12.05.2017 | Führungskräfteentwicklung

Empathie trainieren - mit einem Perspektivwechsel

Hält er die Tasse in der linken oder rechten Hand? Psychologe Thorsten Erle untersucht, wie Perspektivwechsel die Empathiefähigkeit beeinflussen.
Bild: Universität Würzburg

Führungskräfte sollen heute Soft Skills wie Empathie mitbringen. Doch nicht jeder verfügt über diese zwischenmenschliche Fähigkeit. Eine Studie macht diesen Menschen Hoffnung: Sie zeigt einen möglichen Ansatz, wie man Empathiefähigkeit trainieren könnte.

Kinder verwirrt es, und auch später im Leben kommt mancher Erwachsene damit schlecht zurecht: sich visuell in die Perspektive eines anderen Menschen hineinzuversetzen.

Diese Fähigkeit wird etwa gefordert, wenn es darum geht, die Perspektive seines Gegenübers einzunehmen um räumlich ein Objekt zu verorten – etwa, wenn der Chef vor dem Schreibtisch seines Mitarbeiters steht und diesen darauf aufmerksam machen will, wo sich das Dokument befindet, das dieser gerade verzweifelt sucht. Doch wo liegt das begehrte Schriftstück nun? Links vom Mitarbeiter, wie es aus der Perspektive des Chefs erscheint, oder rechts von ihm, wie der Mitarbeiter selbst es wahrnimmt?

Mehr als eine Frage des Abstraktionsvermögens

Um solche Verwirrungen zu vermeiden, haben die meisten Menschen es irgendwann einmal gelernt, sich in die Perspektive ihres Gegenübers hineinzuversetzen. Dennoch fällt es manchen leichter und manchen schwerer, spontan die Perspektive zu wechseln.

Wie gut dies dem Einzelnen gelingt, zeugt aber offenbar nicht nur von einem guten Abstraktionsvermögen. Vielmehr könnte die Fähigkeit zum Perspektivwechsel auch ein Hinweis darauf sein, wie gut jemand in der Lage ist, sich nicht nur visuell, sondern auch emotional in andere Menschen hineinzuversetzen, wie gut er also mitfühlen kann und letztlich zur Empathie fähig ist.

Probanden müssen sich ins Gegenüber hineinversetzen

Wie sehr die Fähigkeit zum visuellen und emotionalen Perspektivwechsel tatsächlich zusammenhängen, haben nun die Psychologen Thorsten Erle von der Universität Würzburg und Sascha Topolinski von der Universität zu Köln in einer Studie untersucht. Die Wissenschaftler ließen dafür rund 1.000 Menschen ein Experiment am Computer durchlaufen.

In einem Versuchsdurchlauf musste sich eine Gruppe von Probanden in die Situation einer virtuellen Person hineinversetzen, die ihnen vom Computerbildschirm aus entgegenblickte. Das virtuelle Gegenüber griff jeweils entweder mit ihrer linken oder rechten Hand nach einem Objekt, einer Banane oder einem Buch. Taten sie das mit der linken Hand, mussten die Probanden ebenfalls mit der linken Hand eine Taste drücken – und andersrum. Die Testpersonen mussten also die visuelle Perspektive ihres Gegenübers übernehmen und dann darauf reagieren.

Fragen beantworten – mit oder ohne Perspektivwechsel

In einem anderen Versuchsdurchlauf mussten die Probanden wiederum mit Links oder Rechts eine Taste drücken, wenn die virtuelle Person auf dem Bildschirm mit ihrer linken oder rechten Hand nach Buch oder Banane griff – mit einem entscheidenden Unterschied: Diesmal mussten sie dabei nicht visuell die Perspektive wechseln, weil die Personen auf dem Bildschirm in die gleiche Richtung blickten wie sie selbst.

Im anschließenden zweiten Teil des Experiments beobachteten die Probanden zunächst, wie die Personen auf dem Bildschirm Fragen beantworteten. Sie mussten etwa schätzen, wie hoch der Kölner Dom ist oder raten, wann Albert Einstein das erste Mal in die USA kam. Danach mussten die Probanden selbst die gleiche Frage beantworten – ohne zu wissen, ob die virtuelle Person mit ihrer Einschätzung richtig gelegen hatte.

Wer sich visuell in andere hineinversetzt, fühlt mehr mit

Bei der Auswertung des Versuchs fiel den Studienautoren auf: Waren die Probanden zunächst gezwungen, die Perspektive ihres Gegenübers einzunehmen, lagen ihre Antworten bei der anschließenden Fragerunde deutlich näher an den Antworten der virtuellen Personen. Wer die Perspektive nicht gewechselt hatte, ließ sich hingegen von deren Antwort nicht so leicht beeinflussen.

Die Studienautoren werten dies als Beleg dafür, dass jene Probanden, die visuell die Perspektive gewechselt hatten, auch emotional mehr auf ihr Gegenüber eingingen. "Wer sich rein visuell leichter in eine andere Person hineinversetzen kann, ist auch stärker zu Empathie fähig", resümiert Co-Autor Erle.

Ansatz für Empathie-Training in der Führungskräfteentwicklung?

Auf Grundlage dieser Erkenntnisse will Erle nun herausfinden, ob sich Mitgefühl trainieren lässt – ob etwa also Führungskräfte, die es üben, die Perspektive anderer einzunehmen, auf diese Weise tatsächlich auch ihre Empathiefähigkeit schulen könnten.

Allerdings dämpft der Psychologe die Erwartungen, dass sein Ansatz bald in der Personal- und Führungskräfteentwicklung umgesetzt werden könnte. "Diese Anwendung in der Praxis bleibt vorerst noch Zukunftsmusik", so Erle.

Zum Weiterlesen:
Die komplette Studie “The grounded nature of psychological perspective-taking” ist im “Journal of Personality and Social Psychology” erschienen. Auf dem Online-Portal der American Psychological Association steht sie zum kostenpflichtigen Download bereit.

Schlagworte zum Thema:  Führungskräfteentwicklung, Personalentwicklung, Weiterbildung

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