Kolumne E-Learning: Von der digitalen Jugend lernen

Viele Betriebe stehen vor der Herausforderung, den digitalen Wandel zu bewältigen. Dafür kann man langwierige Strategien entwickeln, die sich bereits überholt haben, wenn sie endlich umgesetzt sind. Oder man nutzt das Potenzial der Jugend und legt einfach los.

Aktuelle Studien attestieren der Wirtschaft, dass der digital kompetente Nachwuchs fehlt, weshalb die Unternehmen Schwierigkeiten hätten, den digitalen Wandel umzusetzen. CEOs stimmen in das Lamento ein, wie eine kürzlich veröffentlichte Umfrage des Beratungsunternehmens Price Waterhouse Cooper bestätigte. Mittlerweile ist man sich weitgehend einig, dass Weiterbildungsmaßnahmen allein nicht ausreichen, egal ob mit E-Learning oder Blended Learning, im Klassenraum oder über eine Digital Learning Experience-Plattform. Neues Lernen ist gefragt, Lernen dass sowohl den einzelnen Mitarbeiter und die Organisation als auch das Umfeld berücksichtigt. Hoch komplex ist das alles und einfach geht anders.

Von den Jungen lernen, statt von den Alten

Für kleinere und mittlere Betriebe jedoch könnte das RKW-Kompetenzzentrum mit dem Projekt der Digitalisierungsscouts ( www.digiscouts.de) eine Lösung gefunden haben, die sich erstaunlich „einfach“ anhört. Das Projekt kehrt um, was sonst als Regel gilt: Die Jungen lernen nicht von den Alten, die Alten lernen von den Jungen. Die Voraussetzungen erfüllen so ziemlich alle Nachwuchskräfte, die als Auszubildende in die Betriebe kommen: Sie sind mit dem Smartphone und mit Computerspielen aufgewachsen. Digitale Tools seien wie Körperteile für Auszubildende, sagt Ulrike Heitzer-Priem, Leiterin des Fachbereichs Unternehmensentwicklung und Fachkräftesicherung am RKW Kompetenzzentrum. „Sie wollen damit arbeiten, sie wollen selbstständig arbeiten und sie sind selbstbewusst.“ Jetzt muss man sie nur noch lassen und entsprechend anleiten.

Das funktioniert so: Azubis, mehrheitlich im zweiten Lehrjahr, werden zu Digitalisierungsscouts in ihrem Unternehmen und entwickeln Ideen, was in einem Betrieb digitalisiert werden kann. Start ist eine Informationsveranstaltung. Zu der werden interessierte Unternehmen eingeladen. Bei einem Auftaktworkshop wird das Projekt noch einmal vorgestellt und die Rahmenbedingungen geklärt. Die Azubis tasten sich an das Thema heran und absolvieren auf einer E-Learning-Plattform Lerneinheiten zum Projektmanagement. Der Kurs ist verpflichtend als theoretische Grundlage für die Planung und Steuerung des Projekts auf einer virtuellen Collaboration-Plattform.

Ideen finden, planen und umsetzen

Zusätzliche Orientierung gibt das Tool Digitalisierungscockpit ( www.erfolgreich-digitalisieren.de), in dem die vier Handlungsfelder Prozesse, Kanäle, Erlösmodelle und Angebote sowie entsprechende grundsätzliche Stoßrichtungen und Lösungswege aufgezeigt sind. Konkret wird es, wenn die Azubis festhalten müssen, wie sie heute arbeiten, wie man morgen arbeiten könnte und welchen Nutzen die Veränderung bringt. Die Ideen schaut sich ein Digitalisierungscoach an, den das RKW zur Verfügung stellt. Wenn gemeinsam über die Ideen gesprochen wurde, formulieren die Azubis ein bis drei Ideen näher aus, legen Meilensteine fest, besetzen Aufgaben und setzen Termine. Wenn sie dies der Geschäftsführung vorgestellt haben, aus der Projektskizze ein unterschriebener Projektauftrag wurde und das nötige Budget freigegeben ist, geht es an die Umsetzung.

Die Projekte werden von den Azubis initialisiert und umgesetzt. Dabei werden in den Unternehmen tatsächlich neue Formen der Zusammenarbeit eingeübt, erprobt und getestet. Fast nebenbei erweitern die Azubis und auch die betroffenen Kollegen ihre digitalen Kompetenzen, bringen sich ein und gestalten aktiv die Veränderung mit.

Bereits 15 erfolgreiche Projekte, mit über 300 Auszubildenden

Tatsächlich hat der Erfolg und die Ideen der jungen Digiscouts nicht nur ihre Arbeitgeber sondern auch die Fachleute vom RKW überrascht. Die hatten vermutet, dass es dabei vielfach um die Einrichtung von WhatsApp-Gruppen für eine bessere Kommunikation gehen würde. Doch weit gefehlt. In den meisten Projekten gehe es um Prozesse, die zum Beispiel mittels Digitalisierung verschlankt würden, berichtet die Projektleiterin Heitzer-Priem, oder sogar um neue Geschäftsmodelle.

Sechs Monate dauern die Projekte, dann wird Bilanz gezogen. Zum Beispiel zu den Fortschritten der teilnehmenden Azubis. 83 Prozent der Beteiligten haben demnach ihre Selbstorganisation, Problemlösefähigkeit und Verantwortlichkeit ausgeweitet. Die Azubis würden mehr Zusammenhänge sehen und flexibler sein. Sie hätten gelernt, sich über elektronische Plattformen auszutauschen und betriebsübergreifend zu vernetzen. Die interdisziplinären Teams, in denen sie arbeiten, erlaubten ihnen einen massiven Perspektivwechsel. Dass sie auch gelernt haben, Anwendungsprogramme zu bedienen, wird da fast zur Nebensächlichkeit. Natürlich, das gibt Heitzer-Priem unumwunden zu, gebe es auch Reibungspunkte. Etwa wenn ältere Mitarbeiter skeptisch gegenüber den neuen digitalen Tools sind und Arbeitshinweise immer noch lieber per Zettel als auf dem Tablet bekommen.

Alles in allem aber ist das Projekt ein Erfolgsmodell. Nach 15 Projekten in 120 Betrieben mit 330 bis 350 Auszubildenden, die noch Laufen oder bereits abgeschlossen sind, ist die Nachfrage groß. 2020 wird das Projekt deshalb in 20 weiteren Regionen gestartet, immer mit lokalen Partnern wie IHK, Arbeitsagentur oder anderen Verbänden. Davon profitieren alle. Und nachmachen ist sicher erwünscht.

Schlagworte zum Thema:  E-Learning, Software, Personalentwicklung