Ordnungssinn: Fördert Struktur wirklich Gesundheit, Konzentration und Produktivität?
Die Clean-Your-Desk“-Bewegung entstand in den 1990er Jahren in den USA, der genaue Ursprung und die Beweggründe ihrer Entstehung sind aber unbekannt. Sie besitzt ihren eigenen Aktionstag, den „Clean off your Desk Day“, der jährlich am zweiten Montag im Januar stattfindet. Der Termin wurde gewählt, um nach den Weihnachtsferien für einen ordentlichen Start in das neue Jahr zu motivieren.
Ziele der Bewegung und des Aktionstages
Der „Clean off your Desk Day“ will für das Hauptziel der Bewegung werben: Das Bewusstsein für die Vorteile eines aufgeräumten Arbeitsplatzes zu schärfen. Die Argumente für eine sauberen und aufgeräumten Bürotisch, so die Initiatoren, seien vielfältig. Dieser solle helfen, Arbeitsproduktivität und Konzentration zu steigern, Stress zu reduzieren, ein Gefühl von Kontrolle über den Arbeitsalltag zu gewinnen sowie Zeit zu sparen, die man sonst mit Suchen verbringen würde. Weiterhin unterstütze die Ordnung die Gesundheit der Beschäftigten, weil in einem sauberen Büro die Keim- und Staubbelastung geringer ist. Schließlich diene die Ordentlichkeit auch dem Datenschutz, denn auf einem aufgeräumten Tisch liegen auch keine Unterlagen mit sensiblen Daten herum, in die Unbefugte Einsicht nehmen könnten.
Neuro-Ergonomie und Shared-Desks
Die (mutmaßlichen) Erkenntnisse der Bewegung werden zunehmend auch bei der Konzeption von modernen Büros im Rahmen der „Neuro-Ergonomie“ genutzt. Deren Anliegen ist es, durch strukturierte Arbeitsumgebungen die kognitive Last zu senken und die psychische Gesundheit zu fördern. Ein weiterer Trend in der aktuellen Büroorganisation spricht ebenfalls für aufgeräumte Bürotische: das Desk-Sharing. Immer mehr Arbeitnehmende teilen sich dabei ihren Schreibtisch alternierend mit ein oder zwei anderen Beschäftigten. Und schon aus Höflichkeitsgründen will man der Kollegin oder dem keinen unordentlichen Tisch hinterlassen.
Studien: Kognitive Vorteile
Aber lassen sich die oben genannten Annahmen über die Vorteile des Ordnungssinns auch wissenschaftlich belegen? Mehrere Studien aus den vergangenen 15 Jahren deuten darauf hin. Den Anfang machte 2010 eine Studie des Princeton University Neuroscience Institutes, das herausfand, dass Unordnung im Sichtfeld die Aufmerksamkeit beeinträchtigt. Das Gehirn muss daher ständig Energie aufwenden, um irrelevante Reize zu ignorieren, was die Konzentration schwächt und das Gehirn schneller ermüden lässt. Probanden in ordentlich aufgeräumten Büros dagegen konnten bis zu 23 % länger fokussiert an komplexen Aufgaben arbeiten als Personen in unordentlichen Arbeitsumgebungen. Eine Umfrage des IT-Dienstleisters DeskTime aus dem Jahr 2019 zeigte, dass sich 90 % der 1.000 befragten Büroangestellten in einer unordentlichen Arbeitsumgebung unwohler fühlten und der Überzeugung waren, dass auch ihre Arbeitsproduktivität darunter leide. Andere Studien zeigten sogar, dass Ordnung sogar zu „gesünderen“ Entscheidungen führt, denn Beschäftigte an aufgeräumten und sauberen Bürotischen griffen öfter zu vitaminreichen, kalorienarmen und zuckerfreien Pausensnacks als die an weniger ordentlichen Tischen.
Digitale Ordnung
Was aber ist mit der „digitalen Ordnung“ auf dem Bildschirm oder im Bürocomputer? Eine aktuelle Studie deutet daraufhin hin, dass auch hier Ordnung weiterhilft – aber nur den Personen, die auch „im Kopf“ geordnet sind. Psychologinnen der Universität Erlangen-Nürnberg untersuchten, wie sich das regelmäßige Sortieren und Löschen von Dateien auf Konzentration, mentale Anstrengung und Arbeitsleistung auswirken – insbesondere in Verbindung mit der Fähigkeit, störende Gedanken zu kontrollieren. Das Ergebnis: Das Ordnen digitaler Arbeitsumgebungen wirkt sich nur dann positiv aus, wenn auch die „mentale Selbstregulation“ gelingt. Personen mit geringer „Gedankenkontrolle“ empfanden das Löschen von Dateien als besonders anstrengend und profitierten auch weniger von der hergestellten Ordnung. Dagegen zeigten Personen mit guter Gedankenkontrolle nach dem Löschen und Ordnen von Dateien noch bessere Konzentration und Leistung als zuvor.
Ordentliche Kollegen bevorzugt
Schließlich scheint noch ein weiterer Punkt für Ordentlichkeit am Arbeitstisch zu sprechen. Bei einer Umfrage der Personalberatungsgesellschaft Adecco Group in den USA aus dem Jahr 2016, äußerten sich 57 % der befragten Angestellten, dass sie ihre Kollegen im Büro besonders hinsichtlich der Ordnung auf deren Bürotischen beurteilten. Bei den Führungskräften sahen das sogar 70 % so. Aber Vorsicht: In beiden Gruppen lehnten diejenigen, die Kollegen und Mitarbeiter mit einem ordentlichen Tisch positiver bewerteten als solche mit unordentlichen Tischen, einen aufgeräumten Bürotisch ebenfalls ab, da dies wiederum als überzogen bewertet wurde und für einen wenig kreativen und flexiblen Charakter sprechen würde.
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