„Fokussierte Berichterstattung als Chance für Unternehmen“
Herr Freiberg, wie bewerten Sie die angestrebten Vereinfachungen im Rahmen der Omnibus-Initiative der EU?
Grundsätzlich bewerte ich die Überarbeitung der ESRS positiv, da viele Anforderungen bislang sehr detailreich und aufwendig waren. Es ist wichtig, diese an relevanten Stellen zu vereinfachen – allerdings ohne die Aussagekraft der Berichte zu gefährden oder deren sinnvolle Verknüpfung mit dem Kerngeschäft und der Unternehmensentwicklung zu verlieren. Zum Omnibus generell lässt sich ausführen, dass diese Initiative für viele Unternehmen hilfreich ist, da sie den Zeitraum zur Umsetzung von Strategien, Maßnahmen, Zielen und Berichterstattung verlängert. Gleichzeitig ergeben sich aber auch zahlreiche inhaltliche und zeitliche Unsicherheiten, die die Unternehmen zusätzlich belasten. Arbeiten in der unklaren Rechtslage wird zu Recht von vielen als maximal ineffizient empfunden. Zudem würde eine erhebliche Reduktion des Scopes Vergleichbarkeit der Nachhaltigkeitsbemühungen massiv schmälern. Auch für den Finanzmarkt und in den Wertschöpfungsketten für die Transformation benötigte Informationen stünden dann nicht mehr in relevantem Maße zur Verfügung.
„Vereinfachungen sind notwendig – aber ohne Transparenzverlust“
Manche Kritiker sprechen von einer „Deregulierung“. Wie sollten Anpassungen gestaltet werden, um Entlastung zu schaffen und gleichzeitig den Green Deal voranzutreiben?
Neben den europäischen Vorgaben gibt es auch die Sustainability Disclosure Standards des ISSB (IFRS SD), welche auf IFRS Accounting Standards abgestimmt sind. Eine Abstimmung zwischen diesen Rahmenwerken wäre wünschenswert, um einheitlichere Standards zu schaffen. Die IFRS SD weisen den Vorteil auf, abgestimmt auf die IFRS Accounting Standards, die für die kapitalmarktorientierten Unternehmen in der EU verpflichtend sind, zu sein. Im Rahmen des Omnibus sollte es jetzt keine Denkverbote geben, es braucht eine Lösung, die breite Akzeptanz findet. Ein zentraler Faktor bleibt dabei die doppelte Wesentlichkeitsanalyse: Sie bietet eine optimale Grundlage für fokussierte Berichterstattung mit Mehrwert für Unternehmen und Stakeholder. Allerdings wäre auch eine „einfache“ Wesentlichkeit nicht schädlich, wenn dadurch eine höhere Akzeptanz erreicht wird. Zudem ist die Reduktion im Bereich der Minimum Disclosure Requirements durchaus sinnvoll. Es gibt eine Vielzahl von Datenpunkten, die wenig inhaltlichen Mehrwert bieten oder redundant sind. Hieran arbeitet EFRAG bereits aktiv.
Eröffnet die Überarbeitung der ESRS auch Chancen für Unternehmen? Wie können diese genutzt werden?
Bezogen auf die Überarbeitung der ESRS besteht sicherlich die Chance einer fokussierteren und damit lesbareren Berichterstattung. Und das, ohne zu stark an Transparenz einzubüßen, die Wertschöpfungskette außen vor zu lassen und das Ambitionsniveau der Transformation zu niedrig anzusetzen.
Die Prüfung soll künftig dauerhaft mit „begrenzter Sicherheit“ erfolgen. Erhöht dies das Risiko weniger glaubwürdiger Berichte? Was bedeutet das für Ihre Arbeit als Wirtschaftsprüfer?
Auch freiwillige Prüfungen hatten in den letzten Jahren immer wieder mit einer Erwartungslücke zu kämpfen: Was passiert genau im Rahmen einer limited assurance? Und wie unterscheidet sie sich von einer reasonable assurance? Aus Prüfersicht geht eine limited assurance weit über ein reines kritisches Lesen hinaus; sie liefert also durchaus Substanz. Unser Berufsstand arbeitet kontinuierlich daran, Transparenz darüber herzustellen und das Verständnis am Markt weiterzuentwickeln.
Vielen Dank für das Gespräch!
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