Die Welt ist in den Wasserbankrott gerutscht
Vom Wasserstress in den Wasserbankrott
Der
Global Water Bancruptcy Report 2026 der United Nations University zieht eine erschreckende Bilanz. Die bisherige Annahme, die Welt habe mit Wasserstress oder Wasserkrisen zu kämpfen, greife mittlerweile zu kurz. In vielen Regionen sei diese Grenze unwiederbringlich überschritten: Wassersysteme sind nicht nur überlastet, sondern dauerhaft geschädigt und eine Rückkehr zum früheren Zustand sei kaum mehr realistisch.
Der Bericht verwendet deshalb bewusst den Begriff Wasserbankrott. Die Wasserentnahmen sind dauerhaft höher als erneuerbare Zuflüsse, während gleichzeitig die natürlichen Reserven zerstört werden.
Die wichtigsten Punkte aus dem UN-Bericht
Die Wasserkrise ist kein Ausnahmezustand mehr, sondern strukturell. Wie im Bericht zu lesen ist, sind viele Wassersysteme bereits in einem „post-crisis state“.
Es sind nicht nur Gewässer wie Flüsse, Meere und Seen betroffen, sondern das gesamte Wasserkapital der Erde: Grundwasser, Feuchtgebiete, Böden, Schnee und Gletscher. Seit Jahrzehnten wurden diese Reserven angezapft, ohne Rücksicht auf Regeneration.
Teilweise sind die entstandenen Schäden irreversibel. Verschwundene Feuchtgebiete, abgesunkene Landflächen oder verdichtete Gesteinsschichten, die eigentlich Wasser führen und speichern sollten, zählen hierzu.
Wasserbankrott ist hauptsächlich menschengemacht
Klimawandel verstärkt laut dem UN-Bericht zwar die Entwicklung, gilt aber nicht als die alleinige Ursache. Als zentrale Treiber nennt der Bericht Übernutzung, Landdegradation, Verschmutzung und Fehlanreize. „Wasserbankrott ist hauptsächlich menschengemacht“, stellt der Bericht klar.
Wasserknappheit ist auch eine Frage der Wasserqualität. Ist Wasser erst verschmutzt, zählt es nicht mehr zum verfügbaren Angebot.
Die wichtigsten und eindrücklichsten Zahlen aus dem Bericht
In dem Bericht werden nicht Vermutungen aufgestellt oder Prognosen erstellt, sondern eine Vielzahl globaler Kennzahlen dargelegt, die den „Ist-Zustand des Systems“ untermauern.
- Rund vier Milliarden Menschen erleben mindestens einen Monat pro Jahr schwere Wasserknappheit
- Etwa 75 Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern mit hoher oder kritischer Wasserunsicherheit
- Mehr als 70 Prozent der großen Aquifere (Gestein mit Grundwasser) weltweit zeigen langfristig sinkende Grundwasserstände
- Binnen-Feuchtgebiete gingen in fünf Jahrzehnten um rund 410 Millionen Hektar zurück
- Über 170 Millionen Hektar bewässerte Landwirtschaftsflächen stehen unter extremem Wasserdruck
- Die jährlichen globalen Schäden durch Dürren beziffert der Bericht auf über 300 Milliarden US-Dollar.
Gefährdung von Ernährung, Wirtschaft und Stabilität
Besonders kritisch ist die Lage laut UN-Bericht für Ernährungssysteme. Rund 70 Prozent der weltweiten Süßwasserentnahmen fließen in die Landwirtschaft. Gleichzeitig liegen mehr als die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktionen in Regionen mit schrumpfenden Wasserspeichern.
Der Bericht warnt ausdrücklich vor den Folgeschäden: Sinkende Wasserverfügbarkeit wirkt als Multiplikator für Preisrisiken, Lieferkettenstörungen und soziale Spannungen.
Auch Städte und Kommunen geraten unter Druck. Der Bericht verweist auf wiederkehrende „Day-Zero-Szenarien“, bei denen städtische Wasserversorgungssysteme an ihre Grenzen stoßen. Und dies auch dann, wenn der vollständige Ausfall noch vermieden werden kann.
