Das Demografiemanagement in den meisten deutschen Unternehmen reicht nicht aus, um dem Fachkräftemangel wirksam zu begegnen. Insbesondere eine strategische Verankerung der demografieorientierten Personalarbeit fehlt. Das zeigt eine neue Umfrage.

Unternehmen spüren den demografischen Wandel deutlich – das zeigt eine Befragung der Initiative Demografie Exzellenz e.V. Nach drei Studien aus den Jahren 2009, 2012 und 2015 hat die Initiative Demografie Exzellenz nun mit dem explorativen Trendbarometer 2018 erfasst, in welche Richtung sich die demografieorientierte Personalarbeit in den Unternehmen aktuell entwickelt.

Fachkräftemangel spitzt sich zu in den Unternehmen

Dabei zeigt sich deutlich: Der Fachkräftemangel stellt die größte Herausforderung dar.  Auch wenn der 2015 prognostizierte Ausfall von Fachkräften durch die Zuwanderungen in den vergangenen drei Jahren etwas weniger drastisch ausfällt als ursprünglich angenommen, geben knapp zwei Drittel der Befragten an, dass sie aktuell einen Mangel an Fachkräften spüren. Das ist ein deutlich höherer Anteil als bei Führungskräften (35 Prozent) oder bei Auszubildenden beziehungsweise dual Studierenden (34 Prozent).

Knapp 74 Prozent der Befragten führen diesen Mangel in diesem Jahr auf die demografische Entwicklung zurück - in jedem vierten Unternehmen sind mehr als 30 Prozent der Belegschaft älter als 55 Jahre, in fast jedem achten Unternehmen sind bereits mehr als 40 Prozent der Mitarbeitenden älter als 55 Jahre.

Demografieorientiertes Personalmanagement immer noch unterschätzt

Die Konsequenzen, die die Unternehmen nun ziehen müssten, um den demografischen Wandel zu bewältigen, werden, so das Trendbarometer Demografie-Exzellenz 2018, dementsprechend auch etwas etwas aktiver angegangen werden als noch 2015. Damals klagten nur 42 Prozent der befragten über spürbare Auswirkungen bei der Beschäftigung von Fachkräften. Allerdings, erklärt Professor Uwe Schirmer, Duale Hochschule Baden-Württemberg Lörrach, der gemeinsam mit seinem Kollegen Professor Peter Billen für die Studie verantwortlich ist, würden die Herausforderungen noch immer von vielen Betrieben unterschätzt: „Viele Handlungsfelder eines demografieorientierten Personalmanagements sind auf mittlerem bis leicht positivem Niveau ausgeprägt, in Teilen bestehen aber erhebliche Optimierungsbedarfe.“

Wissensmanagement, Karrieremodelle und altersgerechte Anreizsysteme sind die größten Tätigkeitsfelder

Die Situation, erklärt Billen, sei in diesem Jahr gesamthaft dadurch charakterisiert, dass im Demografiemanagement Wissensmanagement, Karrieremanagement und Austrittsmodelle, Gesundheitsmanagement sowie altersgerechte Anreizsysteme am intensivsten umgesetzt werden. Die strategische Verankerung des Themas dagegen sei immer noch unzureichend, und nach wie vor werde in den meisten Unternehmen kaum ein eigenständiges Budget für Demografiemaßnahmen zur Verfügung gestellt.

Demografiemanagement als strategisches Ziel

Damit ein demografieorientiertes Personalmanagement ganzheitlich und effektiv umgesetzt werden kann, muss es, so die Studienautoren, im strategischen Zielsystem implementiert sein und fortlaufend optimiert werden. In 37 Prozent der Unternehmen ist laut Trendbarometer demografieorientiertes Personalmanagement als strategisches Ziel definiert (2015:30 Prozent). Immerhin 47 Prozent der teilnehmenden Organisationen gaben an, dass sie eine Altersstrukturanalyse durchführen.

