Kündigung wegen lang andauernder Krankheit
Die Wirksamkeit aller krankheitsbedingter Kündigungen ist jeweils in drei identischen Stufen zu prüfen. Diese sind:
- 1. Stufe: Negative Gesundheitsprognose an Hand der objektiven Verhältnisses im Zeitpunkt des Zugangs der Kündigungserklärung,
- 2. Stufe: erhebliche Beeinträchtigung betrieblicher Interessen auf Grund der prognostizierten Fehlzeiten und
- 3. Stufe: Interessenabwägung.
Kündigung wegen lang andauernde Erkrankung
Bei einer lang andauernden Erkrankung kann sich eine negative Gesundheitsprognose (= 1. Stufe) aus der völligen Ungewissheit der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit ergeben.
1.Stufe = Negativprognose
Das BAG stellt insoweit allerdings hohe Anforderungen und fordert, dass auf Grund objektiver Anhaltspunkte zum Zeitpunkt des Kündigungszugangs innerhalb von 24 Monaten nicht mit einer anderen Prognose gerechnet werden kann. Es ist dabei allein eine Prognose für die Zukunft anzustellen. Vor der Kündigung liegende Krankheitszeiten sind nicht mit einzurechnen. Allerdings entfalten auch hier die Krankheitszeiten der Vergangenheit Indizwirkung für die Zukunft.
Das BAG hat eine entsprechende Unvorhersehbarkeit etwa bejaht bei einem Arbeitnehmer, der bereits 18 Monate arbeitsunfähig erkrankt und dessen Genesung nicht absehbar war, oder bei einem bereits seit 8 Monaten erkrankten Arbeitnehmer, mit dessen Genesung innerhalb der nächsten 2 Jahre nicht zu rechnen war.
Nicht sozial gerechtfertigt ist eine Kündigung, die schon vor Ablauf des 6-wöchigen Entgeltfortzahlungszeitraums ausgesprochen wird.
Eine verlässliche Prognose über das Krankheitsende wird sich letztlich nur dann anstellen lassen, wenn der Arbeitgeber Kenntnis über die Art der Erkrankung hat. Es empfiehlt sich daher, auch vor Ausspruch einer Kündigung wegen lang andauernder Erkrankung, ein Gespräch mit dem Arbeitnehmer zu suchen. Auch hier gilt wiederum, dass der Arbeitnehmer nicht verpflichtet ist, Auskunft über seine Erkrankung zu geben oder den behandelnden Arzt von seiner Schweigepflicht zu entbinden.
2. Stufe = Beeinträchtigung betrieblicher Interessen
Bei einer lang andauernden Erkrankung kann sich der Arbeitgeber zur Begründung der erheblichen Beeinträchtigung betrieblicher Interessen (= 2. Stufe) regelmäßig nicht auf wirtschaftliche Interessen berufen, da die Entgeltfortzahlungspflicht auf 6 Wochen begrenzt ist (§ 3 EFZG).
Eine relevante Beeinträchtigung betrieblicher Interessen kann sich jedoch aus der fehlenden Absehbarkeit der Wiederaufnahme der Arbeitstätigkeit durch den Arbeitnehmer ergeben. So geht das BAG von einer erheblichen Störung des Äquivalenzverhältnisses aus, wenn die Leistungsfähigkeit des Arbeitnehmers überhaupt nicht mehr absehbar ist.
3. Stufe= Interessenabwägung
Nach § 1 Abs. 2 KSchG gebotenen Interessenabwägung zu prüfen, ob diese Beeinträchtigungen aufgrund der Besonderheiten des Einzelfalls vom Arbeitgeber noch hinzunehmen sind oder ein solches Ausmaß erreicht haben, dass sie ihm nicht mehr zuzumuten sind.
Bei der Interessenabwägung ist allgemein zu berücksichtigen, ob die Erkrankungen auf betriebliche Ursachen zurückzuführen sind, ob bzw. wie lange das Arbeitsverhältnis zunächst ungestört verlaufen ist, ferner das Alter und der Familienstand des Arbeitnehmers. Unterhaltspflichten und eine etwaige Schwerbehinderung sind bei der Interessenabwägung stets zu berücksichtigen. Es ist ferner zu prüfen, ob dem Arbeitgeber zumutbar ist, die erheblichen betrieblichen Beeinträchtigungen durch an sich weitere Überbrückungsmaßnahmen zu verhindern.
Die Durchführung eines betrieblichen Eingliederungsmanagements ist keine formelle Wirksamkeitsvoraussetzung für eine personenbedingte Kündigung aus krankheitsbedingten Gründen. Die gesetzliche Regelung ist aber auch nicht nur ein bloßer Programmsatz, sondern Ausprägung des das Kündigungsrecht beherrschenden Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes. Führt der Arbeitgeber kein betriebliches Eingliederungsmanagement durch, kann dies Folgen für die Darlegungs- und Beweislast im Rahmen der Prüfung der betrieblichen Auswirkungen von erheblichen Fehlzeiten haben.
-
Wohnrecht auf Lebenszeit trotz Umzugs ins Pflegeheim?
8352
-
Eigenbedarfskündigung bei Senioren – Ausschluss wegen unzumutbarer Härte?
326
-
Wann ist ein digitaler Türspion erlaubt?
3111
-
Vollstreckung rückständiger Rundfunkgebühren häufig angreifbar
295
-
Minderung schlägt auf Betriebskostenabrechnung durch
263
-
Die Befreiung von den Beschränkungen des § 181 BGB
245
-
Wann ist ein Anspruch verwirkt? Worauf beruht die Verwirkung?
236
-
Probleme des Zugangsnachweises von rechtlichen Erklärungen
213
-
Klagerücknahme oder Erledigungserklärung?
205
-
Überbau und Konsequenzen – wenn die Grenze zum Nachbargrundstück ignoriert wurde
203
-
D&O im Dieselskandal: SdK klagt erneut – was der VW-Fall für die Praxis bedeutet
12.08.2026
-
Muss der Hersteller nach Vertragsende das Warenlager vom Distributor zurücknehmen?
07.08.2026
-
Bundesnetzagentur wird nationale Marktüberwachungsbehörde bei der KI-Aufsicht
16.07.2026
-
Übertragung von unverbrieften Aktien in der Familien-AG
15.07.2026
-
Produktkrise und Rückruf: Ein kompakter Leitfaden für Hersteller
14.07.2026
-
Anfechtung von D&O-Policen: Urteil beanstandet marktübliche Severability-Klauseln
09.07.2026
-
BGH zur Auslegung von Mehrheitsklauseln in Gesellschaftsverträgen
08.07.2026
-
China verschärft Korruptionsstrafrecht: Neue Risiken bei Handelsvertreter- und Agenturmodellen
17.06.2026
-
Beendigung einer GbR durch Vereinigung aller Gesellschaftsanteile in der Hand
17.06.2026
-
Der Teufel ist Schleichwerbung – oder: was Meryl Streep mit dem Medienrecht zu tun hat
16.06.2026