Sprung ins kalte Wasser: Warum Unternehmen Klimaanpassung nicht länger vertagen können
Herr Schmitz-Remberg, Klimaanpassung war lange das Stiefkind des Klimadiskurses, der von Debatten über Emissionsreduktion und Mitigation dominiert wurde. Was war der Moment, in dem Sie erkannt haben: Hier klafft eine Lücke in der Unternehmenspraxis?
In meinen langen Jahren als Berater haben wir Sustainability immer mit Mitigation und Adaptation definiert. Aber wenn ich ehrlich zurückblicke, haben wir eigentlich nur Mitigation-Projekte gemacht. Das hat mich irgendwann stutzig gemacht. Ich habe mich intensiver mit Adaptation beschäftigt, mit den Unternehmen und Start-ups, die in diesem Bereich arbeiten. Und dann kam der entscheidende Moment: die Adaptation Futures Konferenz. Fünf Tage, 180 Sessions, die größte wissenschaftliche Konferenz zu Klimaanpassung weltweit. Und in all diesen Sessions gab es genau eine einzige, die ansatzweise unternehmensnah war. Zwanzig Minuten zu „SME & Resilience in Ontario“. Das war es. Da war die Lücke für mich glasklar: Auf die Unternehmen kommt mit den Auswirkungen des Klimawandels eine Menge zu, und es gibt niemanden, der das systematisch adressiert. Also habe ich gegründet. Erst die erste Corporate Climate Adaptation Konferenz, dann den Adaptation Tech Award, und schließlich die Adaptation Exchange als Plattform, die Unternehmen, Versicherungen, Finanzinstitutionen und Lösungsanbieter zusammenbringt.
Wie stellen Sie sicher, dass es bei der Zusammenarbeit über Ihre Plattform nicht nur beim Netzwerken bleibt, sondern dass tatsächlich operative Klimaresilienz entsteht?
Ganz genau das war unser Anspruch von Anfang an. Wir hosten, facilitieren und moderieren nicht nur die drei Working Groups, sondern arbeiten aktiv an den Ergebnis-Dokumenten mit. Dem Ganzen ging ein viermonatiger Konsultationsprozess voraus, in dem wir mit über 40 Organisationen ein umfangreiches Konsultationspapier reflektiert und daraus eine Founding Charter entwickelt haben, die unsere Arbeit definiert. Mit den Founding Members haben wir dann für jede Working Group sogenannte Going-In Positionen erarbeitet, also inhaltliche Startpunkte, die wir jetzt gemeinsam schärfen. Dazu gibt es einen detaillierten Jahresplan mit klaren Meilensteinen. Die Climate Week Zurich Anfang Mai ist unser erster öffentlicher Meilenstein, im Juli folgt ein physisches Treffen, und im Oktober präsentieren wir die Ergebnisse auf der Handelsblatt-Konferenz. Konkret heißt das: Jede Working Group Session produziert ein greifbares Ergebnis, eine Entscheidung, einen validierten Abschnitt, einen vereinbarten nächsten Schritt. Dazu kommen monatliche Cross-Exchange Hours, in denen alle Mitglieder übergreifend voneinander lernen. Das ist kein Netzwerk-Format, das ist organisierte Zusammenarbeit mit Lieferverpflichtung.
Der Business Case für Klimaanpassung
Ein Kernelement der Plattform ist die Entwicklung eines Resilienz-Bewertungsstandards. Welche methodischen Grundprinzipien leiten diesen Standard – und wie grenzen Sie ihn von bestehenden Frameworks ab, ohne das Rad neu zu erfinden?
