Jeder Mensch wird zum Potenzialentfalter – auch am Arbeitsplatz. Aber nicht alle halten mit. Davon ist Kultursoziologe Andreas Reckwitz überzeugt. Er sieht die Arbeitswelt in erfolgreiche Selbstdarsteller und unsichtbare Routinearbeiter auseinanderbrechen.

Personalmagazin: Herr Professor Reckwitz, Industriebosse tragen T-Shirt und Turnschuhe, Wissensarbeiter liegen in Hängematten und trinken Mate-Tee, Berufsprofile auf Xing oder Linkedin machen mit Sinnsprüchen auf und Projektarbeiter kleben bunte Post-its an die Backsteinwände ihrer Firmenlofts. Was ist da los in unserer Arbeitswelt?

Andreas Reckwitz: Da vollzieht sich der Abschied von der Industriegesellschaft. Von einer Gesellschaft und einer Arbeitswelt, in der das Standardisierte, das Funktionale und das Rationale im Vordergrund standen. Die industrielle Moderne war zugleich eine nivellierte Mittelstandsgesellschaft, in der eher soziale Anpassung und Unauffälligkeit gefragt waren.

Genau da setzt der Strukturwandel an. In der alten Industriegesellschaft regierte das Allgemeine. In der Gesellschaft der Gegenwart regiert das Besondere, das Einzigartige, das Singuläre. Das ist das, was man erwartet und wünscht. Das gilt übrigens nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für Güter, Orte oder Kollektive.

Ursachen des aktuellen Strukturwandels

Personalmagazin: Alles muss besonders sein?

Reckwitz: Ja! Und das heißt: Alles soll möglichst einen Eigenwert haben, ästhetisch wie ethisch, also nicht bloß ein Mittel zum Zweck sein – ob das nun der Beruf ist, die Ernährung oder die eigene Wohnung. Der Grund: Es ist das Singuläre, nicht das Standardisierte, das Emotionen weckt. Ganz ähnlich wie das Kunstwerk seit der Romantik.

Personalmagazin: Wie kommt es zu dieser Entwicklung hin zur Singularität?

Reckwitz: Da wirken drei Faktoren, die sich seit den 1970er-Jahren gegenseitig verstärken. Erstens eine soziokulturelle Authentizitätsrevolution, getragen vom Lebensstil einer neuen Mittelklasse. Diese neue, gut ausgebildete Mittelschicht will nicht nur Lebensstandard, sie will auch Lebensqualität, Selbstentfaltung, authentische Erlebnisse. Zweitens die Transformation der industriellen Ökonomie hin zu einer Wissens- und Kulturökonomie. In ihr sind Güter mit kulturellem Singularitätswert eine zentrale Wachstumsbranche. Das reicht von der Digitalökonomie bis zum Tourismus. Drittens die technische Revolution der Digitalisierung. Auch sie forciert bei näherer Betrachtung die Orientierung am Einzigartigen. In der Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes zählt nur das Besondere.

Einzigartigkeit als neuer Maßstab

Personalmagazin: Wenn also Kultur, Emotion und Einzigartigkeit unser Leben zunehmend bestimmen: Sprechen wir daher auch in Unternehmen lieber vom „Talent“ als vom Mitarbeiter?

Reckwitz: Das ist in der Tat so und bemerkenswert. „Talent“ ist ja ursprünglich ein Begriff aus dem künstlerischen Bereich, etwa das musische Talent. In der Industrieökonomie ging es um Leistung und Qualifikation, da wäre Talent absurd gewesen. Nun in der spätmodernen Ökonomie interessieren die Unternehmen aber tatsächlich die einzigartigen Begabungen, auch das Potenzial, das einer hat. Eben das, was einen Unterschied macht.

Personalmagazin: Dann ist bald Schluss mit Fließband, Effizienz, standardisierten Lebensläufen und Regelwerken?

Reckwitz: So weit würde ich nicht gehen, aber diese rationalen Mechanismen stellen kaum mehr etwas dar, mit dem sich Menschen identifizieren und dem sie Wert zumessen. Rationalisierung rückt in den Hintergrund, Singularisierung und Kulturalisierung in den Vordergrund. Es geht also nicht um eine totale Transformation, sondern um eine Verschiebung der Gewichte. Nehmen Sie zum Beispiel das Internet. Das ist einerseits eine rationalisierte In­frastruktur. Die Herrschaft des Allgemeinen, vor allem in Form der Algorithmen. Und andererseits ist das Besondere das Data Tracking. Es sorgt dafür, dass der Einzelne immer individueller angesprochen wird, und die Plattformen im Netz ermöglichen, dass Menschen sich in Blogs oder Onlinemedien als einzigartige Individuen inszenieren. Also: im Hintergrund die Infrastruktur, im Vordergrund die Singularitäten.

