Duale Ausbildung

Berufs­orientierung auf Augenhöhe


Ausbildungsbotschafter

Ausbildungsbetriebe und Azubis finden nur schwer zusammen. Den einen fehlt oft das Gespür für die junge Zielgruppe, den anderen mangelt es an Infos über Berufe und Verdienst­möglich­keiten. Mehr Dialog auf Augenhöhe kann helfen. Und es gibt weitere Beispiele für gute Berufsorientierung – die zudem Spaß macht.

Der Ausbildungsmarkt in Deutschland steckt in einer strukturellen Krise: 2025 wurden laut BIBB 476.000 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen – rund 10.000 weniger als im Vorjahr. Vor allem in Industrie und Handel gingen die neuen Verträge zurück, ein Plus verzeichneten dagegen Ausbildungen in Handwerk und in freien Berufen. Diese Entwicklung kann vielleicht noch mit rückläufigen Geburtenraten und sich ändernden Berufsbildern erklärt werden. Besorgniserregend ist aber, dass immer weniger Unternehmen auf die duale Ausbildung und somit die Nachwuchssicherung aus den eigenen Reihen setzen. 2025 waren laut IAB-Betriebspanel gut die Hälfte aller Betriebe in Deutschland (52 Prozent) ausbildungsberechtigt. Aber nur 55 Prozent davon haben von ihrem Ausbildungsrecht Gebrauch gemacht und eine oder mehrere Lehrstellen angeboten. Als Gründe dafür gelten unsichere Beschäftigungserwartungen und zunehmende wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Unbesetzte Ausbildungsplätze vers. erfolglose Ausbildungsplatzsuche

Weitere besorgniserregende Zahlen vom Ausbildungsmarkt, die auf einer Veranstaltung von OECD und IAB vorgestellt wurden: 2025 konnten 30 Prozent aller Ausbildungsplätze nicht besetzt werden. Vor allem Kleinunternehmen mit bis zu neun Beschäftigten hatten Probleme, Azubis zu finden. Über die Hälfte (54 Prozent) blieb mit offenen Ausbildungsangeboten. Gleichzeitig blieben 84.358 junge Menschen erfolglos bei der Ausbildungsplatzsuche. Und viele derjenigen, die einen Ausbildungsplatz finden, werden nicht glücklich damit: 2024 wurden fast 30 Prozent der begonnenen Ausbildungsverträge wieder aufgelöst. 

Das Fazit der Wissenschaftler: Trotz unbesetzter Ausbildungsplätze gibt es große ungenutzte Potenziale auf dem Ausbildungsmarkt. 2,67 Millionen junge Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren, vor allem mit Migrationshintergrund, haben keinen Ausbildungsabschluss. Doch Unsicherheiten über die Zukunft und Orientierungslosigkeit in Verbindung mit Attraktivitätsproblemen einer Ausbildung lassen einen längeren weiterführenden Schulbesuch oder einen Helferjob attraktiver erscheinen. Wer dennoch einen Ausbildungswunsch hat, wird häufig von den Betrieben abgelehnt. Zwar sind die Unternehmen mittlerweile kompromissbereiter als früher, aber häufig bemängeln sie die Ausbildungsreife bei ihren Bewerberinnen und Bewerbern.

Jugendlichen fehlt das klare Berufsziel

Was kommt nach der Schule? Diese Frage stellte das IAB im vergangenen Jahr Schülerinnen und Schülern aus allen Schulformen und vergleichbaren Bildungseinrichtungen. Die Antworten machen deutlich: Bei den Jugendlichen besteht zwar keine komplette Orientierungslosigkeit: "Ich weiß noch nicht, was ich nach der Schule machen möchte", sagen nur sehr wenige. Aber es fehlt das klare Berufsziel. Das betrifft nicht nur diejenigen mit Studienberechtigung, von denen sich die meisten grundsätzlich eine betriebliche Ausbildung, ein Studium, aber auch eine schulische Berufsbildung vorstellen können. Knapp die Hälfte von ihnen setzt auf mehrere Bildungswege nach dem Schulabschluss. Auch die Schülerinnen und Schüler in Haupt- und Realschulen sind unentschlossen. Die meisten können sich sowohl eine betriebliche Berufsausbildung als auch eine schulische Berufsausbildung oder eine weiterführende Schule vorstellen, durchaus auch mehrere Bildungswege. 

