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Unterschiedliche Behandlung von Erst- und Zweitstudium bei Kindergeld und Werbungskostenabzug

Bild: Haufe Online Redaktion

Ab 2015 wurde der Berufsausbildungsbegriff im Rahmen der Werbungskosten definiert (§ 9 Abs. 6 Satz 2 EStG). Es hat sich bislang die Frage gestellt, welchen Einfluss die neue Begriffsbestimmung auf die günstige BFH-Rechtsprechung zur mehraktigen Ausbildung hat.

§ 9 Abs. 6 EStG regelt ab 2015 klarstellend, dass Aufwendungen des Steuerpflichtigen für seine Berufsausbildung oder für sein Studium nur dann Werbungskosten sind, wenn er zuvor bereits eine Erstausbildung (Berufsausbildung oder Studium) abgeschlossen hat oder wenn die Berufsausbildung oder das Studium im Rahmen eines Dienstverhältnisses stattfindet. Eine Berufsausbildung als Erstausbildung liegt vor, wenn eine geordnete Ausbildung mit einer Mindestdauer von 12 Monaten bei vollzeitiger Ausbildung absolviert und abgeschlossen wird. Ziel der neuen Regelung ist es, gewisse Mindestanforderungen an eine Erstausbildung zu stellen, weil nach Abschluss einer Erstausbildung eine nachfolgende Zweitausbildung zum Werbungskostenabzug (anstatt Sonderausgabenabzug) führt. Dies ist in der Regel günstiger, weil ein Werbungskostenabzug in voller Höhe geltend gemacht werden kann (Sonderausgaben nur 6.000 EUR) und Verluste auch in spätere Jahre vorgetragen werden können.

Andererseits ist im Bereich des Kindergelds in der Regel eine Erstausbildung günstiger, weil seit 2012 ein Kind, welches für einen Beruf ausgebildet wird, nach Abschluss einer erstmaligen Berufsausbildung oder eines Erststudiums nur noch weiter kindergeldrechtlich berücksichtigt werden kann, wenn es keiner schädlichen Erwerbstätigkeit (über 20 Stunden regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit) nachgeht (§ 32 Abs. 4 Satz 2 und 3 EStG). Der BFH hat hierzu zugunsten der Kindergeldbezieher entschieden (Urteil v. 3.7.2014, III R 52/13), dass auch ein Bachelorstudium noch Teil einer einheitlichen Erstausbildung sein kann, wenn ein Kind im Rahmen eines dualen Studiums nach erfolgreichem Abschluss seines studienintegrierten Ausbildungsgangs, sein parallel zur Ausbildung betriebenes Studium fortsetzt. Begründet hat der BFH diese Auffassung hauptsächlich damit, dass bei der Auslegung des (engeren) Begriffs der Berufsausbildung auch das Berufsziel des Kindes zu berücksichtigen ist. Demnach sind auch weiterführende (aufeinander aufbauende) Maßnahmen noch Teil einer mehraktigen Erstausbildung, wenn das angestrebte Berufsziel nur über einen weiteren Abschluss erreicht werden kann (BFH, Urteil v. 15.4.2015, V R 27/14). Folgerichtig hat der BFH dann kürzlich auch entschieden (Urteil v. 3.9.2015, VI R 9/15), dass auch ein weiterführendes Masterstudium nach einem Bachelorstudium als integrativer Teil einer einheitlichen (mehraktigen) Ausbildung anzusehen ist, wenn die Abschnitte in einem engen sachlichen (selbe Berufssparte) und zeitlichen Zusammenhang (nächstmöglicher Zeitpunkt) stehen.

Beispiel: Der 23-jährige A nahm nach seinem Abitur ein Studium im Fach Chemie auf. Im Mai 2015 beendete er das Studium mit dem Bachelor-Abschluss. Unmittelbar nach dem Abschluss begann A den Masterstudiengang (Chemie). Um sich sein Studium zu finanzieren, arbeitete er ab Mai 2015 ca. 25 Wochenstunden in einer Firma.

Für den Masterstudiengang kann A hier Werbungskosten geltend machen, weil nach § 9 Abs. 6 EStG der Abschluss eines Bachelorstudiengangs grundsätzlich eine Erstausbildung und ein nachfolgender (Master-)Studiengang ein weiteres Studium darstellt (siehe auch Rz. 24 des BMF -Schreibens vom 22.9.2010, BStBl 2010 I S. 721). Es stellt sich jetzt natürlich die Frage, ob die Legaldefinition der Erstausbildung ab 2015 einen Einfluss auf die kindergeldrechtliche BFH-Rechtsprechung hat.

Praxishinweis: Der BFH betont (z. B. Urteil v. 16.9.2015, XI R 1/14), dass bei der Auslegung der in § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG n. F. verwendeten Begriffe der erstmaligen beruflichen Ausbildung und des Erststudiums keine Bindung an eine ggf. abweichende Auslegung dieser Begriffe im Rahmen des § 9 Abs. 6 EStG besteht. Auch die Finanzverwaltung hat nun erfreulicherweise entschieden (BMF, Schreiben v. 8.2.2016, IV C 4 - S 2282/07/0001-01, Rz. 12b-12d), dass die kindergeldrechtliche Rechtsprechung (ab 2015 und im Übrigen auf alle offenen Fälle) anzuwenden ist und es für die Frage, ob eine erstmalige Berufsausbildung oder ein Erststudium nach § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG abgeschlossen sind, nicht darauf ankommt, ob die Berufsausbildung bzw. das Studium die besonderen Voraussetzungen für eine Erstausbildung i. S. d. § 9 Abs. 6 EStG erfüllen. Folglich wird der Gleichklang durchbrochen, sodass hier kindergeldrechtlich ein (günstiges) Erststudium und für die Frage, ob es sich um Werbungskosten oder Sonderausgaben handelt, ein (günstiges) Zweitstudium vorliegt.

Schlagworte zum Thema:  Einkommensteuer, Kindergeld, Werbungskosten, Ausbildung, Studium

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