Video-Recruiting: Standard mit DIN SPEC geplant

Anbieter und Anwender videobasierter Recruitingverfahren sowie Wissenschaftler entwickeln derzeit einen einheitlichen Standard für den Einsatz von Videos in der Eignungsbeurteilung. Der Blick richtet sich dabei auch auf KI-gestützte Methoden.

Auf sozialen Medien zeigen Unternehmen einzelne Mitarbeiter, Bewerber sprechen ihre Motivation in die Kamera und für Bewerbungsgespräche muss niemand mehr durch die halbe Republik fahren. Schon heute finden Videos im Recruiting sinnvolle Anwendungen, zumindest wenn sie als optionale aber hilfreiche Ergänzung angewandt werden. Eine mögliche Anwendung wird derzeit immer wieder diskutiert: Videobewerbungen oder Videointerviews (teil)automatisiert auszuwerten und die Ergebnisse als zusätzlichen Baustein in der Personalauswahl einzusetzen. Die Kritik daran stützt sich unter anderem auf die Gefahr, dass solche automatisierten Auswertungen häufig nicht wissenschaftlich valide sind oder die Gefahr besteht, dass es zu ungerechtfertigter Benachteiligung bestimmter Kandidaten kommt.

„Derzeit überschwemmen fragwürdige Personalauswahlmethoden auf KI-Basis den Markt, die Bewerber beispielsweise auf Basis von Mimik-, Gesichts- oder Sprachanalysen beurteilen,“ meint Sara Lindemann, Mitgründerin des Video-Interview-Anbieters Viasto. Deshalb hat sie ein Gremium ins Leben gerufen, welches gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Normung (DIN) einen einheitlichen Standard für Videoanwendungen in der Personaldiagnostik erarbeiten soll. Dabei werden alle Verfahren einbezogen, die zu professionellem Video-Recruiting gehören: Live-Videointerview, einzelne Videosequenzen ebenso wie vollständig aufgezeichnete Video-Bewerbungen oder -Lebensläufe.

Norm für Eignungsdiagnostik (DIN 33430) als Grundlage

Die beteiligten Akteure erarbeiten nach dem vom DIN vorgegebenen PAS-Verfahren seit Juni 2019 eine DIN SPEC für praxisbezogene und personaldiagnostische Anforderungen an video-gestützte Methoden der Eignungsbeurteilung. Die DIN SPEC orientiert sich dabei an der DIN 33430, der allgemein gültigen Norm für eignungsdiagnostische Verfahren, und konkretisiert die Anforderungen aus der Norm am speziellen Fall von Video-Recruiting. (Wirtschaftspsychologe Heinrich Wottawa erläutert die DIN 33430 im Interview)

Der neue Standard soll später als praxisnaher Leitfaden fungieren und helfen, Diskriminierung zu verhindern sowie die Verlässlichkeit digitaler Einstellungsverfahren zu gewährleisten. Lindemann begründet dieses Vorgehen mit einer ethischen Verantwortung von Anbietern und Anwendern: „Wir sind überzeugt, dass die Personalauswahl nicht zuletzt auch aus ethischen Gründen dringend eine fachkundige Qualitätssicherung benötigt. Denn sonst sind der Diskriminierung von Kandidaten Tür und Tor geöffnet.“

Beteiligung von Wissenschaftlern, Anbietern und Anwendern

Die beteiligten Mitglieder des Gremiums kommen aus dem Anbieter- und Anwenderumfeld sowie aus der Wissenschaft. Mitglieder sind:

  • Sara Lindemann (Viasto GmbH),
  • Prof. Tuulia Ortner (Universität Salzburg),
  • Prof. Andreas Gourmelon (Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen),
  • Christoph Fellinger (Beiersdorf AG, Vorstandsmitglied QUEB e.V.),
  • Anna Ott (Selbstständige Beraterin & Angel Investorin),
  • Rico Knapper (Geschäftsführer Anacision GmbH),
  • Harald Ackerschott (Obmann der DIN Arbeitsausschusses Personalmanagement und Geschäftsführer der Harald Ackerschott GmbH),
  • Prof. Matthias Ziegler (Humboldt Universität Berlin),
  • Norbert Gantner (teme GmbH),
  • Heiko Sill (Psychodiagnostisches Zentrum, PDZ, Prüflabor der DIN CertCo für Eignungsdiagnostik) sowie
  • Alexander Warkus (Intelligenz System Transfer GmbH).


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Schlagworte zum Thema:  E-Recruiting, Künstliche Intelligenz (KI)