Produktives Homeoffice braucht Gesundheitskompetenz

Die Erfahrungen mit der Arbeit im Homeoffice sind unterschiedlich. Größere Flexibilität und mehr Eigen­­verantwortung treffen auf psychische und ergonomische Risi­ken. Klar ist inzwischen: Produktive Arbeit zu­hause erfordert Gesund­heits­kompetenz. HR muss hierzu Strategien und Maßnahmen liefern.

Die Arbeitswelt ist im Wandel und das schon seit geraumer Zeit: Die aktuelle Arbeitswelt, häufig auch als "Arbeitswelt 4.0" bezeichnet, wird durch Digitalisierung, Flexibilisierung und Prozessbeschleunigung gekennzeichnet. Dies betrifft unsere tägliche Arbeitsweise, im Fall der Digitalisierung aber darüber hinaus auch den kompletten privaten Bereich. In diesem Zusammenhang taucht immer wieder der Begriff der VUCA-Welt auf. Hierbei handelt es ich um ein Akronym, das für Volatilität (Schwankung), Uncertainty (Ungewissheit), Complexity (Komplexität) und Ambiguity (Mehrdeutigkeit) steht.

Das alles dürfte für die meisten nicht neu sein – und doch zeigt sich, dass viele Unternehmen nicht genügend auf die Neuerungen vorbereitet sind (Thode & Wistuba, 2019). Ängste und Stress waren deshalb schon vor der Pandemie sowohl bei Führungskräften als auch bei Beschäftigten steter Begleiter des Wandels. Und dann kam noch die Coronapandemie hinzu, die zu einem tiefgreifenden Einschnitt in das private wie berufliche Leben führte. Von heute auf morgen mussten zahlreiche Beschäftigte im Zuge des ersten Lockdowns ab März 2020 ihren Arbeitsort vom Büro nach Hause verlegen. Anlass war die Reduzierung von Kontakten als Beitrag zum betrieblichen Infektionsschutz. Für viele Mitarbeitende erfüllte sich ein Wunsch, den sie bereits vor Corona gehegt hatten. Nun wurde das Homeoffice endlich in der Breite möglich. Zwar gab es auch schon zuvor für einen kleinen Teil der Beschäftigten (laut DAK-Homeoffice-Studie etwa zehn Prozent) die Möglichkeit, zeitweise oder sogar überwiegend im eigenen Zuhause zu arbeiten, jedoch stieg der Anteil während des ersten Lockdowns April/Mai 2020 auf 40 Prozent und lag auch im Februar 2021 noch bei 38 Prozent (DAK, 2021). Trotz der bedrückenden Infektionslage empfanden viele im Homeoffice Arbeitende die neuen Möglichkeiten der ortsflexiblen Arbeit als sehr positiv. Die Monate April und Mai waren zudem sonnig und warm, was sicherlich zur guten Bewertung dieser neuen Erfahrung beitrug.

Herausforderungen: Ergonomie und Kinderbetreuung im Lockdown

Neben dem Anstieg der Homeoffice-Arbeit verursachte der erste große Lockdown zeitgleich einen umfassenden Shutdown von Prävention und Gesundheitsförderung in den Unternehmen.

Vor-Ort-Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) und der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) wurden umgehend gestoppt. Als Ersatz kamen Trainingsvideos und Kursprogramme über digitale Kanäle zum Einsatz. Die BGM-Branche, Fitnessstudios und Präventionsanbieter mussten quasi über Nacht neue Leistungen entwickeln oder bestehende Programme digitaltauglich machen. Letztlich führte die Coronapandemie damit auch zu einem Digitalisierungsschub im BGM, der Gesundheitsförderung und der Prävention. Zum Einsatz kamen, neben Livestreams zu Fitnessübungen und Yoga, auch innovative Ideen zum digitalen Gesundheitstag, Resilienz-Coaching per Webmeeting oder die Arbeitssituationsanalyse zur gesundheitsförderlichen Gestaltung des Homeoffice.