Gerechtigkeit und Gleichheit

Personalmagazin: Menschen, die sich inszenieren? Da erhält der in der Wirtschaft gern verwendete Begriff der „Performance“ einen ganz anderen Klang …

Reckwitz: In der Tat. Leistung bemisst sich in der spätmodernen Ökonomie nicht mehr so sehr an formalen Skalen, sondern wie performt wird. Damit meine ich, wie ein Mitarbeiter oder eine Ware vorm Publikum (innerhalb der Organisation oder bei den Konsumenten) „ankommt“. Der Performance wird von anderen eine Qualität zugesprochen oder aberkannt. Diese Performance sollte möglichst außergewöhnlich, singulär sein. Hier finden Sie wieder das Modell Kunst und Künstler. Kein Wunder, dass Rankings, Likes und andere Bewertungsmechanismen in dieser Gesellschaft so zunehmen. Das ist ähnlich den Filmfestivals und Architekturwettbewerben. Da ist es manchmal auch nicht einfach, objektiv die Performance zu bewerten.

Personalmagazin: Ist das nicht brutal und gefährlich?

Reckwitz: Es strapaziert jedenfalls gängige Gerechtigkeitsvorstellungen nach dem Motto „gleiche Arbeit, gleicher Lohn“. Denn wenn die Performance vor dem Publikum so zentral wird, können eklatante Ungleichheiten zwischen Erfolgreichen und Erfolglosen die Folge sein. Und das ist keine Frage der Arbeitsmenge oder der formalen Qualifikation.

Personalmagazin: Und alle machen mit?

Reckwitz: Nein – vor allem kommen nicht alle mit. Anders als in der Industrieökonomie gibt es in der postindustriellen Ökonomie von vornherein eine scharfe Spaltung: Zwischen den Hochqualifizierten in der Wissensökonomie und den Niedrigqualifizierten in den einfachen Dienstleistungen. Im ersten Segment findet der Wettbewerb um Singularität statt, im letzteren hingegen geht es um Standardarbeit – eine Arbeit, die unsichtbar bleibt.

Abwertung des Standardisierten?

Personalmagazin: Was bedeutet das für die Sozialstruktur unserer Gesellschaft?

Reckwitz: Wir haben auf der einen Seite die hoch qualifizierte neue Mittelklasse. Die erleben es häufig als befreiend und wertvoll, sich als Persönlichkeit in all ihren Facetten entfalten und darstellen zu können. Auf der anderen Seite haben wir aber auch eine neue Unterklasse, die an den Rand der Gesellschaft gerät.

Personalmagazin: Was können und sollen Menschen mit Verantwortung zum Beispiel in HR angesichts dieses Befunds tun?

Reckwitz: Die Prozesse der Singularisierung enthalten viele Chancen und Möglichkeiten – das sollte man also nicht verteufeln. Zugleich aber stellt sich die Frage, ob wir mittlerweile das Allgemeine, das Routinisierte, Geregelte, auch das Gleiche und das allen Gemeinsame nicht zu sehr abgewertet haben. Das betrifft die Wertschätzung aller Berufe als gesellschaftlich notwendig ebenso wie Maßstäbe von Bildung und Erziehung. Auch die Frage nach einer allgemeinen politischen Öffentlichkeit stellt sich hier.

Personalmagazin: Mehr Achtung für standardisierte, einfache Arbeit? Und Vorsicht vor zu viel Kult um Kreativität, Einzigartigkeit und Selbstentfaltung?

Reckwitz: Unbedingt. Und wenn wir ehrlich sind, ist auch im kreativen Prozess der formal Hochqualifizierten viel Routine, Wiederholung und Kontrolle zu finden. Eine Welt, die nur aus Besonderheiten besteht, kann es gar nicht geben.

  

Prof. Dr. Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Sein Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne“ wurde mit dem Bayerischen Buchpreis 2017 ausgezeichnet und ist Gegenstand intensiver Debatten in den Medien und auf Kongressen.


Das Interview führte Randolf Jessl, freier Journalist und Geschäftsführer der Auctority GmbH.

Das ungekürzte Interview lesen Sie im Personalmagazin Heft 10/2018.

Schlagworte zum Thema:  New Work, Unternehmenskultur