Schulen brauchen zukünftig mehr Lehrer

Nach der Einschätzung des neuen Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz reicht es nicht, in Zukunft nur frei werdende Lehrerstellen neu zu besetzen. Die Schüler-Lehrer-Relation ändert sich und in einigen Bundesländern steigen die Schülerzahlen.

Mit den steigenden Anforderungen für die Schulen wird nach der Einschätzung des neu gewählten Vorsitzenden der Kultusministerkonferenz (KMK), Alexander Lorz, der Bedarf an Lehrerstellen weiter wachsen. Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeige, dass es nicht damit getan ist, freie Lehrerstellen neu zu besetzen, sagte Hessens Bildungsminister. «Wir sollten darüber hinaus ausbilden, weil wir davon ausgehen, dass wir mehr Lehrerstellen in Zukunft brauchen werden», erläuterte der CDU-Politiker.

Lehrer fehlen besonders an Berufsschulen und Grundschulen

Lorz forderte einen langfristig angelegten Ausbau von Studienplätzen in der Lehrerausbildung. So sei beispielsweise Hessen zwar auf einem guten Weg, mit den bereits aufgestockten Kapazitäten den Bedarf für die Neubesetzung von Stellen ab 2023 decken zu können. «Aber da ist noch nicht viel Puffer drin», mahnte der Minister. Die Hochschulen stießen inzwischen an ihre Grenzen. «Professoren für Grundschulpädagogik wachsen auch nicht auf den Bäumen», sagte Lorz. Nach Prognosen der KMK fehlen bis 2030 jedes Jahr 700 Lehrer. Besonders betroffen sind demnach Berufsschulen und Grundschulen.

Mehr Vergleichbarkeit bei Lehrerausbildung und Verbeamtung

Der scheidende KMK-Chef, Helmut Holter (Linke), forderte mehr Vergleichbarkeit der Lehrerausbildung in den Bundesländern. Weil die Bildung Ländersache sei, habe sich jedes Bundesland eigene Regeln gegeben. Die Lehramtsabschlüsse seien nicht in jedem Fall vergleichbar. Er wünsche sich eine «Harmonisierung».

Holter sieht in der Verbeamtung von Lehrern ein wichtiges Instrument gegen den Mangel. «Alle Länder sind auf dem Weg, Lehrer zu verbeamten. Das hat einen hohen Stellenwert», sagte er. Gegen den Personalmangel gebe es aber kein Patentrezept. Eine große Herausforderung bestehe auch darin, Lehrer für bestimmte Mangelfächer und für Schulen im ländlichen Raum zu gewinnen.

Bundesländer im Vergleich

Rheinland-Pfalz ist nach Aussagen des Bildungsministeriums in Mainz seit Jahren bestrebt, «angehenden Lehrkräften gute Beschäftigungsbedingungen zu ermöglichen». Dazu gehöre die Verbeamtung von Lehrkräften. Mit einem Altersdurchschnitt von 44 Jahren gehörten die Kollegien in Rheinland-Pfalz mit zu den jüngsten bundesweit. Daher müssen auch weniger Stellen von Lehrkräften, die in den Ruhestand wechseln, nachbesetzt werden.

Das sieht in Sachsen-Anhalt ganz anders aus. Das Land hat eine überdurchschnittlich alte Belegschaft und braucht einem Expertengutachten zufolge jedes Jahr mindestens 730 neue Lehrer, um Abgänge und steigende Schülerzahlen auszugleichen. Als Erfolg wertete Landesbildungsminister Marco Tullner (CDU) die sogenannte Buschzulage: Für Stellen, die über mehrere Runden nicht besetzt werden konnten, zahlt das Land seit diesem Jahr einen Zuschlag. Etwa die Hälfte dieser 80 Posten sei so in zwei Ausschreibungsrunden besetzt worden, sagte Tullner.

Niedersachsen setzt verstärkt auf Quereinsteiger, um die Lücken in den Kollegien etwa an Grund-, Haupt- und Realschullehrer zu schließen. Viele von ihnen unterrichten an Hauptschulen und auf dem Land - also dort, wo der Arbeitsplatz Schule weniger attraktiv ist. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) kündigte an, dass sich das Land «sehr ernsthaft» mit der Frage auseinandersetzen werde, die Besoldung aller Lehrer an die Bezüge der Gymnasiallehrer anzupassen. In einem ersten Schritt hatte Niedersachsen 2018 die Besoldung für Grundschulleiter verbessert.

Baden-Württemberg lockt mit einem speziellen Angebot Nachwuchskräfte auf's Land: Wenn sich junge Gymnasiallehrer bereit erklären, für drei Jahre dort an Grundschulen zu unterrichten, erhalten sie im Gegenzug anschließend eine Stelle in ihrer Fächerkombination an einem Gymnasium.

Anders als in fast allen anderen Bundesländern gibt es dagegen in Hamburg erheblich mehr Bewerber als Referendariats-Plätze. Die Stadt sei sehr attraktiv, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD). Zudem verbeamte Hamburg zügig, zahle gut und biete bessere Aufstiegschancen als andere Bundesländer. Doch man wolle nicht warten, bis der Bewerbermangel auch in Hamburg ankomme. Die Hansestadt will deshalb deutlich mehr Referendare ausbilden.

Prognosen schwer zu treffen

«Mit der gleichen Lehrer-Schüler-Relation, mit der Lehrer vor 15 oder 20 Jahren gearbeitet haben, würde heute keine Schule mehr arbeiten können», betonte Hessens Bildungsminister Lorz. Bei Prognosen für künftige Bedarfe müsse man sich jedoch stets darüber im Klaren sein, dass die Zahlen unter Umständen nicht besonders zuverlässig sind. «Natürlich ärgert uns das.» Es seien sehr viele Faktoren im Spiel, unter denen die allgemeinen Wanderungsbewegungen eine Hauptrolle spielen. «Da zerbrechen sich in allen Ministerien Heerscharen von hoch qualifizierten Mathematikern und Statistikern den Kopf, wie die Prognosen noch zuverlässiger werden können.»

Bundesländer werben sich nicht gegenseitig Lehrer ab

Unter den Ländern gibt es nach den Worten von Lorz eine Übereinkunft, nicht mit gezielten Kampagnen Lehrer untereinander abzuwerben. «Was wir aber nicht verhindern können ist, dass die einen oder anderen Länder attraktivere Arbeitsbedingungen bieten, Stichwort Besoldung», sagte Lorz. Wenn Lehrer sich daran orientierten, dann sei das etwas, mit dem man im Föderalismus leben müsse. «Interessanterweise ist der Effekt aber nicht groß», sagte der Minister. Nach seiner Erfahrung würden angehende Lehrer nicht für 300 Euro mehr im Monat einmal quer durch Deutschland umziehen.

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