Interview mit Personio-Gründer Hanno Renner

Viele träumen davon, wenigen gelingt es: Eine Unternehmensbewertung von mehr als einer Milliarde Euro zu erzielen, ist für Start-ups ein Meilenstein. Einem Münchner HR-Software-Anbieter könnte dieser Schritt gelingen. Der kürzlich erschienene Report "Titans of Tech" nahm Personio auf seine Liste der 50 potenziellen nächsten Unicorns auf. Wir sprachen mit Personio-Gründer Hanno Renner.

Haufe Online Redaktion: Herr Renner, der Report des amerikanischen Beratungs- und Investmenthauses GP Bullhound zählt Personio zu den vielversprechendsten europäischen Tech-Start-ups. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Hanno Renner: Die Bewertung als Einhorn ist für Investoren sicherlich interessanter als für uns selbst. Wir helfen kleinen und mittelständischen Unternehmen dabei, ihre HR-Prozesse zu digitalisieren. Darin wollen wir der führende Anbieter in Europa werden. Wenn uns das gelingt, bietet der Markt sicherlich das Potenzial, dass Personio zukünftig mit einer Milliarde Euro bewertet wird.

Haufe Online Redaktion: Der Mittelstand ist ein deutsches Phänomen. Welche Rolle spielt er im europäischen Rahmen?

Renner: Die Marktzahlen variieren je nach Definition. Wir gehen von rund 1,7 Millionen Unternehmen in Europa aus, die zwischen 20 und 2.000 Mitarbeiter beschäftigen. Etwa 70 Prozent davon haben bislang keine digitale HR-Lösung. Das sind alles potenzielle Kunden.

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Haufe Online Redaktion: In welchen Ländern bieten Sie Ihre Software bereits an?

Hanno Renner: Derzeit wird Personio in 35 Ländern genutzt, wobei unser Fokus noch auf der DACH-Region liegt, die etwa ein Drittel des Gesamtmarktes an KMUs in Europa ausmacht. Hier haben wir sicherlich die strengsten Regularien, was es uns in anderen Ländern wiederum einfacher macht. Anpassungsbedarf bei unserer Software gibt es vor allem für die Bereiche Lohnbuchhaltung, Urlaubsverwaltung und Zeiterfassung.

Vertikale Lösungen haben es langfristig schwerer

Haufe Online Redaktion: Derzeit drängen viele Start-ups in den HR-Software-Markt. Inwiefern unterscheidet sich Ihr Unternehmen vom Wettbewerb?

Renner: Viele Software-Start-ups sind Verticals, die spezielle Lösungen für spezielle Probleme bieten. Häufig treiben Trendthemen wie Employee Engagement die Gründungen. Langfristig werden es solche Einzellösungen jedoch schwer haben, da ihnen die Breite fehlt. Darauf setzen wir. Personio macht das Brot- und Buttergeschäft, wir machen die unsexy Sachen, also eine HR-Core-Lösung, die die Kernprozesse digitalisiert. Deshalb sehen wir Verticals eher als Partner, anstatt als Wettbewerber.

Haufe Online Redaktion: Also orientieren Sie sich eher an den etablierten Anbietern von HR-Suiten?

Renner: Im Kern bieten wir Funktionen, die auch SAP oder Workday bieten. Allerdings ist unsere Lösung auf die Bedürfnisse von kleinen und mittelständischen Unternehmen zugeschnitten. Und genauso schwierig wie es für uns wäre, einen Großkonzern zu beliefern, wäre es für SAP, einen Mittelständler zu versorgen. Dazu wären enorme Anpassungen notwendig, was mit großen Kosten verbunden ist. Und erfahrungsgemäß sind die Software-Budgets in HR noch immer gering. Insofern stehen wir nicht im Wettbewerb. Mit Workday sind wir sogar im Austausch, da deren Vice President Strategy uns als Business Angel berät.

Haufe Online Redaktion: Ihre Geschäftsstrategie setzt stark auf Wachstum. Wann wollen Sie profitabel sein?