Für die Wissenschaft ergeben sich durch diese besondere Situation der Coronapandemie zahlreiche neue Forschungsansätze, so auch zu den Auswirkungen dieser umfangreicheren Homeoffice-Tätigkeit auf Körper, Psyche und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten im Homeoffice. Betrachtet man die Gesamtheit aller Studien, so zeigen sich in Bezug auf Arbeitsleistung und Zufriedenheit unterschiedliche Bewertungen, was jedoch bei genauer Betrachtung insbesondere auf Beschäftigte mit beziehungsweise ohne Kinderbetreuung zurückzuführen ist. Eltern und insbesondere Alleinerziehende mit Kleinkindern oder mit schulpflichtigen Kindern gelang nur bedingt eine gute Organisation zwischen Familie und Arbeitstätigkeit. Zu groß waren die Ablenkungen und Arbeitsunterbrechungen aufgrund der Kinderbetreuung oder der Mitwirkung beim Homeschooling. Befragte, die solchen Situationen nicht ausgesetzt waren, bewerteten gerade die Arbeit im Homeoffice als produktiver, da sie ungestörter und insgesamt selbstbestimmter arbeiten konnten. Als positiv wurde von beiden Seiten der Wegfall beziehungsweise die Reduzierung der Pendelzeiten bewertet und damit auch die geringen Kosten. Eine Herausforderung stellt nach wie vor die Ergonomie zu Hause dar. Durch den plötzlichen Wechsel von vormals reiner Tätigkeit im Unternehmen ins Homeoffice war es kaum möglich, für entsprechende ergonomische Lösungen zu sorgen.

Auswirkungen auf Fehlzeiten und Krankheitstage

Welche Erkenntnisse konnten nun nach einem Jahr Coronapandemie und zwei Lockdowns gewonnen werden? In den Sonderauswertungen der Krankenkassen zum Arbeitsunfähigkeitsgeschehen 2020 zeigt sich, dass Corona massiv Einfluss genommen hat. So berichtet die Techniker Krankenkasse über einen Rückgang der Erkältungskrankheiten, während im Gegenzug die psychischen Diagnosen wie Depressionen und Angststörungen zugenommen haben (TK, 2021). Beides lässt sich gut nachvollziehen: Das Tragen der Maske und die Kontaktreduzierungen haben in vielen Fällen grippale Infekte und die "echte" Grippe verhindert. Die Reduzierung der persönlichen Kontakte durch die Lockdowns, die verstärkte Homeoffice-Tätigkeit und die Ängste vor Infektionen, aber auch die Unsicherheit bezüglich der beruflichen Zukunft begünstigten das Auftreten oder die Verstärkung bereits vorhandener Depressionen und Angststörungen.

Die DAK verzeichnete eine Zunahme der Fehltage aufgrund von Rückenschmerzen und Anpassungsstörungen. Auch sie bestätigt eine Zunahme psychischer Erkrankungen, zu denen auch die Angststörungen gehören (DAK, 2021). Damit wird deutlich, dass trotz überwiegender Zufriedenheit mit der Homeoffice-Tätigkeit (TU Darmstadt, 2021) Herausforderungen mit Konsequenzen für die Gesundheit bestehen. In diesem Zusammenhang ist eine Studie der Uni Bielefeld im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zur Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung interessant. Sie beschäftigt sich mit dem Wissen, der Motivation und den Kompetenzen von Menschen, relevante Gesundheitsinformationen in unterschiedlicher Form zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag in den Bereichen der Krankheitsbewältigung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung Entscheidungen treffen zu können (modifiziert nach Sørensen et al., 2012, S. 3, modifiziert nach Pelikan/Ganahl, 2017, S. 94).

