Kritik an Online-Ärzten und Rezepten via Internet
Ärzte und Politiker sind beunruhigt wegen der steigenden Nutzung von Online-Ärzten und Arzneimittel, die per Mausklick verfügbar sind. Besonders kritisch wird die britische Online-Praxis DrEd gesehen. Tausende Patienten, auch aus Deutschland, besuchen die Fernsprechstunde und lassen sich Arzneimittel verordnen, z. B. gegen Erektionsstörungen, die Pille danach oder Blutdrucksenker. Nun warnen der Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery und Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) vor Risiken.
Lukratives Geschäftsmodell
«Uns ist aufgefallen, dass sich hier ein expansives Geschäftsmodell entwickelt hat», sagt Singhammer. Laut DrEd haben seit dem Start des deutschsprachigen Angebots Ende 2011 mehr als 15 000 Patienten die Sprechstunden besucht. Ein britischer Arzt und 2 deutsche Mediziner kümmern sich um die Patienten. Männer- und Frauengesundheit, Sexualgesundheit, Impfungen etwa vor Tropenreisen und Folgerezepte bei Bluthochdruck oder Asthma sind die Schwerpunkte.
Müssen sich Arzt und Patient von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen?
«Diagnose und Behandlung allein über das Internet können nicht im Interesse des Patienten sein», mahnt Montgomery. DrEd-Sprecher Jens Apermann versichert hingegen, Ferndiagnosen folgten strikt den Regeln ärztlicher Praxis und würden nur für wenige Bereiche angeboten. Patienten müssten Fragebögen ausfüllen. Vor allem bei Geschlechtskrankheiten sinke sogar die Gefahr unbehandelter Leiden. Der Gang in die Praxis sei Patienten oft peinlich.
Einfache Lösung oder Risiko?
Gerade für die Pille danach dürfe es keine scheinbar einfachen Lösungen geben, hält Montgomery entgegen. Frauen wüssten oft nicht, ob und wie sie die Pille einnehmen sollten. «Bestimmte Präparate haben wegen ihrer hohen Dosis erhebliche Nebenwirkungen, wie Kopfschmerzen, Erbrechen, Übelkeit oder auch eine erhöhte Thrombosegefahr.»
Ferndiagnosen sind in Deutschland verboten
Singhammer warnt grundsätzlich: Durch solche Online-Angebote werde der Schutz der Patienten ausgehöhlt. «Das bringt das Risiko von Fehldiagnosen mit sich.» In Deutschland sind Fernbehandlungen verboten. Ärztliche Beratung und Betreuung gehe zurück, wenn sich noch mehr Versicherte an Portale wie DrEd wendeten, sagt Singhammer.
«Die Bundesregierung ist aufgefordert, deutsches Recht so durchzusetzen, dass es nicht unterlaufen werden kann», fordert Singhammer. Im Bundesgesundheitsministerium werden die entsprechenden Rechtsfragen derzeit überprüft, wie aus einer aktuellen Stellungnahme hervorgeht. «Im konkreten Fall entspricht die Verschreibung wegen des fehlenden Patientenkontakts nicht dem (deutschen) ärztlichen Berufsrecht», schreibt das Ministerium darin.
Britisches Recht contra deutsches Recht
In Großbritannien sind Ferndiagnosen mit Verschreiben von Rezepten hingegen sehr wohl zulässig. «Es liegt daher eine Kollision zwischen deutschem und britischen Recht vor.» Allerdings: Nach einer EU-Richtlinie zur Mobilität der Patienten müssten Verschreibungen anderer EU-Länder in Deutschland anerkannt werden. Bis Oktober muss die Richtlinie umgesetzt werden.
Medizinischer Fortschritt durch Telemedizin
Die Bundesärztekammer unterstütze zwar die Erprobung und den Einsatz telemedizinischer Methoden, sagt Montgomery. «Dabei muss Telemedizin aber der Patientenversorgung dienen und nicht der Erschließung neuer Absatzmärkte für die Industrie.»
DrEd-Sprecher Apermann betont, England sei Deutschland bei der Telemedizin um Jahre voraus. Die hiesigen Standesorganisationen der Mediziner seien noch nicht so weit, ihre Berufsordnungen veränderten Patientenwünschen anzupassen: «Die deutschen Ärzte trauen sich das, was wir machen, nicht zu.»
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