e-PRTR erklärt: Was das europäische Schadstoffregister für Unternehmen bedeutet
Ein Register, das mehr zeigt als Zahlen
Das European Pollutant Release and Transfer Register klingt zwar technisch und bürokratisch. Tatsächlich ist es eines der transparentesten Instrumente der europäischen Umweltpolitik. Seit 2007 veröffentlicht die EU jährlich Daten darüber, welche Industrieanlagen relevante Schadstoffe in Luft, Wasser und Boden freisetzen oder Abfälle und Abwasser in ihre Nachbarschaft leiten. Für Deutschland werden die gewonnenen Daten auf der Plattform „ thru.de“ aufbereitet. Das Portal bietet Zahlen und Fakten zum Schadstofffreisetzungs- und -verbringungsregister (PRTR), zu Industrieanlagen, zu kommunalen Kläranlagen sowie zu Emissionen aus diffusen Quellen wie Verkehr, Haushalten und Landwirtschaft.
Was genau wird im e-PRTR erfasst?
Gemeldet werden Emissionen von derzeit über 90 Schadstoffen, darunter Treibhausgase, klassische Luftschadstoffe wie Stickoxide oder Schwefeldioxid sowie Schwermetalle und wasserrelevante Stoffe. Hinzu kommen Angaben zum Transport gefährlicher und nicht gefährlicher Abfälle sowie zu Abwassereinleitungen. Die Besonderheit: Die Daten stammen aus Selbstauskünften der Unternehmen. Sie werden von den zuständigen nationalen Behörden geprüft, aber nicht eingeordnet oder kommentiert. Eine Fundgrube für NGOs, die Konkurrenz der Unternehmen oder Journalistinnen und Reporter, um an relevante Umweltkennzahlen zu kommen. Allerdings müssen die Daten selbst ausgewertet werden.
Wer ist meldepflichtig?
Betroffen sind große Anlagen aus besonders umweltrelevanten Branchen wie etwa der Energieerzeugung, Chemie, Metallverarbeitung, Zementindustrie, Abfallbehandlung oder intensive Tierhaltung. Entscheidend sind gesetzlich definierte Schwellenwerte, welche kleinere Unternehmen meist nicht erreichen.
Wozu werden die Daten genutzt?
Ursprünglich war das e-PRTR als Informationsinstrument für die Bevölkerung gedacht. Nach bald 20 Jahren ist der Nutzerkreis deutlich breiter geworden. Umweltorganisationen nutzen die Daten für Analysen und Kampagnen, Medien für lokale und überregionale Recherchen, Investoren und Banken für ESG-Screenings. Auch Behörden greifen auf die Zahlen zurück, um Entwicklungen zu beobachten oder Auffälligkeiten zu identifizieren. Für Unternehmen selbst bietet das Register einen Blick von außen. Es zeigt, wie der eigene Standort im Vergleich zur Konkurrenz aussieht, und dies ungefiltert und ohne Kommunikationsrahmen.
Die Öffentlichkeit kann sich auf thru.de informieren
Seit 2007 veröffentlicht das Umweltbundesamt jährlich aktualisierte Daten zu den Emissionen von Industriebetrieben. Die Daten können entweder als große Excel-Datei heruntergeladen werden oder über intuitive Bedienfelder verglichen werden. So sollen transparente Vergleiche und Entscheidungen in Umweltfragen vorgenommen werden können.
Das Umweltbundesamt schreibt: „Wir wollen damit erreichen, dass jeder freien Zugang zu umfassenden Umweltinformationen erhält und so vor allem das Umweltbewusstsein der Öffentlichkeit gefördert und geschärft wird. Somit können sich mit diesem Wissen viele Menschen an Entscheidungsfindungen im Umweltbereich beteiligen.“
Einen anderen Vorteil der Daten sieht das Umweltbundesamt darin, dass „Trends und Fortschritte bei der Verringerung von Umweltbelastungen von einzelnen oder mehreren Unternehmen von allen Interessierten abgeleitet, verfolgt, verglichen und bewertet werden können.“
Welche Chancen bieten sich aus Unternehmenssicht?
Wer belastbare Daten liefert und Emissionen über Jahre senkt, kann Fortschritte objektiv belegen und sich so einen Vorteil sichern. Zeitreihen machen Reduktionspfade sichtbar und Standortvergleiche helfen bei der Priorisierung von Umweltmaßnahmen. Nicht zuletzt dient das Register als kostenloses Benchmarking-Instrument in Branchen, in denen vergleichbare Daten sonst schwer zugänglich sind. Die Europäische Umweltagentur betont hierzu: „Öffentlich zugängliche Emissionsdaten erhöhen die Rechenschaftspflicht und fördern umweltpolitische Verbesserungen.“
Risiken und Grenzen des Registers
Gleichzeitig ist das e-PRTR unerbittlich. Fehlerhafte Angaben bleiben oft über Jahre sichtbar. Mengenangaben liefern keinen Kontext zu Effizienz, Produktionsvolumen oder Verbesserungsmaßnahmen. Ein einzelner Ausreißer in der Datentabelle kann reputationsrelevant werden, ohne dass ein Gesetzesverstoß vorliegt. Hinzu kommt, dass Abweichungen zwischen e-PRTR-Daten und Nachhaltigkeitsberichten nach CSRD externen Prüfern auffallen. Damit wird das Register zum Plausibilitätscheck, ganz gleich, ob Unternehmen das wollen oder nicht.
Steht eine Verschärfung bevor?