Renner: Gerade liegt unser Fokus darauf, weiter zu wachsen. Wir wollen der führende Anbieter für HR-Software für KMUs in Europa werden. Und die Kapitalmärkte bieten uns derzeit beste Bedingungen. Anfang des Jahres haben wir unsere dritte Finanzierungsrunde abgeschlossen. Die 35 Millionen Euro von Index Ventures werden uns die nächsten anderthalb bis zwei Jahre tragen. Grundsätzlich profitieren wir davon, dass unser Kundenstamm sehr stabil ist. Wir verlieren weniger als drei Prozent Bestandskunden jährlich. Da heißt im Umkehrschluss, wir könnten uns jederzeit dazu entschließen, profitabel zu sein und weniger zu wachsen.

Haufe Online Redaktion: Welche Auswirkung hätte eine Konsolidierung des HR-Software-Marktes für Sie?

Renner: Sollte es dazu kommen, möchten wir als Akquisiteur agieren. Diese Option haben wir auch heute schon im Blick. Anfang des Jahres haben wir ein Start-up übernommen, wodurch wir nun auch Payroll-Prozesse in einigen Ländern abwickeln können. Zukäufe, aber auch Partnerschaften sind für uns durchaus ein Mittel, das Leistungsspektrum unserer Software zu erweitern. Vielen Kunden helfen wir momentan aber bereits damit, den Sprung von analog zu digital zu schaffen.

KI-Anwendungen brauchen strukturierte Daten

Haufe Online Redaktion: Unter Software-Anbietern ist das Label KI beinahe ein Muss. Wie intelligent ist Ihr Produkt?

Renner: Sie sagen es! Es geht häufig mehr um das Etikett, als um das, was wirklich dahintersteckt. Eine KI benötigt zunächst einmal eine große Menge strukturierter Daten. Daran scheitern viele Unternehmen bereits, die zu uns kommen. Sie müssen erst nach und nach ihre Prozesse und Datensätze digitalisieren, um diese gezielt auswerten zu können. Insofern spielen KI-Anwendungen in unserem Kerngeschäft derzeit keine Rolle. Für die Zukunft würde ich sie nicht ausschließen. In einigen Anwendungsgebieten wie der Bewerberauswahl sind sie für unsere Kunden aber auch schlichtweg uninteressant. Ein Mittelständler auf dem Land mit 20 Mitarbeitern hat kaum so viele Bewerber, als dass er einen Algorithmus bräuchte, den passenden darunter auszuwählen.

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Haufe Online Redaktion: Dabei könnten Sie den in Ihrem Unternehmen gut gebrauchen.

Renner: Das stimmt. Wir haben uns im letzten Jahr mehr als verdoppelt. Mittlerweile sind wir 243 Mitarbeiter. In den vergangenen zwölf Monaten hatten wir etwa 16.000 Bewerber und haben davon 140 eingestellt. Bei der Auswahl setzen wir auf Team-Recruiting und beziehen möglichst viele Kollegen in den Auswahlprozess mit ein. So schaffen wir es, dass die ursprüngliche Start-up-Kultur erhalten bleibt und sich sogar multipliziert.

Haufe Online Redaktion: Was stimmt Sie zuversichtlich, dass Personio auch in zehn Jahren noch existiert?

Renner: Der Bedarf für unsere Lösung. Wir bilden HR-Kernprozesse mit einer Cloud-Software ganzheitlich ab und können diese innerhalb von zwei bis sechs Wochen implementieren. Innerhalb der Funktionen ist Personio stark anpassbar, ohne auf eine Custom-Entwicklung wie beispielsweise SAP zu setzen. Das macht uns deutlich günstiger. Je nach Größe geben unsere Kunden zwischen 3.000 und 30.000 Euro im Jahr aus und erhalten dafür eine permanent aktualisierte und weiterentwickelte Software.

Dieses Interview führte Matthias Haller, Redaktion Personalmagazin.


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Schlagworte zum Thema:  HR-Software, Talent Management