Dem Mittelstand geht es gut – vielleicht zu gut? Volle Auftragsbücher könnten dafür sorgen, dass strategische Themen wie Digitalisierung und New Work verschlafen werden. Ein Gespräch mit Mittelstandsforscher Jörn Hendrich Block.

personalmagazin: Die Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 fehlen in keinem Tagungsprogramm zum Personalmanagement. In der Regel sind es Konzerne, die die Diskussion anführen: Sie flankieren technologische Innovationen mit HR-Maßnahmen, um sicherzustellen, dass der Mensch der Technologie gewachsen bleibt. Können mittelständische Unternehmen in diesem Prozess Schritt halten?

Prof. Dr. Jörn Hendrich Block: Die Frage ist ja nicht, ob sie es können. Sie müssen es. Andernfalls werden sie mittel- bis langfristig vom Markt verschwinden beziehungsweise an Bedeutung verlieren. Auch die vermeintlich sicheren Nischen – Stichwort Hidden Champions – bieten da keinen Schutz. Die aktuell gute Konjunktur ist für die Bewältigung eines solchen Wandels leider nicht nur förderlich, vielleicht sogar trügerisch. Ich beobachte, dass viele Mittelständler aufgrund der aktuell guten Auftragslage sich mit dem Thema Digitalisierung und Wandel der Berufswelt noch nicht so intensiv befassen, wie sie es eigentlich müssten. Dazu kommt, dass bei einigen Mittelständlern das Thema Unternehmensnachfolge noch im Raum steht und nicht geklärt ist. Das lähmt natürlich diese Unternehmen und verhindert im Einzelfall, dass die Herausforderungen rund um die von Ihnen angesprochenen Themen Digitalisierung und Industrie 4.0 beherzt angegangen werden.

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Generell bin ich aber zuversichtlich, dass der Mittelstand die Situation des technologischen Wandels und der Digitalisierung meistern wird. Die Instrumente werden nicht dieselben sein wie in Großunternehmen und Konzernen. Die Stärke des Mittelstands ist ja gerade seine Flexibilität und das Finden pragmatischer und individuell für das Unternehmen passender Lösungen. Die HR-Maßnahmen der Großunternehmen auf den Mittelstand zu übertragen, wird wohl nicht funktionieren. Der Mittelstand muss seine eigenen Wege gehen und dabei von Kammern, Verbänden und Personalberatern sensibilisiert und begleitet werden.

personalmagazin: Um in einem Unternehmen von einer „richtigen“ Personalstrategie zu sprechen, braucht es wahrscheinlich eine „kritische Masse“ an Beschäftigten, für die sich der Aufwand überhaupt lohnt. So finden sich in der Best-Practice-Datenbank der INQA vornehmlich „Insellösungen“, das heißt, ein Handwerksbetrieb hat ein bestimmtes Problem, etwa mit dem Krankenstand, und steuert mit einer Maßnahme im Bereich Gesundheitsmanagement gegen. Wie hoch ist Ihrer Einschätzung nach dagegen der Anteil mittelständischer Unternehmen, die wirklich eine umfassende Personalstrategie inklusive der Themen Führung, Diversity, Gesundheit, Kompetenzentwicklung praktizieren?

Block: Der Anteil ist eher gering und steigt, wie Sie richtig vermuten, mit der Unternehmensgröße stark an. Dennoch beobachte ich auch bei kleineren Unternehmen ein gestiegenes Interesse an Personalthemen, was sicherlich stark mit dem Fachkräfte- und Nachfolgemangel in einigen Branchen zusammenhängt. Die Stärke des Mittelstands liegt meines Erachtens auch weniger darin, eine ausgefeilte formalisierte Personalstrategie zu haben. Das haben sicherlich die wenigsten und dazu würde ich einem kleinen Handwerksbetrieb auch nicht unbedingt raten. Der Mittelstand ist stark darin, die Probleme und Bedürfnisse seiner Mitarbeiter genau zu kennen und im Einzelfall schnelle und flexible Lösungen zu finden. Dazu braucht es jedoch eine Unternehmensführung, die sich mit Personalthemen auseinandersetzt und nah an den Bedürfnissen der Mitarbeiter dran ist. Das ist in vielen mittelständischen Unternehmen der Fall. Wenn dann auch noch die Unternehmensführung mit dem Inhaber identisch ist, sind die Vo­raussetzungen für eine gute und wirksame Personalstrategie günstig.

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personalmagazin: Wie kann ein mittelständischer Unternehmer vorgehen, der seine Personalarbeit strategisch aufstellen will?

Block: Im ersten Schritt gilt es, eine Unternehmensstrategie zu entwickeln. Das klingt trivial. Aber ich stelle in Gesprächen mit Mittelständlern oft fest, dass hier noch große Lücken bestehen und man sich vor lauter Tagesgeschäft die Frage oft gar nicht stellt, wie das Unternehmen in 20 Jahren aufgestellt sein soll. Das Entwickeln einer solchen Unternehmensstrategie braucht meines Erachtens nicht ein formalisierter komplizierter Prozess zu sein. Es genügt sich zu fragen, wie man das Unternehmen weiterentwickeln möchte und welche Mitarbeiterkompetenzen und -fähigkeiten dafür nötig sind. Im zweiten Schritt sollte dann ermittelt werden, welche Kompetenzen und Fähigkeiten aktuell vorhanden sind und wo eventuell noch Lücken bestehen. Diese gilt es dann aufzufüllen, sei es über Weiterbildung, Neueinstellungen oder andere Maßnahmen.

personalmagazin: Welche Erwartungen haben Sie in puncto Mittelstandspolitik an die neue Bundesregierung?

Block: Die Politik muss verstehen, dass sich der Mittelstand in puncto Größe und Eigentümerstruktur von anderen Bereichen der Wirtschaft unterscheidet und deshalb mitunter auch andere Bedürfnisse hat. Daraus sollte sich eine pragmatische und ideologiefreie Mittelstandspolitik ableiten. Ziel sollte sein, die Rahmenbedingungen für den Mittelstand attraktiv zu halten. Das betrifft viele Politikfelder von Bürokratieabbau, Fachkräfteausbildung, Arbeitsgesetze, bis hin zu den steuerlichen Rahmenbedingungen. Sich eine oder wenige einzelne Maßnahmen rauszugreifen, halte ich für wenig hilfreich – vor allem auch deshalb, weil dann immer nur einzelne Bereiche und Teilgruppen des Mittelstands profitieren.

Das Interview führte Christoph Stehr.

Hinweis: Das vollständige Interview mit Prof. Dr. Jörn Hendrich Block lesen Sie im Titelthema der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Personalmagazin.