| Kienbaum Jahrestagung 2015

Digitalisierung als Chance zum Touchdown

Walter Jochmann zeichnete in seiner diesjährigen Keynote ein verhalten positives Bild der Lage von HR.
Bild: Haufe Online Redaktion

Die Folgen der Digitalisierung für HR standen im Fokus der 14. Kienbaum Jahrestagung. Kienbaum-Manager Walter Jochmann forderte die Personaler auf, die Digitalisierung zu nutzen, um Einfluss zu nehmen. Ex-Personalvorstand Thomas Sattelberger machte sich für mehr Mut zum Experiment stark.

"HR in the Red Zone": Das war das Motto der 14. Kienbaum Jahrestagung, die am 21. Mai stattfand­ – wie jedes Jahr in der malerischen Malteser Kommende in Ehreshoven. Dieses Jahr trafen sich dabei rund 400 Personaler.

HR befinde sich gerade in der sogenannten "Red Zone", wie Walter Jochmann in seiner Eröffnungs-Keynote zur Lage der HR-Nation erläuterte - also im Bereich kurz vor dem gegnerischen Tor, wo die Spieler im American Football die Chance zum Touchdown haben.

"Spiele entscheiden sich nicht über 90 Minuten, sondern manchmal in fünf Minuten", führte Jochmann dieses Bild aus. "Wir glauben, dass die entscheidenden fünf Minuten für HR gekommen sind – weil in den Geschäften die vierte industrielle Revolution Fuß fasst", sagte der Geschäftsführer des Kienbaum-Instituts für Leadership und Transformation – und knüpfte damit dort an, wo die Jahrestagung 2014 beim Thema Digitalisierung geendet hatte. Die Digitalisierung sei nun die Chance für HR, Einfluss zu üben: "Die Red-Zone-Chance für HR ist, das untere Feld der Transformation wirksam mitzugestalten."

"Wir brauchen die Prozesse, nicht die Funktion"

Für eine bessere Positionierung von HR nannte Jochmann drei mögliche Innovationsrichtungen. Erstens brauche es ein "Talent Management reloaded", das sich unter anderem durch eine bessere strategische Personalplanung, einen "Radar" für gute Leute in Konzernen und gute Modelle für erfolgskritische Skills auszeichne. Zweitens gelte es, innovative Lernformate zu schaffen – und drittens, den Start-up-Spirit in die bestehenden Unternehmen zu tragen.

Für die Ausgangsposition der Personaler zeichnete Jochmann dieses Jahr ein verhalten positives Bild. Zwar habe eine aktuelle Kienbaum-Analyse ergeben, dass HR nur in 16 von 30 Dax-Unternehmen eine Rolle auf Vorstandsebene spiele – weniger als im Vorjahr. Dennoch könne Jochmann den Abgesang auf HR nicht teilen: Die Personaler könnten viel bewegen – auch unterhalb des Vorstands.

Ob die HR-Aufgaben jedoch künftig zwangsläufig in einer HR-Funktion zusammenlaufen müssen, ist Jochmanns Prognose zufolge ungewiss. "Wir brauchen die Prozesse – aber nicht die Funktion", so sein Fazit.

Innovationen durch Silicon-Valley-Tourismus?

Mit dem Wandel der Arbeitswelt und der HR-Funktion beschäftigte sich auch HR-Veteran Thomas Sattelberger in seiner Keynote. Um diesen Wandel zu bewältigen, sieht er aktuell dringenden Handlungsbedarf. "Deutschland braucht eine Frischzellenkur!", formulierte der ehemalige Telekom-Personalvorstand gewohnt pointiert.

Als Beleg dafür führte er an: Die digitale Kompetenz hierzulande sei unterentwickelt, die Qualität der Führung unterdurchschnittlich. Deutlich zu wenige Mittelständler seien in Zukunftsbranchen vertreten, auch sei in Deutschland die Lust zum Gründen gering.

Innovative Ideen tun also Not. Doch innovative Ökonomien könnten nicht mithilfe eines "Silicon-Valley-Tourismus" gelingen, mahnte Sattelberger. Als eine mögliche Lösung stellte er in seiner Keynote das Modell der ambidextren Führung vor (mehr dazu lesen Sie auch in Ausgabe 04/2015 der Wirtschaft + Weiterbildung), deren Grundprinzip ein beidhändiges Führen ist: Mit der einen Hand werden die alltäglichen Aufgaben einer Führungskraft durchgeführt ("Exploitation"). Die andere Hand hält sich die Führungskraft bei diesem Modell für Innovationsprojekte frei ("Exploration").

Agile HR-Arbeit "on demand"

Wie sich HR in Zeiten des disruptiven Wandels aufstellen sollte, war ebenfalls Thema in Sattelbergers Keynote. "Drop your tools!", rief er den Personalern zu. Sie sollten nicht an ihrem bisherigen Handwerkszeug festhalten. Stattdessen, so seine Forderung, sei Mut zum Experiment gefragt, um Prototypen neuer Arbeit zu schaffen. Als Beispiele lieferte er einen Rundumschlag der Themen, die die Personalerwelt aktuell bewegen – etwa die Wahl von Führungskräften, Teamentscheidungen bei der Rekrutierung, die Abschaffung von Hierarchieebenen bei Führungskräfteprogrammen, Vertrauensarbeitszeit und –urlaub und vieles mehr.

Auch in Bezug auf die HR-Funktion selbst fordert Sattelberger eine Frischzellenkur. Als Lösung schlug er eine agile HR-Arbeit "on demand" vor.

Wie dies in der Praxis gelingen kann und andere Themen, die HR aktuell umtreiben, waren Gegenstand der parallel zueinander ablaufenden Sessions – von agiler Personalarbeit bei einer Baumarktkette über die Digitalisierung der HR-Funktion hin zu Erfolgsfaktoren für Veränderungsprojekte. Auch Dauerbrenner-Themen wie die Unternehmensnachfolge standen auf der Agenda – und fanden großen Anklang bei den Besuchern, auch wenn die Sessions weitestgehend in Form von Frontalunterricht stattfanden und einige Personaler die Zeit lieber zum ungezwungenen Austausch auf dem Hof der Malteser Kommende nutzten.

Domscheit-Berg appelliert an soziales Gewissen

Wie der viel diskutierte Trend zur Digitalisierung sich künftig auf den Arbeitsmarkt auswirken könnte, stellte Wikileaks-Mitbegründer Daniel Domscheit-Berg in seiner beeindruckenden abschließenden Keynote dar. Der "Digital Professional" wollte dabei vor allem die positiven Aspekte der Digitalisierung in den Vordergrund rücken: So könnten sich etwa LKW-Fahrer, deren Arbeitsplätze durch selbstfahrende Fahrzeuge ersetzt werden, glücklich schätzen, dass sie von ihrem belastenden und gesundheitsschädigenden Job entbürdet würden.

Allerdings müsse die Gesellschaft Antworten auf die Frage finden, was mit den Menschen passieren solle, deren Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegfallen. "Es kann nicht sein, dass unsere Antwort darauf 'Hartz IV' lautet", mahnte Domscheit-Berg. Auch prekäre Beschäftigungen lehnt der Wikileaks-Mitbegründer, der in seiner Keynote nach dem Motto "mit gutem Beispiel voran" an das soziale Gewissen der Zuhörer appellierte, ab: Sie seien unmoralisch.

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Veranstaltung

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