Die E-PRTR-Verordnung von 2006 wurde durch die Verordnung zur Einführung des Industrieemissionsportals (IEP-VO) abgelöst. Diese Verordnung wurde am 2. Mai 2024 im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht und ihre Vorgaben gelten ab dem Berichtsjahr 2027. In diesem Zuge wird daher das europäische Schadstoffregister e-PRTR durch das europäische Industrie-Emissions-Portal (IEP) abgelöst, das erstmals im Jahr 2028 mit den Daten von 2027 gefüttert wird.
Wie das Umweltbundesamt schreibt, werden damit eine Reihe von Veränderungen einhergehen. Zum Beispiel werden die Daten künftig auf Ebene der Anlage berichtet und veröffentlicht und nicht mehr auf Ebene des Betriebs. Zudem werden einige neue Tätigkeiten und Schadstoffe aufgenommen und Kontextinformationen erhoben, mit denen sich Emissionsdaten besser einordnen lassen.
Name | Anwendungsbereich | Schwellenwert pro Jahr | Bedeutung |
Kohlendioxid (CO₂) | Kraftwerke, Zement, Stahl, Raffinerien | 100.000.000 kg/Jahr (Luft) | Klima-Leitkennzahl; macht große Punktquellen vergleichbar. |
Methan (CH₄) | Abfallwirtschaft, Öl/Gas, Landwirtschaft | 100.000 kg/Jahr (Luft) | Starkes Treibhausgas; wichtig für Kurzfrist-Klimawirkung. |
Lachgas (N₂O) | Chemie, Landwirtschaft, Verbrennung | 10.000 kg/Jahr (Luft) | Sehr hohes Treibhauspotenzial; oft unterschätzt. |
Ammoniak (NH₃) | Tierhaltung, Düngemittel, Abfall/Kompost | 10.000 kg/Jahr (Luft) | Treiber von Eutrophierung und sekundärem Feinstaub. |
Kohlenmonoxid (CO) | Verbrennung, Industrieöfen | 500.000 kg/Jahr (Luft) | Indikator für unvollständige Verbrennung/Prozesseffizienz. |
Stickoxide (NOₓ/NO₂) | Kraftwerke, Industriefeuerungen | 100.000 kg/Jahr (Luft) | Zentrale Luftschadstoffe (Ozon/Smog), stark regulierungsrelevant. |
Schwefeloxide (SOₓ/SO₂) | Kraftwerke, Raffinerien, Schmelzprozesse | 150.000 kg/Jahr (Luft) | Luftqualität/Versauerung; klassischer „Hotspot“-Parameter. |
NMVOC | Lösemittel, Chemie, Lacke | 100.000 kg/Jahr (Luft) | Beitrag zu bodennahem Ozon; relevant für Industrie-Cluster. |
Feinstaub (PM10) | Baustoffe, Industrie, Materialumschlag | 50.000 kg/Jahr (Luft) | Gesundheitlich hoch relevant; häufiges Thema in Kommunen. |
Cyanwasserstoff (HCN) | Chemie, Metallurgie | 200 kg/Jahr (Luft) | Hochtoxisch; schon geringe Mengen triggern Berichtspflicht. |
Quecksilber | Verbrennung, Metallindustrie | 10 kg/Jahr (Luft) / 1 kg/Jahr (Wasser) / 1 kg/Jahr (Boden) | Extrem toxisch/bioakkumulativ; reputationssensibel. |
Blei und Verbindungen | Metallverarbeitung | 200 kg/Jahr (Luft) / 20 kg/Jahr (Wasser) / 20 kg/Jahr (Boden) | Schwermetall, gesundheitlich relevant; oft Gegenstand lokaler Debatten. |
Cadmium | Metallurgie, Batterien | 10 kg/Jahr (Luft) / 5 kg/Jahr (Wasser) / 5 kg/Jahr (Boden) | Stark toxisch; geringe Schwellen zeigen hohe Gefährdungseinstufung. |
Arsen | Metallurgie, Chemie | 20 kg/Jahr (Luft) / 5 kg/Jahr (Wasser) / 5 kg/Jahr (Boden) | Toxisch/krebserregend; Schwellen sehr niedrig. |
Nickel | Metallindustrie, Galvanik | 50 kg/Jahr (Luft) / 20 kg/Jahr (Wasser) / 20 kg/Jahr (Boden) | Gesundheits-/Ökotox-Relevanz; häufig in Industrieclustern. |
Halogenierte organische Verbindungen | Chemie, Papier/Zellstoff | 1.000 kg/Jahr (Wasser) / 1.000 kg/Jahr (Boden) | Sammelparameter; macht Problemstoffgruppen sichtbar. |
Gesamtstickstoff | Kläranlagen, Industrieabwässer | 50.000 kg/Jahr (Wasser) / 50.000 kg/Jahr (Boden) | Leitparameter für Nährstoffbelastung und Gewässerdruck. |
Gesamtphosphor | Kläranlagen, Lebensmittelindustrie | 5.000 kg/Jahr (Wasser) / 5.000 kg/Jahr (Boden) | Schlüsselwert für Eutrophierung; oft politisch aufgeladen. |
Off-site Transfer gefährlicher Abfälle | Entsorgung, Chemie, Metall | > 2 Tonnen/Jahr | Zeigt Entsorgungsrisiken und Stoffstrom-Relevanz außerhalb des Standorts. |
Off-site Transfer nicht gefährlicher Abfälle | Bau, Industrie, Produktion | > 2.000 Tonnen/Jahr | Indikator für Ressourceneffizienz und Abfallmanagement im großen Maßstab. |
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