Leitmerkmalmethode „Ausübung von Ganzkörperkräften“: Anwendung

Die Leitmerkmalmethode "Ausübung von Ganzkörperkräften" dient zur Berechnung der Belastungshöhe bei Tätigkeiten, für die das Aufbringen großer Kräfte notwendig ist. Das Beispiel des Märchens von Frau Holle zeigt das Vorgehen und Möglichkeiten zur Belastungsreduzierung.

Bisher wurde das Arbeiten mit dem ganzen Körper nicht in einer Leitmerkmalmethode (LMM) abgebildet. Bei deren Aktualisierung wurde dies nun nachgeholt: Die LMM Ganzkörperkräfte befasst sich also mit Arbeiten, für die das Aufbringen großer Kräfte nötig ist. Dies ist in aller Regel nur im Stehen möglich, so dass der ganze Körper mit in die Bewegung einbezogen wird.

Anwendung der Leitmerkmalmethode Ganzkörperkräfte

Ein typisches Beispiel ist das Bewegen von Personen, wie es z. B. im Pflegebereich nötig ist. Ähnlich große Kräfte werden eingesetzt, wenn große Werkstücke bearbeitet und bewegt werden, wenn Arbeitsgegenstände, Werkzeuge, Armaturen oder sonstige Vorrichtungen positioniert werden. Dabei ist die genaue Körperhaltung nicht relevant.

Die Kraft wird hauptsächlich über die Hände/Arme und Schultern aufgebracht, eine Fortleitung über Rücken, Beine und Füße ist möglich. Die erforderlichen Kräfte sind so hoch, dass diese Tätigkeit üblicherweise nicht mehr im Sitzen ausgeübt werden kann.

Grundzüge der Leitmerkmalmethode Ganzkörperkräfte

Das Grundprinzip der Leitmerkmalmethode ist, eine bestimmte Tätigkeit mit einem Punktwert zu bewerten. Dieser Wert gibt Auskunft über die Belastungshöhe und wird aus den wichtigsten Faktoren berechnet, die für die jeweilige Tätigkeit kennzeichnend sind.

Aufgenommen werden beispielsweise:

  • Lastgewicht wie z. B. beim Heben, Tragen, Schieben oder Ziehen,
  • Lastaufnahmebedingungen wie z. B. ein- oder beidhändig, über Kopf oder vom Boden,
  • Körperhaltungen wie z. B. aufrecht, verdreht, gebeugt, sitzend, hockend oder kniend,
  • Körperbewegung wie Rumpfverdrehung oder -seitneigung,
  • Körperfortbewegung wie Gehen, Steigen, Kriechen oder Klettern,
  • Bewegungsmöglichkeiten bzw. -einschränkungen,
  • Belastung einzelner Körperteile und Gelenke wie z. B. Finger, Schultern oder Knie,
  • Arbeitsorganisation wie z. B. die Häufigkeit von Belastungswechseln,
  • Greifbedingungen z. B. von Werkzeugen oder Maschinen,
  • Kraftausübung bzw. -übertragung wie etwa beim Arbeiten mit Werkzeugen oder Maschinen,
  • Beschaffenheit des Untergrunds bzw. Fahrwegs wie z. B. eben, glatt, stark verschmutzt oder grob gepflastert,
  • Ausführungsbedingungen wie z. B. Nässe, Vibrationen oder hohe geistige Konzentration.

Außerdem wird die Ausführungsdauer mit einer Zeitgewichtung berücksichtigt. Bei den Leitmerkmalmethoden, bei denen Lasten eine Rolle spielen, gibt es einen zusätzlichen Multiplikationsfaktor für weibliche Mitarbeiter. Das Ergebnis wird schließlich als Punktwert mit den Stufen in einer Tabelle verglichen:

Berechnung LMM Ganzkörperkräfte

Rechenbeispiel: Frau Holle

Für die Arbeit von Frau Holle ist das Schütteln der großen, schweren Kissen relevant. Diese Tätigkeit ist nur im Stehen möglich, sowohl das Gewicht als auch die Krafteinleitung lassen die LMM Ganzkörperkräfte zur Anwendung kommen.

Berechnung

Die fleißige Tochter im Märchen sammelt erst die vielen Kissen ein und schüttelt dann jedes 3 kg schwere Kissen 20 Sekunden lang. Damit ist sie 2 Stunden beschäftigt. Dabei treten mittlere Kräfte auf. Da die Kissen mit Schnee gefüllt sind, ist es kalt und sie lassen sich außerdem schlecht greifen. Außerdem müssen die Kissen aus dem Fenster über eine breite Brüstung ausgeschüttelt werden. Wenn sie fertig ist, bringt sie alle Kissen wieder zurück in die Zimmer.

Kraftausübung (3 kg = mittlere Kraft)

+

= 12 * 1,5 (Faktor für Frauen)

Symmetrie (Kraftaufwand beidhändig und symmetrisch)

+

= 0

Körperhaltung (vorgeneigt)

+

= 3 Punkte

ungünstige Ausführung (kalt; schwer zu greifen; Brüstung)

+

= 3

Arbeitsorganisation (seltene Wechsel der Tätigkeit)

+

= 2

Zeitgewichtung (2 h Gesamtdauer je Tag)

x

= 4

Summe

 

= 104

Prozessverbesserung

Die Kissen werden Zimmer für Zimmer geholt und weggebracht, was einen Belastungswechsel mit sich bringt. Außerdem wird jedes einzelne Kissen ab sofort zweimal nur je 10 Sekunden mit einer Pause geschüttelt. Dadurch dauert das Schütteln zwar insgesamt 20 min länger, aber es ist deutlich schonender. An die Kissen werden Halteschlaufen genäht, so dass sie sich besser greifen lassen. Zu guter Letzt wird der Ort des Schüttelns auf einen Balkon verlegt, dessen Brüstung nur aus einer durchgehenden Holzplatte besteht, so dass ein Vorbeugen wie bei der Fensterbrüstung entfallen kann. Die Berechnung dieses neuen Arbeitsplatzes sieht dann so aus:

Kraftausübung

+

= 6 * 1,5

Symmetrie

+

= 0

Körperhaltung

+

= 0

ungünstige Ausführung

+

= 1

Arbeitsorganisation

+

= 0

Zeitgewichtung

x

= 5

Summe

 

= 50

Fazit: Schon durch die kleinen Veränderungen wird die Belastung um mehr als 50% reduziert. Selbst die Verlängerung der Arbeitszeit wirkt sich im Vergleich nicht negativ aus.