Natürlich schauen wir uns die vorliegenden Standards genau an, ISO 14090, ISO 14092, TCFD, ESRS. Aber das Kernproblem ist ein anderes: Es gibt bis heute keine gemeinsame Sprache zwischen Unternehmen, Versicherungen und Banken, was Resilienz für eine Organisation eigentlich genau bedeutet. Schon Grundbegriffe wie Exposition, Risiko oder Vulnerabilität werden je nach Sektor völlig unterschiedlich verwendet. Unser Ziel ist nicht, das Rad neu zu erfinden, sondern einen praxisorientierten Konsens zu schaffen. Der Standard bewertet Resilienz entlang von sieben Dimensionen, von Governance über Risikoverständnis bis hin zu Lieferketten-Resilienz, und bildet den Reifegrad einer Organisation auf einem Kontinuum ab. Kein „bestanden“ oder „durchgefallen“, sondern: Wo stehen Sie, und was ist der nächste Schritt? Um es greifbar zu machen, haben wir beim Kick-Off eine kleine Übung gemacht: Wir haben fiktive Nachrichtenmeldungen aus dem Jahr 2027 gebaut. Eine davon lautet sinngemäß: Aktie steigt um sechs Prozent nach Upgrade von D auf B im Adaptation Exchange Resilience Standard. Banken reduzieren Risikoprämien für Unternehmen mit verifiziertem Resilience Snapshot. Das klingt visionär, aber genau darauf arbeiten wir hin: Ein Standard, der nicht im Regal steht, sondern am Markt wirkt.
Der Business Case für Klimaanpassung gilt in vielen Unternehmen noch immer als schwer zu quantifizieren – anders als bei Energieeffizienz oder CO₂-Reduktion. Welche Ansätze verfolgen Sie, um Klimaresilienz in die Sprache von CFOs und Investoren zu übersetzen?
Uns ist es wichtig, den Case for Adaptation greifbar zu machen und klar zu benennen, welche Value Lever möglich sind. Wir arbeiten in der Working Group mit vier konkreten Wertlogiken: Vermeidung operativer Verluste und Volatilätsreduktion, Kontinuität des Geschäftsbetriebs und Mitarbeiterproduktivität, Schutz von Vermögenswerten und langfristiger Geschäftsfähigkeit, und schließlich die Versicherungs- und Finanzrelevanz, Stichwort Unversicherbarkeit. Jeder CFO tickt anders. Manche reagieren auf vermiedene Verluste, andere auf Versicherbarkeit, wieder andere auf Lieferkettenstabilität. Genau deshalb stellen wir diese Grundstruktur bereit, damit Unternehmen den für sie passenden Hebel identifizieren können. Der zentrale Gedanke ist dabei die Delta-Logik:
Was ist der messbare Unterschied zwischen dem Status quo ohne Anpassung und einem adaptierten Zustand? Nicht als Punktschätzung, sondern in Szenarien und Bandbreiten, denn die Unsicherheit von Klimarisiken ist kein Hindernis für den Business Case, sie ist der Treiber, jetzt zu handeln.
Am Ende geht es darum, wirklich mehr CAPEX und OPEX für Resilienz freizusetzen. Nicht als Klimaprojekt verkauft, sondern als das, was es ist: Schutz von Unternehmenswert.
Regulatorik, Wertschöpfungsketten und systemische Resilienz
Inwiefern verändert die zunehmende Regulatorik – Stichwort CSRD, EU-Taxonomie oder die geplante EU-Klimaanpassungsstrategie – den Business Case für Unternehmen? Wird Compliance zum Treiber, oder sehen Sie die Gefahr, dass reine Compliance-Orientierung echter Resilienz im Weg steht?
Dazu haben wir eine spannende Erfahrung gemacht. Bei der letzten Handelsblatt-Konferenz „Corporate Climate Adaptation“ haben wir mit dem Publikum daran gearbeitet, was die Resilienz in Unternehmen im nächsten Jahr wirklich beeinflussen wird. Der Business Case war klar die Nummer eins. Die Regulatorik landete abgeschlagen auf dem letzten Platz. Das hat mich nicht überrascht. Klimaanpassung hat eine klare ökonomische Notwendigkeit für Organisationen. Regulatorik wird das Verständnis nicht ersetzen können, das es braucht, um systemische Risiken zu erfassen und unternehmerisch darauf zu antworten. Das sehen wir auch in unserer täglichen Arbeit. Was gefordert ist, sind pragmatische, klare Lösungen. Keine neuen technischen Vorgaben, die nur Bürokratie erhöhen, aber in der Wirkung schwach bleiben.
CSRD und EU-Taxonomie schaffen Transparenz, das ist wichtig. Aber echte Resilienz entsteht, wenn ein Unternehmen versteht, warum es handeln muss, nicht weil es berichten muss.
Physische Klimarisiken machen an Unternehmensgrenzen nicht halt. Wie müssen Unternehmen ihre Verantwortung und ihre Anpassungsmaßnahmen entlang der Lieferkette neu denken?