Die weiteren Umfrageergebnisse lassen vermuten, dass die Unternehmen nicht genug tun, um junge Menschen von ihren Ausbildungsberufen zu überzeugen, um sie von bestimmten Tätigkeiten zu begeistern und ein Fünkchen Motivation zu wecken. Immerhin sagen 41 Prozent der befragten Jugendlichen: "Die Anzahl der Möglichkeiten hat mich überfordert." 33 Prozent geben an, dass es ihnen schwergefallen ist, Informationen für die Perspektiven nach dem Ausbildungsweg zu finden. Und 37 Prozent hatten Probleme, Informationen über mögliche Berufe zu finden. Das ist zwar nicht die Mehrzahl der Befragten – immerhin geben 71 Prozent an, dass ihnen die Suche nach einer Ausbildung, weiterführenden Schule oder einem Studium leichtgefallen ist. Aber es geht ja vor allem darum, die Richtigen anzusprechen und Unentschlossene gut zu informieren und gegebenenfalls von einem Beruf zu überzeugen. Denn die Aussage "Ja, ich weiß schon sehr genau, welchen Beruf ich ausüben möchte" treffen nicht viele Jugendliche.

Mismatch zwischen Betrieb und Jugend

Offenbar fehlt es derzeit vor allem an guten Informationen und einer Kommunikation auf Augenhöhe. Dazu gehört auch, sich auf die Wünsche und Bedürfnisse der jungen Zielgruppe einzulassen. Dass Ausbildungsbetriebe und potenzielle Azubis oftmals stark unterschiedliche Vorstellungen von beruflicher Zukunft haben, brachten die Jugendstudien des Arbeitgeberverbands Nordmetall zutage. Befragt wurden von 2022 bis 2024 über 2.700 Abiturientinnen und Abiturienten. Die Studienautoren machten vor allem drei Mismatches aus: Erstens unterschätzen die Befragten die Verdienstmöglichkeiten in der Industrie massiv. Zweitens liegt der Anteil der Jugendlichen, die Mathematik, Physik oder Informatik als Lieblingsfach nennen, bei nur neun Prozent – trotz des hohen Bedarfs der Industrie an MINT-Kompetenzen. Zudem beschäftigen sich 53 Prozent der Mädchen und 17 Prozent der Jungen nicht mit Computern oder Computertechnologie. Aber es gibt immer noch zu wenige Maßnahmen, das Interesse an diesen Themen zu wecken. Drittens mangelt es an Berufsorientierung an den Schulen. Diese wird sogar von den Betrieben (Durchschnittsnote 3,2) deutlich schlechter bewertet als von den Jugendlichen selbst (Durchschnittsnote 2,6). 

Die Jugendstudien haben einen starken Fokus auf die Metallindustrie und auf MINT-Berufe, aber es lässt sich auch hier erkennen, dass die Berufsorientierung einen wichtigen Ansatzpunkt für Verbesserungen darstellt.

Ausbildungsbotschafter: eigentlich eine gute Idee

Eine praxisnahe Lösung versprechen Ausbildungsbotschafter-Initiativen: Azubis gehen in Schulen und informieren über ihre Ausbildung, den Beruf und den eigenen Werdegang. Laut RKW Kompetenzzentrum werden solche Initiativen häufig von Industrie- und Handelskammern gegründet, um junge Menschen direkt, authentisch und auf Augenhöhe zu erreichen. Doch ihre Wirkung wird durch strukturelle Hindernisse ausgebremst, zum Beispiel uneinheitliche Zugänge zu Schulen und eine fehlende Verbindlichkeit.

Darüber hinaus gilt: Während Berufsorientierung durch Ausbildungsbotschafter an Haupt- und Realschulen in vielen Fällen gut etabliert ist, bleibt der Zugang zu Gymnasien – je nach Bundesland – punktuell. In den Gymnasien erfolgt die Auseinandersetzung mit der beruflichen Zukunft vielfach erst dann, wenn bereits Zeitdruck besteht und eine Entscheidung getroffen werden muss. Dass diese dann nicht die richtige ist, zeigt sich oft im Studium: Die Abbruchquote an Hochschulen liegt bei durchschnittlich 30 Prozent. Viele Abbrecher wechseln dann in eine betriebliche Ausbildung. Wären sie vorab besser informiert gewesen, könnten solche Abbrüche vermieden werden.

Was also tun, damit das besser wird? Laut dem RKW Kompetenzzentrum fehlt es nicht an Ideen, sondern an verlässlichen Rahmenbedingungen: klarere Vorgaben für Schulen und eine strategischere Einbindung von Berufsorientierung, insbesondere auch an Gymnasien. Aber auch für die Betriebe selbst gibt es zahlreiche Möglichkeiten, auch mit geringen Budgets Jugendliche wieder verstärkt für die (eigene) Ausbildung zu interessieren und Lust an der Lehre zu wecken.

