05.04.2017 | Kreativität

Kunst fördert Neugier und Staunen – die Basis von Kreativität

Die promovierte Kunsthistorikerin Ulrike Lehmann hilft Mitarbeitern und Führungskräften dabei, sich der Kunst zu öffnen und so kreativer zu werden.
Bild: Haufe Online Redaktion

„Die Beschäftigung mit Kunst bietet die beste Möglichkeit, Kreativität in Unternehmen zu fördern“, sagt Dr. Ulrike Lehmann. Im Interview erläutert sie, weshalb mehr Kreativität dringend nötig ist und wie es Unternehmen gelingt, diese durch das Betrachten von Kunst zu wecken.   

Haufe Online-Redaktion: Frau Lehmann, wie wichtig ist Kreativität überhaupt für Unternehmen?

Ulrike Lehmann: 2016 hat das Weltwirtschaftsforum in Davos eine Studie herausgegeben, die feststellte, dass Kreativität zu einem der drei wichtigsten Skills für Unternehmen wird. Laut Studie stand Kreativität 2015 noch auf Platz fünf, 2020 wird sie auf Platz drei stehen. Die Unternehmen werden große Anstrengungen machen müssen, Kreativität zu fördern und ins Haus zu holen. Aber Kreativität muss irgendwo herkommen. Die Beschäftigung mit Kunst ist eine Möglichkeit dafür.

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Haufe Online-Redaktion: Wie genau kann Kunst zu mehr Kreativität führen?

Lehmann: Kunst hat alles, was für die Kreativität in Unternehmen nötig ist. Kunst weckt Neugier, regt zum Staunen an und eröffnet neue Erfahrungsräume. Insbesondere Neugier und Staunen sind die Basis von Kreativität. Wenn Sie sich mit Kunst beschäftigen, werden Sie inspiriert und erhalten wesentliche kreative Impulse. Außerdem fördert Kunst das anschauliche Denken, das Anders- und Querdenken. Kunst emotionalisiert, bewegt und berührt. Wenn Sie sich mit anderen über ein Kunstwerk austauschen, fördert das die Kommunikation und die kommunikative Kompetenz: Was denkt der eine, was sieht der andere? Bei den Gruppen, die ich durch Kunstmuseen geführt habe, machte ich die Erfahrung, dass fünf Personen fünf verschiedene Dinge sehen, auch wenn sie ein und dasselbe Kunstwerk betrachten. Das macht auch unheimlich viel Spaß und gute Laune. Auch das ist ein wichtiger Aspekt, um Kreativität zu fördern.

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Haufe Online-Redaktion: Sicherlich würden viele Mitarbeiter sich gern mit Kunst beschäftigen, um sich inspirieren zu lassen und neue Ideen zu generieren. Aber der Zeitdruck in den Unternehmen ist hoch. Wie können es die Firmen organisieren, dass die Mitarbeiter Zeit für Kunst finden?

Lehmann: Kunst zu betrachten heißt, Zeit und Muse aufzuwenden. Ein Unternehmen kann sagen: „Wir haben dafür keine Zeit.“ Das höre ich immer wieder, wenn ich mit Unternehmen telefoniere. Aber ich möchte an die Studie des Weltwirtschaftsforums erinnern: Diese enthält einen gravierenden Hinweis, dass die Unternehmen kreativ werden müssen. Sie müssen Zeit dafür aufwenden, um den Menschen Kreativität zu ermöglichen, um damit auf dem Markt als innovatives Unternehmen bestehen zu können. Jeder Arbeitgeber muss diese Möglichkeiten schaffen. Einige größere Unternehmen haben das schon verstanden und Kreativräume geschaffen. Manche machen das mit bunten Büros und speziellem Mobiliar. Alternativ können sie Kunsträume schaffen oder auch Leerräume. Auf jeden Fall brauchen sie mentale und physische Räume, in die die Mitarbeiter hineingehen können, um sich auszuleeren von den täglichen Anforderungen. Erst dann kann die Kreativität losgehen. Wenn sie viele Dinge im Kopf haben, können sie nicht kreativ werden.

Haufe Online-Redaktion: Wie soll Kunst in die Unternehmen kommen? Sollen Arbeitgeber Bilder in den Werkshallen oder Chefbüros aufhängen?

