Blauer Engel für grüne Software: Bedeutung, Praxis und erste Auszeichnungen
Der Code entscheidet über Nachhaltigkeit
Nachhaltige IT-Strategien setzen häufig bei Hardware, Rechenzentren oder CO2-Fußabdrücken an. Software hingegen bleibt meist ein blinder Fleck. Dabei entscheidet Code über Energie- und Ressourceneinsatz, Hardwareauslastung und die Nutzungsdauer von Geräten. Ein Hintergrundbericht des Umweltbundesamts betont dazu: „Software ist ohne die darunterliegende Hardware nicht funktionstüchtig. Je nach Gerätetyp kann Software dazu führen, dass Hardware obsolet wird und vorzeitig ersetzt werden muss.“
Was der Blaue Engel für Software bedeutet
Der Blaue Engel ist Deutschlands bekanntestes Umweltzeichen. Mit der neuen Vergabekategorie DE-UZ 215 richtet sich das Siegel erstmals an Softwareprodukte wie Desktop-Software, mobile Anwendungen wie Apps bis hin zu Cloudlösungen. Der Blaue Engel schreibt dazu: „Computer, Notebook und Smartphone können nur so energieeffizient sein, wie es die Software ermöglicht. Zwar verbraucht die Hardware die Energie, aber die Software löst den Energieverbrauch aus.“ Dabei geht es um prüfbare Kriterien: Messbarkeit von Energieverbrauch, Transparenz der Umweltwirkung, Modularität, Lauffähigkeit auf älteren Systemen, Datenportabilität und dokumentierte Ressourcenschonung. Das alles wird von unabhängigen Auditorinnen und Auditoren unter realen Einsatzbedingungen geprüft.
Neue Kriterien: Weg von der Theorie, hin zur Messung
Im Hintergrundbericht des Umweltbundesamts wurden die Vergabekriterien geprüft und Empfehlungen abgegeben. So wurde der Geltungsbereich des Blauen Engels für Software für Arbeitsplatz-Computer, mobile Endgeräte und Server ausgeweitet. Zudem könnte ein Szenario denkbar werden, in dem Cloud-Services bei jeder Datenübertragung wie etwa einer E-Mail nicht nur technische Metadaten wie Uhrzeit, Datentyp oder Paketgröße übermitteln, sondern auch Angaben zu beanspruchten Hardware-Kapazitäten, Energieverbrauch oder CO2-Emissionen. Ähnlich einem „ökologischen Header“ würden Umweltinformationen automatisch mitgeliefert. Für Nachhaltigkeitsverantwortliche entstünde damit erstmals eine belastbare Datengrundlage, um Cloud-Software systematisch zu bewerten und zu optimieren.
Im Hintergrundbericht werden messbare Indikatoren für eine nachhaltige Software herausgearbeitet: Energieverbrauch, Speicher- und Netzwerklast, Transparenz über Ressourcenverwendung und Modularität. Diese Kriterien machen Software vergleichbar und steuerbar. Dies ist nicht nur für die Entwicklungsteams, sondern auch für Entscheider:innen im Einkauf und der Nachhaltigkeitssteuerung eines Unternehmens wertvoll.
Praxisbeispiele: die ersten Auszeichnungen zeigen Mehrwert
Im Sommer 2025 wurden im Bundesumweltministerium in Berlin zwei Softwarelösungen mit dem Blauen Engel für ressourcen- und energieeffiziente Software ausgezeichnet. Damit wurden die ersten beiden nachweislich umweltfreundlichen und gleichzeitig transparenten, weil quelloffenen, Softwarelösungen zertifiziert. Dazu schreibt der Blaue Engel: „Open Source ermöglicht langfristige Nutzung, vermeidet softwarebedingte Produktalterung und reduziert Elektroschrott.“
Nextcloud: digitale Souveränität trifft Nachhaltigkeit
Wie die neuen Kriterien des Blauen Engels in der Praxis greifen können, zeigt das Beispiel Nextcloud. Die Open-Source-Plattform wurde am 11. Juni 2025 als erste Cloud-Software überhaupt mit dem Blauen Engel für ressourcen- und energieeffiziente Software ausgezeichnet. Damit wird erstmals auch für cloudbasierte Anwendungen sichtbar, dass Umweltwirkungen von Software messbar und bewertbar sind. Die Auszeichnung zeige, dass „digitale Souveränität und ökologische Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen“, so das Unternehmen. Gleichzeitig positioniere sich Nextcloud bewusst gegen einen Markttrend steigender Energieverbräuche. Die ressourcenschonende Architektur und Datenportabilität trage dazu bei, Abhängigkeiten zu reduzieren und bestehende IT-Infrastrukturen länger nutzbar zu machen. Damit können indirekt Hardware-Lebenszyklen und Elektronikschrott beeinflusst werden.
Green Metrics Tool: Software wird messbar nachhaltig
Ein weiteres Beispiel für den neuen Blauen Engel ist das Green Metrics Tool. Das Open-Source-Werkzeug wurde im Juni als eines der ersten Softwareprodukte mit dem Umweltzeichen ausgezeichnet. Die Besonderheit des Green Metrics Tools: Es misst genau jene Kennzahlen, die der Blaue Engel nun fordert – Energieverbrauch, CPU- und Speicherlast sowie Netzwerknutzung in definierten Nutzungsszenarien. Somit wird Nachhaltigkeit empirisch überprüfbar. Für Nachhaltigkeitsverantwortliche ist das Green Metrics Tool doppelt relevant. Zum einen zeigt es, dass die neuen Kriterien technisch umsetzbar sind. Zum anderen liefert es Unternehmen ein Instrument, welches die Umweltwirkung eigener Softwareprodukte oder interner Anwendungen systematisch analysiert und optimiert.
Opencloud: Effizienz auch bei Filemanagement-Software
Die Prüferinnen und Prüfer des Blauen Engels ließen sich bei der Open-Source-Plattform Opencloud durch eine schlanke Architektur, geringe Systemanforderungen und transparente Angaben zur Ressourcennutzung überzeugen. Das Unternehmen hebt hervor, dass Ressourceneffizienz kein nachträgliches Optimierungsziel sei, sondern ein Entwicklungsprinzip. Im Vordergrund stehe dabei, bestehende IT-Infrastrukturen möglichst lange nutzbar zu halten und unnötige Hardware-Erneuerungen zu vermeiden.
Orientierung mit Wirkung, aber auch offenen Fragen
Der Blaue Engel für ressourcen- und energieeffiziente Software markiert für Unternehmen und Nachhaltigkeitsprofis einen weiteren Fortschritt in Richtung Green-IT. Die Auszeichnung macht Software als Umweltfaktor sichtbar und bietet eine belastbare Grundlage für nachhaltige Beschaffung, IT-Governance und ESG-Strategien.
Der Hintergrundbericht des Umweltbundesamt benennt aber auch Hürden. Insbesondere in Cloud- und virtualisierten Umgebungen fehle häufig der Zugriff auf präzise Energie- und Ressourcendaten. Hinzu kommt, dass Software mit KI- oder Machine-Learning-Anteilen bislang weitgehend ausgeschlossen bleibt, da Trainingsaufwände zeitlich versetzt stattfinden und sich kaum einzelnen Produkten zuordnen lassen. Auch fehlende Standards für Umweltkennzahlen, Abhängigkeiten von Cloud-Providern sowie der begrenzte Pool qualifizierter Auditor:innen bremsen laut Umweltbundesamt die Ausweitung des Geltungsbereichs.
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