Die Lust an einer Ausbildung wecken

Die Frage, wie mehr Jugendliche und vor allem Mädchen für Technikberufe begeistert werden können, ist Gegenstand vieler Projekte, zum Beispiel dem "Girls' Day", der meist als eintägiges Schnupperpraktikum oder Workshop in Berufen stattfindet, in denen Frauen noch unterrepräsentiert sind. (Das Pendant für Jungs ist der "Boys' Day".) Hauptkritikpunkt ist jedoch, dass die Festlegung auf "Männerberufe" und "Frauenberufe" Geschlechterstereotype zementiert und dass Unternehmen den Tag als reines Marketinginstrument nutzen und durch eine schwammige Organisation der Mehrwert der Berufsorientierung verloren geht. Bei den Jugendlichen kommt das nicht so gut an. So ermittelte die Studie Azubi-Recruiting-Trends bereits 2023, dass die meisten Azubis den Girls‘ oder Boy’s Day für überflüssig halten und auf Platz eins der unbeliebten Angebote zur Berufsorientierung einstufen, gefolgt von der Schülerfirma und einer Potenzialanalyse der Bundesagentur für Arbeit.

Doch es geht auch besser: Eine gute Möglichkeit, Ausbildungsberufe erfahrbar zu machen, stellen regionale Netzwerke dar. So haben sich zehn Unternehmen aus dem Umkreis Rendsburg zum Netzwerk "Nordstarter" zusammengetan. Hier können Jugendliche checken, welche der Berufe von Baustoffprüfer/in bis Zerspanungsmechaniker/in zu ihnen passen würden, bekommen Hilfe bei Bewerbung und Vorstellungsgespräch und erhalten einen einfachen Zugang zu Praktika. Es gibt auch eine gemeinsame Ausbildungsmesse, die anstatt klassischer Messestände echte Einblicke in die Berufswelt geben will. 

Ein weiteres wirksames Beispiel liefert der Bildungsdienstleister Provadis, der in Hessen vor vier Jahren das Berufsorientierungsprojekt "Girls4MINT" initiierte. Dieses richtet sich an Schülerinnen der Jahrgangsstufen sieben bis zehn und geht über vier Tage. In Kooperation mit Unternehmen werden Mädchen praxisnah an MINT-Tätigkeitsfelder herangeführt. Eingebunden sind Ausbilderinnen und Geschäftsführerinnen, die aus ihrem Berufsalltag berichten. Und es werden konkrete Projekte durchgeführt. In einem Unternehmen fertigten die Teilnehmerinnen beispielsweise ein Gehäuse mit 3D-Druck und Metallbearbeitungen, löteten eine Platine mit einem Mikrocontroller, übertrugen den Programmcode auf die Steuerung und nahmen die Software in Betrieb. Auszubildende begleiten die Projektarbeiten und beantworten Fragen zu ihren eigenen Erfahrungen. 20 Unternehmen haben sich bisher an "Girls4MINT" beteiligt, offenbar mit Erfolg. Rund 85 Prozent der Teilnehmerinnen gaben im Anschluss an, dass sie sich eine Tätigkeit im MINT-Bereich grundsätzlich vorstellen können. Einige Unternehmen meldeten zudem zurück, dass einige Teilnehmerinnen sich im Anschluss unmittelbar um Praktikums- oder Ausbildungsplätze beworben hätten. 

Ein weiteres Projekt, das aus diesem Programm entstanden ist, heißt "Power Up", das von Physik- und Chemielehrkräften sowie Fachausbildern inhaltlich gestaltet wurde. Rund 100 Jugendliche nahmen teil und setzten sich in ihrer jeweiligen Schule mit der Bedeutung von erneuerbaren Energien auseinander. Sie erhielten Einblicke in verschiedene Methoden der Energieerzeugung und widmeten sich in Praxiseinheiten intensiv einer dieser Energieformen, erstellten Modelle und kleine Exponate. Ziel war es, erneuerbare Energien und neue Berufe begreifbar zu machen.

Digitale Orientierung im Schulkontext 

Solche Projekte können allerdings nur in kleineren Gruppen durchgeführt werden, die Masse der Auszubildenden wird damit nicht erreicht. Das ist eher auf digitalem Weg möglich, beispielsweise über eine Lernplattform für Schülerinnen und Schüler, einen Online-Vokabeltrainer oder eine Schulplaner-App. Hier findet die Ansprache in einem thematisch passenden Umfeld statt und nicht in einem Freizeit- oder Spaß-Kontext, wie sie bei der Zielgruppe beliebte Social Media wie Tiktok bieten.