Lehmann: In den Werkshallen sind Bilder sicherlich besser platziert als in den Chefbüros. In den Chefbüros ist die Kunst isoliert. Nur wenige Personen haben Zugang. Noch besser wäre es, Meeting-Räume auszustatten, in denen Mitarbeiter zusammenkommen, um neue Ideen und Projekte zu entwickeln. Kunst zu sammeln und an die Wände zu hängen, ist gut für die Mitarbeitermotivation und im Sinne des Kreativitätsansatzes. Kunst kann aber auch anders in die Unternehmen kommen – etwa durch Ausstellungen, Führungen oder kunstbasierte Kreativ-Workshops, die eigene Kreativität trainieren. So kann Kunst aktiv in den Arbeitsalltag eingebunden werden. Es ist wichtig, es den Menschen zu erleichtern, sich der Kunst zu öffnen.

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Haufe Online-Redaktion: Wie kann ein Betrachter von Kunst seine Kreativität trainieren? Können Sie ein Beispiel nennen?

Lehmann: Als Beispiel kann ich eine mehrteilige Bilderserie von Picasso nennen. Diese war Gegenstand eines Seminars in der Apple-University. Auf Bild eins bis drei war ein Stier zu sehen, der immer de­taillierter dargestellt wurde. Ab dem vierten Bild wurde der Stier immer stärker abstrahiert, bis auf Bild elf nur noch ein Strich mit dem Umriss eines Stiers zu sehen war. In der Abs­traktion lag die Essenz: Der Stier war immer noch zu erkennen. Die Apple-Mitarbeiter haben sich davon anregen lassen, eine über­sichtlich gestaltete Fernbedienung zu entwickeln. Damals gab es nur Fernbedienungen mit 50 und mehr Knöpfen. Das Ergebnis war eine mi­nimalistische Fernbedienung, die nur ein Rad enthielt, das gedreht und geklickt werden konnte. Das war ein gutes Beispiel für Reduktion.

Haufe Online-Redaktion: Haben Sie selbst schon erfahren, wie das Betrachten von Kunst Kreativität fördert?

Lehmann: Mit einer Gruppe von Managern besuchte ich die Ausstellung „Der Blaue Reiter“. Einer der Teilnehmer ließ sich von der anderen Farbkonnotation von Franz Marc, der Pferde blau und Kühe gelb gemalt hat, leiten und beschloss, seinen Produkten eine neue Farbe zu geben. Jeder kann sich von Kunst leiten lassen und sich selbst die Frage stellen: Was kann ich ändern? Auch durch die vielen Innovationen, die in der Kunst stattgefunden haben, sind Lerneffekte möglich. Georg Baselitz fing irgendwann an, Bilder auf dem Kopf zu malen. Jackson Pollock stellte sich die grundlegende Frage: Wie kann ich malen, ohne einen Pinsel zu verwenden? Solche Fragestellungen und Lösungen können Unternehmen auf ihre Produktentwicklung oder andere Bereiche übertragen. Durch Kunst können sie üben, Fragen zu stellen und Lösungen zu suchen.    

Haufe Online-Redaktion: Aber zuerst ist jemand nötig, der dazu anleitet, kreative Lösungen zu entwickeln.

Lehmann: Ja und nein. Das kommt daher, weil sich die Menschen zu wenig zutrauen. Es hat viel mit Übung zu tun. Wenn ich es mir regelmäßig gönne, ins Museum zu gehen, dann trainiere ich meine Wahrnehmung. Dann kann ich auch allein kreativ arbeiten. Allerdings bin ich auch Art Coach geworden, um diesen Prozess zu begleiten und das zu vermitteln. Das macht auch viel Freude, da die Teilnehmer durch die Informationen, die ich gebe, und die Fragen, die ich stelle, zu solchen kreativen Prozessen kommen.


Das Interview führte Daniela Furkel, Redaktion Personalmagzain.

 

Ulrike Lehmann ist promovierte Kunsthistorikerin und PR-Beraterin. Viele Jahre war sie als Ausstellungskuratorin und Kunstvermittlerin in Museen tätig. 2012 machte sie sich mit der Firma Art Coaching selbstständig.

Schlagworte zum Thema:  Kreativität, Innovation

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