Gesundheitskompetenz wird unabdingbar

Ein hohes Maß an Gesundheitskompetenz ist gerade für Beschäftigte im Homeoffice relevant, da sie auf sich selbst gestellt sind. Das Ergebnis der Studie zeigt, dass rund 59 Prozent der Deutschen eine geringe Gesundheitskompetenz besitzen und sich diese in den letzten sieben Jahren verschlechtert hat. Die Folgen zeigen sich in einem ungesunden Verhalten wie weniger Bewegung, schlechterer Ernährung, häufigerem Übergewicht, schlechter subjektiver Gesundheit sowie höheren Ausfallzeiten am Arbeitsplatz (Schaeffer et al., 2021, S. 3-4). Können Beschäftigte nicht selbstständig für einen gesundheitsförderlichen Lebensstil sorgen, ihr Homeoffice nicht auch selbst ergonomisch einrichten und mit Stress und Einsamkeit nicht lösungsorientiert umgehen, so werden Gesundheitsprobleme verstärkt auftreten. Daher bedarf es Konzepte, Strategien und Lösungen, wie den wesentlichen Herausforderungen des Homeoffice begegnet werden kann. Die Studie offenbarte darüber hinaus auch eine sehr schwach ausgeprägte digitale Gesundheitskompetenz. Zwar habe sich diese während der Coronapandemie verbessert, jedoch besteht gegenüber anderen Ländern nach wie vor ein Entwicklungsrückstand (Schaeffer et al., 2021, S. 3-4).

Grundsätzlich bedarf es für die einzelnen Beschäftigten einer Klärung zur rechtlichen Einordnung ihrer Homeoffice-Tätigkeit als Telearbeitsplatz oder weiterhin nur als zeitweiliges mobiles Arbeiten. Auf Basis dieser können dann auch entsprechende Maßnahmen des Arbeitgebers zur ergonomischen Gestaltung des Homeoffice erfolgen. Zudem lohnt sich die Erstellung oder Aktualisierung der Gefährdungsbeurteilung physischer und psychischer Belastungen, bei der die veränderten oder sogar neu entstandenen Belastungen hinsichtlich ihrer Gefährdung für die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit im Homeoffice beurteilt werden.

Praxistipps aus Sicht von Arbeitsschutz und BGM

Für das BGM sowie die Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention müssen bedarfsorientierte und individualisierbare Programme entwickelt und angeboten werden. Vieles wurde dazu seit Beginn der Pandemie in Deutschland auf den Markt gebracht. In den meisten Fällen kommen dabei aber die Wissensvermittlung und Möglichkeiten des Kompetenzerwerbs zu einer gesundheitsförderlichen Arbeits- und Lebensweise zu kurz. Ein einfaches Nachturnen vom Livestream im Wohnzimmer wird nur so lange gelingen, wie das Interesse und die dafür notwendige Zeit vorhanden ist.

Weitaus nachhaltiger wird es sein, den Beschäftigten die notwendigen Kompetenzen an die Hand zu geben, um die Potenziale der gesunden Lebensführung und Arbeitsweise selbst zu erkennen. Arbeitgeber können hierbei beispielsweise Angebote für ein Risiko-Screening mit Lotsenfunktion zu Gesundheitsprogrammen, medial gut aufbereitete Informationen zur Wissensvermittlung in den klassischen Präventionsfeldern sowie interaktive Programme auf digitaler Basis zur ergonomischen Gestaltung, zu Stressmanagement und zur Stärkung der Resilienz zur Verfügung stellen. In diesem Zusammenhang ist auch die Qualifizierung der BGM-/BGF-Verantwortlichen aufgrund ihrer Rolle als Organisatoren und Multiplikatoren wichtig. Qualitätsgeprüfte Aus- und Weiterbildungsinstitute sowie Hochschulen lassen sich auf der Webseite des Bundesverbands BGM (BBGM) finden. Vergessen darf man aber auch nicht die Führungskräfte, deren Herausforderung im Führen auf Distanz besteht, weshalb auch sie entsprechende Unterstützung durch die Personalentwicklung und das BGM benötigen.

Die im Text zitierten Studien und Quellen finden Sie hier. 


Dieser Beitrag ist in ungekürzter Fassung im aktuellen Sonderheft "Personalmagazin plus: Arbeitswelten" erschienen, das Sie hier kostenlos als PDF herunterladen können.