"Für Unternehmen wird das zunehmend relevant, weil die allermeisten Jugendlichen nicht aktiv auf Jobportalen suchen, Entscheidungen aber oft bereits in der Inspirationsphase treffen", weiß Benedict Kurz, CEO von Knowunity. Die Lernplattform werde mittlerweile von jedem dritten Schüler in Deutschland eingesetzt. Im Durchschnitt vier bis fünf Mal pro Woche würden sie die App verwenden, um Lerninhalte, Quizze und Prüfungsvorbereitungen zu nutzen und sich von einem KI-Lernbegleiter unterstützen zu lassen, so Benedict Kurz. 

Unternehmen wie Porsche, Vodafone, Avacon, Malzers Backstube oder Burkhardt GmbH nutzen dieses Umfeld für die Ansprache von potenziellen Azubis und präsentieren dort Inhalte zur Berufsorientierung oder Employer-Branding-Formate. Diese können in Lernmodulen zu bestimmten Themen, mit regionaler Ausspielung oder zielgruppenspezifisch nach Schulform, Klasse oder Interessen veröffentlicht werden, so Benedict Kurz: "Dadurch entstehen frühe Berührungspunkte mit Arbeitgebermarken, oft bevor eine konkrete Bewerbung geschrieben wird."

Orientierung im Dialog mit KI

Natürlich kann auch KI bei der Berufsorientierung unterstützen. Allerdings mit Einschränkung: "Praktika, Ausbildungsbotschafter oder persönliche Gespräche bleiben wichtige Instrumente, weil sie etwas leisten, was auch die beste KI nicht kann: Sie machen Berufe erlebbar", sagt Felix von Zittwitz, Geschäftsführer von Ausbildung.de. Der Mehrwert von KI liegt seiner Erfahrung nach an anderer Stelle: "Viele Jugendliche stehen vor Hunderten möglichen Berufen und haben Schwierigkeiten, ihre Interessen, Stärken und Wünsche mit konkreten Berufsbildern zu verbinden. Genau hier kann eine KI unterstützen. Sie hilft dabei, Informationen einzuordnen, Orientierung zu schaffen und erste passende Optionen sichtbar zu machen."

Gemeinsam mit seinem Team hat er das KI-Tool Abby als Angebot für junge Menschen entwickelt, um ihnen einen niedrigschwelligen Zugang zur Berufswelt zu bieten: Sie können jederzeit und ohne Hemmschwelle Fragen stellen – auch solche, die sie Eltern, Lehrkräften oder der Berufsberatung nicht stellen würden. Anstatt klassischer Berufstests gibt es Orientierung in Dialogform, die auf individuelle Interessen, Unsicherheiten und Rückfragen eingeht und auf Wunsch in konkrete Vorschläge von Ausbildungs- und Praktikumsplätzen oder dualen Studiengängen mündet. Den größten Pluspunkt sieht er darin, dass die KI entlang der eigenen Lebensrealität berät: "Jugendliche denken selten in Jobtiteln. Sie fragen eher Was passt zu mir? Kann ich davon leben? Wie sieht mein Alltag aus? KI kann genau an diesen Fragen ansetzen." 

Seit dem Launch auf Ausbildung.de zeigt Abby positive Sig­nale hinsichtlich User-Akzeptanz und Qualität der Empfehlungen: Die Bewerbungsquoten über das KI-Interface sind höher als üblich. Der Roll-out erfolgt schrittweise und entlang der tatsächlichen Nutzung. Die Erkenntnisse daraus sollen helfen, digitale Berufsorientierung stärker mit praktischen Erfahrungen in Ausbildungsbetrieben zu verbinden.

Dieser Beitrag ist erschienen in Personalmagazin 8/2026. Als Abonnent haben Sie Zugang zu diesem Beitrag und allen Artikeln dieser Ausgabe in unserem Digitalmagazin als Desktop-Applikation oder in der Personalmagazin-App.

 

Gleich weiterlesen? Hier die weiteren Beiträge aus dem Schwerpunkt:

Warum soziale Beziehungen Chefsache sind: Selbstwirksamkeit, verlässliche Bezugspersonen und ein sicheres Lernklima sind essenziell für den Ausbildungserfolg.

Demokratie erfahren: Wie die Gewoba Nord die Demokratiekompetenz ihrer Azubis fördert.

"Azubis begleiten und stärken." Coach Imke Lambrecht gibt Tipps für Ausbilderinnen und Ausbilder.

Unbürokratisch zum Erfolg: Vier Praxisbeispiele zeigen, wie kreative und pragmatische Lösungen helfen können, Ausbildung attraktiver und erfolgreicher zu machen.


Schlagworte zum Thema:  Ausbildung
0 Kommentare
Das Eingabefeld enthält noch keinen Text oder nicht erlaubte Sonderzeichen. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingabe, um den Kommentar veröffentlichen zu können.
Noch keine Kommentare - teilen Sie Ihre Sicht und starten Sie die Diskussion