meist groß. Andere, wie etwa Kienbaum, Mercer, HRPepper, stellten ihre Jahresevents frühzeitig auf virtuelle Formate um, auf die sich dann alle einstellen konnten. Für uns als Marktbeobachter hatte das eine kuriose Folge: Wir mussten erstmals nicht nur Events ankündigen, sondern auch Listen über kurzfristige Absagen publizieren.

Top: Doppeltes Glück für die Learntec

Die Learntec profitierte im Jahr 2020 in zweifacher Weise: Als erste große Bildungs­messe des Jahres fand sie vor der Corona-Krise statt, sodass das Messegeschehen in den Karlsruher Messehallen ohne Einschränkungen ablaufen konnte. Und ihr Thema, digi­tale Bildung, entpuppte sich als ein wichtiges Zukunfts­thema, das durch Corona einen Schub bekam. Die für Anfang 2021 geplante Learntec haben die Messemacher rechtzeitig auf Juni verschoben - umsichtig und vorbildlich

Flop: Opfer von Corona – die Präsenzschulung

Die Transformation der Wirtschaft, der Wunsch nach mehr Eigenverantwortung und neue Arbeitskonzepte wie New Work sorgten über viele Jahre für einen Boom in der Weiterbildungsbranche. Die Corona-Krise traf die Branche mitten ins Herz: Weiterbildung war nicht mehr der Schlüssel für die Zukunft, sondern wurde heruntergefahren. Präsenzseminare konnten nicht mehr stattfinden, Akademien und Trainer meldeten Kurzarbeit an. Viele Beschäftigte kümmerten sich um Krisenbewältigung und Homeschooling, weniger um die eigene Fortentwicklung. Digitales Lernen wurde zum Zauberwort, der Weiterbildungsmarkt steht vor einer grundlegenden Neuordnung – bei den Anbietern, den Unternehmen und den Lernenden. Wie schnell sich der Markt erholen wird, ist noch nicht absehbar.

Top: Berufsfeldstudie – DGFP und BPM kommen sich näher

Die HR-Community verfügt über zwei große Verbände, die bisher in Konkurrenz zueinander standen. Der Bundesverband der Personalmanager (BPM) wurde vor elf Jahren als Alternative zur Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) gegründet und hat diese unter Druck gesetzt. Die DGFP musste sich modernisieren und mehrfach restrukturieren – was sich auch 2020 fortsetzte. Die Zentrale der DGFP wurde von Frankfurt nach Berlin verlegt, die Belegschaft weiter reduziert. Gespräche zwischen beiden Verbänden gab es auch schon in den Vorjahren, doch dieses Jahr wurde die erste gemeinsame Aktion durchgeführt: Der BPM machte seine Berufsfeldstudie zu "People & Organizations 2020" zusammen mit der DGFP. Kommt es zu einer Annäherung der beiden HR-Verbände? Das wäre wünschenswert.

Top: Der Zusammenhalt wächst

Homeoffice, Kurzarbeit, betrieblicher Gesundheitsschutz: Überall war Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeberseite und Betriebsräten gefragt. Grabenkämpfe? Zähes Ringen? Fehlanzeige! In reibungslosem Miteinander wurde die von Corona diktierte Agenda gemeinsam abgearbeitet. Auch die Belegschaften waren mit im Boot. Gemeinsam durch die Krise: So viel betriebliche Solidarität gab es lange nicht mehr.

Top: Das Ende der Dienstreise

War man vor der Krise nicht selten mal eben durch halb Deutschland gejettet, fand man sich plötzlich vor dem Bildschirm wieder und konnte feststellen, dass Videokonferenzen gar nicht so schlecht funktionieren. Viele Konzerne wollen dieses Spar­potenzial weiter nutzen. Was gut für die CO2-Bilanz ist, wird die Bahn, die Fluggesellschaften und die vielen Hotels, die von den Dienstreisenden gut leben konnten, weniger freuen.

Flop: Mobile-Arbeit-Gesetz war ein Rohrkrepierer

Schon lange gab es die Absicht, mobile Arbeit in Deutschland gesetzlich zu regeln. Als das BMAS den Gesetzentwurf Anfang Oktober vorlegte, konnte man feststellen, dass die Realität den gesetz­geberischen Wagemut längst überholt hat. Selten ist ein Gesetzentwurf der bereits gelebten Wirklichkeit so hinterhergehinkt. Ein Anspruch auf zwei Tage Homeoffice pro Monat war vorgesehen. Es gibt viele Aspekte mobiler Arbeit, die geregelt werden sollten. Versicherungsfragen, Arbeitsschutz, Mitbestimmung. Aber ein Gesetz, das weit hinter den Erwartungen zurückbleibt und unnötig Bürokratie verursacht, braucht niemand. Das hat auch das Kanzleramt so gesehen und den Gesetzentwurf vorerst in der Schublade verschwinden lassen.

Top: Das Homeoffice ist der große Ge­winner der Krise

Über die sozialen Netzwerke haben viele CEOs oder CHROs Bilder gepostet, die sie bei der Arbeit im Homeoffice zeigen. Die Botschaft war eindeutig: Sie wollten damit aller Welt zeigen, dass die Arbeit im Homeoffice weitergeht, auch wenn die Politik den Lockdown des öffentlichen Lebens beschließt.

Millionen von Bürobeschäftigten wech­selten von heute auf morgen ins Home­office. Vorstandssitzungen, Betriebs­ratssitzungen und Team­meetings fanden virtuell statt, und die beglückende Erfahrung, die die meisten dabei machten: Es funktioniert. Oft gab es keine Betriebsvereinbarungen, die das regelten, oder eine, die Homeoffice-Tätigkeit als Ausnahme vorsah. Die Vorbehalte der Unternehmensführungen gegenüber dem Homeoffice wurden in der Not beiseitegeschoben, rechtliche Regelungen häufig nachgereicht, und das Homeoffice hat im Jahr 2020 seine große Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt.

Die Auswirkungen dieser Erfahrungen sind weitreichend. Einzelne Unternehmen werden Regelungen zurückdrehen, aber viele denken über neue, hybride Formen der Arbeitsorganisation nach. Der Bedarf an Büroflächen wird sich reduzieren, es kann zu einer neuen Balance zwischen Stadt und Land kommen.


Dieser Rückblick ist in Personalmagazin 12/2020 erschienen. Lesen Sie die gesamte Ausgabe auch in der Personalmagazin-App.


Alle relevanten HR-Themen zum Jahreswechsel 2020-2021 finden Sie in dieser Übersicht.


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