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Informelles Lernen: Deutsche Arbeitgeber noch skeptisch

Der Regelfall: Arbeitgeber setzen lieber auf Schulungen mit Zertifikat als auf informelles Lernen, so eine Studie.
Bild: Haufe Online Redaktion

Informelles Lernen gilt als Zukunftstrend in der Weiterbildung. Doch noch gibt es in deutschen Unternehmen Vorbehalte, so eine Metastudie: Hierzulande setzt man offenbar immer noch auf formelle Qualifikationen. Ob informelles Lernen tatsächlich hält, was es verspricht, ist umstritten.

Informelles Lernen, etwa das Lernen am Arbeitsplatz außerhalb von Schulungen, wurde bereits in mehreren Studien als Lerntrend der kommenden Jahre identifiziert. So waren etwa aus einer Befragung der Hochschule Rhein-Main unter 156 Personalentwicklern der Ausbau des informellen Lernens und die Förderung der Mitarbeiter-Eigenverantwortung als wichtigste Zukunftsaufgaben hervorgegangen.

Auch die Mitarbeiter selbst setzen offenbar schon auf informelles Lernen: Viele Arbeitnehmer bilden sich durch "Learning by Doing" und kollegialen Austausch schon selbst weiter, wie eine Forsa-Umfrage unter 1.000 Angestellten im Auftrag der Haufe Akademie ergeben hat – wenn auch zuweilen mangels formeller Schulungsalternativen.

Deutschland hinkt bei informellem Lernen hinterher

Der Ökonom Andries de Grip von der Universität Maastricht hat nun für die Online- Plattform "IZA World of Labor" des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) den internationalen Forschungsstand zur Kultur des informellen Lernens zusammengefasst.

Seine Analyse zeigt: Obgleich informelles Lernen laut Datenlage die Mitarbeiterproduktivität steigern und Lohnstückkosten senken kann, werde das Potenzial der Weiterbildungsmethode in Deutschland bislang unterschätzt. Dort würden stattdessen nach wie vor formelle Qualifikationen und Zertifikate einen hohen Stellenwert genießen.

Beim Vergleich von Daten zur Frequenz des informellen Lernens stellte de Grip fest, dass Deutschland im internationalen Vergleich noch hinterherhinkt: In einer OECD-Studie berichten demnach nur 26 Prozent der deutschen Arbeitnehmer von täglichem Erkenntnisgewinn durch "learning by doing" – in den USA sind es 44 Prozent.

Auch vom regelmäßigen Austausch mit Kollegen und Vorgesetzen profitieren de Grips Erkenntnissen zufolge nur 16 Prozent der Befragten in Deutschland  – verglichen mit 24 Prozent in den USA.

Wie sich das Lernen am Arbeitsplatz aufwerten ließe

Wie die – der Metastudie zufolge – zertifikatsliebenden Deutschen das informelle Lernen aufwerten könnten, zeigt ein Beispiele, das Studienautor de Grip in seiner Analyse vorstellt: Einige Länder hätten bereits begonnen, das Lernen am Arbeitsplatz durch entsprechende Zertifikate stärker zu formalisieren.

Davon könnten auch die Unternehmen selbst profitieren, weil sie damit einen besseren Überblick über den Wissensstand der Belegschaft bekommen und dadurch produktivere Teams zusammenstellen könnten.

Formelle Schulungen sollen nicht abgeschafft werden

Klassische Weiterbildungsmaßnahmen ganz abzuschaffen empfiehlt de Grip dann aber doch nicht. Sie sollten vielmehr auf weniger Mitarbeiter konzentriert werden, die das Gelernte anschließend als interne Trainer an ihre Kollegen weitergeben.

Dennoch liegt laut de Grip der Fokus im Unternehmen deutlich auf informellem Lernen: Bis zu 96 Prozent der gesamten Lernleistung von Beschäftigten entfalle auf die Arbeitspraxis, so sein Fazit. Damit geht er noch über die populäre Bildungsformel 70-20-10 hinaus, die auf der Annahme basiert, dass insgesamt 90 Prozent des Lernens informell ablaufen. Diese bestehen aus 70 Prozent "learning on the job" und 20 Prozent Lernen von Anderen. Nur zehn Prozent entfallen demnach auf formelle Weiterbildungen wie Schulungen.

"Bei 20 Prozent ist Hopfen und Malz verloren"

Kritisch zum informellen Lernen à la 70-20-10 äußert sich Axel Koch, Professor für Training & Coaching an der Hochschule für angewandtes Management in Erding, in der Titelstrecke von Ausgabe 05/2015 der Wirtschaft + Weiterbildung: Die Formel habe einen Haken – sie setze einen selbstverantwortlichen, selbstgesteuerten,  lernwilligen, motivierten und transferstarken Mitarbeiter voraus. Und genau dieser Typ sei in Deutschlands Unternehmen in der Minderheit.

Koch macht einen Alternativvorschlag: Die Formel müsse 20-30-30-20 lauten – basierend auf der Verteilung von lernstarken und veränderungsstarken Menschen in den Unternehmen. Dort gebe es nur etwa 20 Prozent Top-Lerner. 30 Prozent könne man recht leicht auf dieses Niveau bringen, aber schon bei den nächsten 30 Prozent brauche es viel Begleitung, Zeit-, Arbeits- und Geldeinsatz, um Lernziele zu erreichen, schreibt Koch.

Und bei den restlichen 20 Prozent sei "Hopfen und Malz verloren".

 

Worauf es Axel Koch zufolge beim Lernen am Arbeitsplatz sonst noch ankommt, lesen Sie in Ausgabe 05/2015 der Wirtschaft + Weiterbildung.


Die kompletten Ergebnisse der IZA-Metastudie von Andries de Grip lesen Sie hier in englischer Sprache: www.wol.iza.org

Schlagworte zum Thema:  Personalentwicklung, Weiterbildung, Lernen

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