Bericht zieht Vergleiche zu Finanzsystemen
Wasser wird im Bericht unterschieden in:
- Laufende Einnahmen (erneuerbare Zuflüsse)
- Rücklagen (Grundwasser, Gletscher, Feuchtgebiete)
- Ausgaben (Entnahmen und Verluste)
In vielen Regionen würden nicht nur die laufenden Einnahmen verbraucht, sondern systematisch auch die Rücklagen. Doch ist das natürliche Kapital erst einmal zerstört, lässt es sich nicht einfach wieder auffüllen. Verdichtete Aquifere speichern zum Beispiel kein Wasser mehr, abgesunkene Landflächen heben sich nicht wieder zurück.
„Der politische Diskurs muss sich ändern“
Begriffe wie Wasserstress würden laut UN-Bericht suggerieren, es handle sich um temporäre Engpässe, welche durch gezielte Maßnahmen gelöst werden können. Der UN-Bericht appelliert jedoch: Vielerorts geht es um einen dauerhaften Bankrottzustand.
Der Bericht fordert deshalb einen Wechsel vom klassischen Krisenmanagement zum Bankrottmanagement.
- Irreversible Schäden offen anerkennen
- Weitere Verluste konsequent verhindern
- Wasseransprüche an geschrumpfte Realität anpassen
- Wasserintensive Wirtschaftsmodelle umbauen
- Soziale Härten gezielt abfedern
„Wasserbankrott zu managen, bedeutet nicht, in die Vergangenheit zurückzukehren, sondern mit neuen Limits zu leben“, heißt es im Bericht.
Wasserqualität: Der unterschätzte Engpass
Ein eigenes Kapitel widmet der Bericht der Wasserqualität. Verschmutzung durch Industrie, Landwirtschaft und unzureichende Abwasserbehandlung reduziere das nutzbare Wasservolumen massiv. Die schlechte Wasserqualität verschärfe den Bankrott gleich doppelt: Sie verkleinert das Angebot und erhöht zugleich die Kosten für die Aufbereitung.
Politische und institutionelle Konsequenzen gefordert
Der Bericht richtet sich ausdrücklich an Regierungen, internationale Organisationen und Finanzinstitutionen. Gefordert wird im Bericht eine stärkere Verankerung von Wasserfragen in Klima-, Biodiversitäts- und Entwicklungsstrategien. Für die UN-Wasserkonferenzen 2026 und 2028 empfiehlt der Bericht, den Begriff des globalen Wasserbankrotts explizit in die politische Agenda aufzunehmen.
Was bedeutet der globale Wasserbankrott für Unternehmen?
Wasserknappheit ist längst kein Randthema mehr, sondern ein strategischer Risikofaktor. Für Unternehmen ergeben sich daraus fünf zentrale Handlungsfelder.
Standort und Produktionsrisiken: Unternehmen in wasserarmen Regionen müssen häufiger mit Nutzungsbeschränkungen, Rationierungen oder Produktionsunterbrechungen rechnen. Der Bericht spricht von einer „ständigen Wasserunsicherheit“, die klassische Standortvorteile infrage stellt.
Lieferketten unter Druck: Ein Großteil der weltweiten Agrar- und Rohstoffproduktion findet in Regionen mit sinkenden Wasserspeichern statt. Der Bericht warnt, dass Wasserbankrott „Ernährungssysteme und globale Lieferketten destabilisiert“. Für Unternehmen steigen Risiken durch Preisvolatilität, Ernteausfälle und Lieferengpässe.
Kosten durch Qualität statt Menge: Zunehmend ist auch die Wasserqualität betroffen. Verschmutztes Wasser erhöht Aufbereitungs-, Kühl- und Prozesskosten. Wie im Bericht zu lesen ist, schrumpft die nutzbare Wasserverfügbarkeit schneller als das physisch verfügbare Volumen.
Regulatorischer- und Reputationsdruck: Mit wachsender Knappheit steigen politische Eingriffe. Wasserrechte, Entnahmegebühren und Berichtspflichten werden wahrscheinlicher. Gleichzeitig rückt Wassermanagement stärker in den Fokus von ESG-Bewertungen, Investoren und Öffentlichkeit. Der Bericht fordert ausdrücklich, Wasser als wirtschaftliche Kernressource zu behandeln.
Strategiewechsel im Ressourcenmanagement: Der Report empfiehlt Unternehmen, sich nicht auf Krisenreaktionen zu verlassen. Stattdessen sollten sie ihre Geschäftsmodelle an eine Realität mit dauerhaft begrenztem Wasserangebot anpassen, wie zum Beispiel durch Reduktion wasserintensiver Prozesse oder Anpassung von Produkten und Rohstoffen.
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