Ganz konkret: Wir erwarten gerade einen Super El Niño mit globalen Konsequenzen. Dürre und Flut in Regionen, die vermutlich heute noch nicht darauf vorbereitet sind. Jetzt die offene Frage: Welche Unternehmen wissen heute, wie sie in einem Jahr davon genau betroffen sein werden? Über welchen Zulieferer, welchen Standort, welche Logistikroute? Die wenigsten. Und genau da liegt die Chance. Wer heute eine resiliente Lieferkette aufbaut, schafft nicht nur einen Wettbewerbsvorteil, wenn der Klimawandel weiter voranschreitet. Er entfaltet auch eine kraftvolle Wirkung entlang der gesamten Wertschöpfungskette, bis in den globalen Süden. Resiliente Lieferketten retten heute bereits Leben und schützen Communities. Das ist kein CSR-Argument, das ist unternehmerische Realität. Diese Impulse schätzen wir sehr von unserem Founding Member, der UN Industrial Development Organisation (UNIDO), die genau an dieser Schnittstelle arbeitet. In unserer Working Group zum Adaptation Stack arbeiten wir daran, zu zeigen, wie ein koordiniertes Portfolio von Maßnahmen nicht nur einzelne Standorte schützt, sondern systemische Wirkung entfaltet, über Unternehmensgrenzen hinaus.
„Crossing the Cold“: Auftakt im Rahmen der Climate Week Zurich
Der Launch auf der Zurich Climate Week ist bewusst als „Working Launch“ konzipiert – kein Podium, sondern direkte Mitarbeit an den ersten Outputs der Plattform. Was nehmen die Teilnehmenden konkret mit nach Hause – und wie geht es danach weiter für Unternehmen, die sich einbringen möchten?
Wir arbeiten bereits seit Wochen in den drei Working Groups mit Hochdruck an der ersten Struktur. Beim Launch auf der Climate Week Zurich präsentieren wir das Rahmenwerk, das wir im Verlauf des Jahres vertiefen werden: den Resilience Assessment Standard, den Business Case Framework und den Adaptation Stack. Aber wir präsentieren nicht nur. Die Teilnehmenden lernen unsere Founding Members kennen, darunter Allianz, PwC, Bayer, ArcelorMittal, Vonovia und viele Start-ups, oder hören im Fireside Chat, wie ABB intern seine Climate Resilience Journey gestaltet, und dann wird es konkret: Man wählt eine der drei Arbeitsgruppen und arbeitet direkt mit. Impulse geben, Perspektiven einbringen, das Rahmenwerk mitformen. Mit Apéro und Netzwerken danach. Was nach der Climate Week passiert? Das ist bewusst unser Cliffhanger, der Lust auf eine weitere Zusammenarbeit machen soll. Im Oktober präsentieren wir dann die ersten Ergebnisse auf der Handelsblatt-Konferenz.
Der offizielle Launch der Adaptation Exchange wird mit einem Freischwimmen im Zürichsee bei rund 12 Grad verbunden – ein bewusstes Erlebnisformat, das physische Überwindung als Metapher für Anpassung nutzt. Was soll dieses Bild bei den Teilnehmenden auslösen?
Klimaanpassung tut am Anfang weh. Man steht am Rand, das Wasser ist kalt, alles in einem sagt: Nicht jetzt. Vielleicht später. Aber Anpassung wartet nicht. Wenn man dann reingeht, passiert etwas: Der Körper wehrt sich, man hechelt, aber man stellt sich um. Man bewegt sich. Zug um Zug. Und man ist nicht allein. Das ist die Metapher, die wir mit „Crossing the Cold“ greifbar machen wollen.
Anpassung ist unbequem am Anfang, machbar wenn man vorbereitet ist, und kraftvoll, wenn man es gemeinsam tut.
Wir überqueren bei Sonnenaufgang den Zürichsee von der Badi Utoquai zur Rentenwiese. Leader, Unternehmer, Wissenschaftler, Bürger. Und wir unterstützen damit die Klimaresilienz-Projekte von UNIDO. Weil Adaptation nicht theoretisch ist. Es ist etwas, in das man gemeinsam einsteigen muss. Das Wasser wird kalt sein am 6. Mai. Aber die Zukunft gehört denen, die bereit sind, reinzugehen.
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