Arbeitszeiterfasung: Sind Überstunden wirklich freiwillig?

Erst wurde über die hohe Arbeitslast gejammert. Nach dem Urteil des EuGH zur Arbeitszeiterfassung möchte jetzt auf einmal jeder so lange arbeiten dürfen, wie er will. Doch wie freiwillig sind Überstunden wirklich?

In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung äußert Prof. Dr. Dirk Lehr, Gesundheitspsychologe an der Leuphana-Universität in Lüneburg, seine Zweifel daran, dass Überstunden freiwillig erfolgen. Er hält eine Arbeitszeiterfassung für durchaus angebracht. Die Zeiterfassung müsse nicht aufwendig sein, koste mit modernen Erfassungsmethoden wenig Zeit und würde daher auch keinen Stress erzeugen.

Unternehmerisches Denken wird auch von den Mitarbeitern erwartet

Verändert hat sich der Umgang mit der Zeit, weil nicht nur Unternehmer von ihrem Ehrgeiz nach mehr Aufträgen, mehr Erfolg und mehr Gewinn leben, sondern dieses Denken auch auf die Mitarbeiter übertragen haben. Jeder ist Teil des Erfolgs. Dafür soll er für seinen Bereich unternehmerisch denken und handeln. Überprüfen lässt sich der Erfolg relativ einfach anhand von Kennzahlen.

Kennzahlen spornen an - und führen zu Überstunden

Wer ausschließlich Kennzahlen vergleicht, vergisst jedoch die Zeit. Denn immer seltener werden Kennzahlen in Relation gesetzt mit der Zeit, die dafür gebraucht wird. Dieses Prinzip führt zum Dauerstress. Denn besser geht immer.

Wenn keine Steigerung mehr geht

Hinzu kommt, dass im Wettstreit um das beste Ergebnis die Anerkennung von Leistung nachlässt. Und auch selbst wird man immer unzufriedener, wenn man Kennzahlen nicht erreicht oder keine Steigerung mehr möglich ist.

Kennzahlen und Zeitaufwand gehören zusammen erfasst

Mit einer Arbeitszeiterfassung lässt sich ein Zusammenhang zwischen Kennzahlen – die Dirk Lehr grundsätzlich richtig findet – und dem dafür benötigten Zeitaufwand herstellen. So ließe sich ermitteln, wie lange bestimmte Tätigkeiten dauern, wobei gute und schlechte Tage zu berücksichtigen sind. Das ergäbe eine Einschätzung, mit der (Arbeits-)Ziele realistisch umgesetzt werden könnten.

Vorgesetzte und Kollegen erzeugen Leistungsdruck

Viele Mitarbeiter leisten Mehrarbeit, so Dirk Lehr, weil sie vor Vorgesetzten und Kollegen nicht schlecht dastehen wollen. Doch dieser Antrieb sei nur „halb freiwillig“, wie Lehr meint.

Zeiterfassung geht so einfach wie Schritte zählen

Wie einfach und nutzerfreundlich eine Zeiterfassung heutzutage sein kann erklärt Lehr, indem er sich mit einem Schrittzähler vergleicht: „Früher hätte kein Gesundheitspsychologe Leute dazu motivieren können, ihre Schritte zu zählen. Heute macht das eine App, und viele teilen ihre Ergebnisse sogar in den Netzwerken.“

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