Digitale Möglichkeiten gegen Fachkräftemangel kaum genutzt

Dagegen werden die Möglichkeiten der digitalen Transformation zur Bewältigung des demografischen Wandels nur begrenzt genutzt. In gerade einmal 27 Prozent der Unternehmen existiert eine klare Agenda zur Digitalisierung, die auch kompensierende Beschäftigungsoptionen beinhaltet. Die nach wie vor geringe Bereitschaft bei gerade 9,3 Prozent (2015: 4 Prozent) der Unternehmen ein eigenes Budget für demografieorientierte Maßnahmen bereit zu stellen, unterstreicht den Befund, dass die allermeisten Firmen die strategische Dimension der demografischen Herausforderungen verkennen.

Demografie-Controlling als "Enabler" eines effektiven Demografiemanagements

Zur Steuerung und Optimierung einer demografieorientierten Personalarbeit ist ein Controllingsystem notwendig. In diesem Bereich verzeichnet das Trendbarometer deutliche Fortschritte gegenüber Demografie-Exzellenz-Studie 2015. 31 Prozent der Unternehmen gaben an, ein Controlling-System solches zu nutzen (2015: gerade 12 Prozent). Regelmäßig erfasst werden die Effekte demografieorientierten Personalmanagements aber nur in 12 Prozent der Unternehmen.
Dazu erklärt Schirmer: „Offenbar versuchen immer mehr Unternehmen die Effektivität ihrer demografiebezogenen Personalmaßnahmen zu steuern und zu optimieren.“ Unterstrichen werde der hohe Nachholbedarf zur effektiven Messung und Steuerung des Demografiemanagements dadurch, dass 59 Prozent der Unternehmen angaben, dass keine oder kaum Wirkungen spürbar sind. Entsprechende Maßnahmen machen sich, so die Studienautoren, betriebswirtschaftlich wenig bemerkbar, so dass auch keine Aussagen über Erfolge der umgesetzten Demografiemaßnahmen möglich sind.

Bedeutung von Vielfalt bei HR erkannt

Insgesamt zeigt die Untersuchung einen Trend zu einer etwas verbesserten Situation im demografieorientiertem Personalmanagement fest. Auch, so Schirmer, würden deutlich mehr Unternehmen mit externen Institutionen zur Bewältigung der demografischen Herausforderungen zusammenarbeiten, als dies noch 2015 der Fall war. Er ergänzt: „Dies sind durchaus positive Trends. Die Bedeutung von Vielfalt wird in den Betrieben umfänglich erkannt und in 44 Prozent der Unternehmen durch ein Diversity Management unterstützt.“ Allerdings, darin sind sich die beiden Wissenschaftler einig, befinde sich das Handlungsfeld gesamthaft betrachtet und im Kontext der Herausforderungen auf einem immer noch zu niedrigen Niveau in vielen Unternehmen.

Demografieorientiertes Personalmanagement hat noch Luft nach oben

Alles in allem, erklärt Billen, gibt rund ein Viertel der befragten Unternehmen an, mit den personalpolitischen Herausforderungen des demografischen Wandels gut bis sehr gut zurecht zu kommen: „Das heißt aber im Umkehrschluss, dass dies für knapp 75 Prozent der Unternehmen gar nicht bis nur teilweise zutrifft. Es gibt also noch viel Luft nach oben in Sachen demografieorientiertes Personalmanagement!“

 

Teilnehmen am Demografie Exzellenz Award

Mittlerweile zum zehnten Mal vergibt der Demografie Exzellenz e.V. den „Demografie Exzellenz-Award“ in elf fachlichen Kategorien und zeichnet damit die besten Demografieprojekte in deutschen Unternehmen, Organisationen und Verbänden. Noch bis zum 31. Juli können sich Unternehmen, Verbände, Institutionen und Kommunen mit ihren Projekten unter www.demografie-exzellenz.de bewerben.

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