Die meisten Unternehmen in Deutschland erleben seit Jahren die Situation, dass Arbeitsunfälle ohne relevante Folgen oder Beinaheunfälle nicht gemeldet werden. Hierdurch verpassen die Unternehmen jedes Jahr aufs Neue die Chance, aus den Ereignissen zu lernen, um zukünftige Wiederholungen zu vermeiden. Doch warum melden Mitarbeitende solche Ereignisse im Unternehmen nicht?
Internationale Studien zeigen, dass es eine hohe Differenz zwischen der gemeldeten und der realen Anzahl an Beinaheunfällen vorliegt. Die Studien berichten, dass nur zwischen 30 % - 40 % der Beschäftigten Beinaheunfälle konsequent melden. Auch wenn diese Zahlen mangels Daten nicht 1:1 auf deutsche Verhältnisse übertragen werden können, so ist davon auszugehen, dass eine ähnliche Situation vorliegt.
Erster Grund: Schuldzuweisungen überwiegen
Ein wesentlicher Einflussfaktor für ausbleibende kontinuierliche Meldungen von Arbeits- und Beinaheunfällen ist der Umgang mit Fehlern im Unternehmen. Es ist leider kein Einzelfall, dass nach einem Ereignis die Suche nach einem Schuldigen für Führungskräfte wichtiger ist als die Identifikation von Schwachstellen in der Organisation und den Prozessen. Insbesondere wenn arbeitsrechtliche Konsequenzen oder eine gefühlte Bloßstellung nach Fehlern droht, werden Mitarbeitende Arbeits- und Beinaheunfälle überwiegend nur melden, wenn es nicht vermeidbar ist. Es fehlt die psychologische Sicherheit, offen über Fehler sprechen zu können.
Zweiter Grund: Falsche Anreizsysteme
In vielen Unternehmen gibt es heute noch Anreizsysteme, die zwar gut gemeint, aber schlecht gemacht sind. Sie tragen dazu bei, dass eher das Schweigen in der Belegschaft gefördert wird, statt der offene Diskurs und das Lernen aus Fehlern. Anzeigetafeln auf dem Werksgelände zur Anzahl an unfallfreien Tagen sind genauso kontraproduktiv wie entsprechende Prämien für Mitarbeitende oder Jahresziele für Führungskräfte. Wer den klaren Fokus auf die Vermeidung von Unfallzahlen setzt, fördert eine Dunkelziffer bei den Arbeitsunfällen. Hierausfolgt in den meisten Fällen auch eine sehr hohe Dunkelziffer bei den Beinaheunfällen. Jemand, der einen Unfall als eine Art des Scheiterns ansieht, meldet auch kein Ereignis, bei dem fast etwas passiert wäre.
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Dritter Grund: "Ich möchte nicht erwischt werden"
Eine angemessene Meldemoral von Beinaheunfällen kann nicht verordnet werden oder mit einem finanziellen Anreiz auf Dauer erreicht werden. Solange sich ein Unternehmen kulturell in einer Phase befindet, in der sich die überwiegende Anzahl an Menschen nur an Regeln hält, weil sie es muss und man beim unsicheren Arbeiten nur nicht erwischt werden will, wird es schwer, eine kontinuierliche Meldung von Beinaheunfällen zu erhalten, die auch qualitativ hochwertig ist. Schließlich hilft es niemanden, Alibi-Meldungen zu bekommen.
Was ist die Lösung?
Unabhängig von der Branche und der Unternehmensgröße wird in der betrieblichen Praxis deutlich, dass ausbleibende Meldungen von Beinaheunfällen stets ein Spiegelbild der aktuellen Sicherheits- und somit auch Unternehmenskultur sind. Wenn Beinaheunfälle kontinuierlich und nachhaltig auf einem hohen Qualitätsniveau gemeldet werden sollen, dann braucht es einen Kulturwandel. Solange Arbeits- und Beinaheunfälle als Teil des Arbeitsprozesses gesehen werden, wird es schwierig, die Meldemoral zu steigern.
Der erste Schritt hin zu mehr hochwertigen Meldungen von Beinaheunfällen führt in den meisten Fällen über die Erhebung zum aktuellen Zustand der Sicherheitskultur. Nur wenn bekannt ist, welche Stärken und Schwächen in der Organisation und der Verhaltensweisen von Führungskräften und Mitarbeitenden vorliegen, können gezielte Maßnahmen abgeleitet werden. Hieraus leiten sich dann Maßnahmen ab, die auf die Weiterentwicklung der Organisation und Prozesse sowie für die Weiterentwicklung der Einstellung und Verhaltensweisen der Menschen im Unternehmen abzielen.