Innovation

Fast alle Unternehmen wollen innovativ sein, doch die Mitarbeiter spielen den Chefs oft nur "Innovationstheater" vor. Es fehlen die richtigen Prozesse, um aus Ideen Erfolgsprodukte zu machen, meint Alexander Osterwalder, der Erfinder des "Business Model Canvas". Er erklärt, warum so viele Unternehmen bei Innovationsprozessen scheitern.

wirtschaft+weiterbildung: Heute hat man hat häufig den Eindruck, dass jeder Mitarbeiter innovativ sein muss. Ist das wirklich nötig?

Alexander Osterwalder: Es gibt verschiedene Typen von Innovationen. Einmal geht es darum, Prozesse zu verbessern. Das ist auch wichtig. Es muss immer auch Mitarbeiter geben, die die Anforderungen  des bestehenden Geschäfts möglichst gut abarbeiten. Das ist schließlich die Cash Cow. Und dann gibt es die Wachstumsinnovation. Das ist ein eigener "Beruf". Es braucht also eine Partnerschaft zwischen Manager und Innovatoren oder Entrepreneuren. Man muss Weltklasse im Management und bei Innovationen sein. Das ist allerdings schwierig. 

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wirtschaft+weiterbildung: Das klingt so, als seien Manager und Innovatoren zwei ganz unterschiedliche Typen.

Osterwalder: Manager und Innovator oder Entrepreneur sind zwei völlig unterschiedliche Berufe. Wenn ich Spaß am Managen von existierenden Prozessen habe, bin ich eher guter Manager. Wenn ich gern viele neue Dinge anfange und ausprobiere, habe ich wahrscheinlich mehr Unternehmertum im Blut. Und nur weil ich einen Fünf-Milliarden-Bereich gut gemanagt habe, bin ich noch lange kein guter Unternehmer.

Innovation braucht weder Macht noch Legitimation

wirtschaft+weiterbildung: Inzwischen hat fast jedes Unternehmen einen Inkubator, in dem meist junge Leute in flippigen Räumen sitzen und neue Ideen kreieren sollen. Ist das der richtige Weg?

Osterwalder: Das ist für mich fast immer Innovationstheater. Mitarbeiter, die Innovation betreiben, sollten keine jungen und unerfahrenen Mitarbeiter sein. Wenn man sich die Start-ups anschaut, dann sind die erfolgreichen Unternehmer oft 40 Jahre oder älter. Dass vor allem der junge Stanford-Abbrecher eine riesige Firma kreiert, ist ein Klischee, das nur selten der Wahrheit entspricht. 

wirtschaft+weiterbildung: Aber Inkubatoren bieten doch den Spielraum, etwas Neues auszuprobieren. Das kann doch nicht falsch sein ...

Osterwalder: Was fehlt, ist oft die Legitimation der Spitze, dass wirklich Innovation betrieben werden soll. Wenn der CEO und das Topmanagement nicht 20 bis 30 Prozent ihrer Zeit mit Innovation beschäftigt sind, also sich mit Innovationsteams und potenziellen Kunden für neue Produkte austauschen, ist das ein ganz klares Zeichen dafür, dass niemand im Unternehmen Innovation ernst nimmt.

Das größte Problem ist für mich Macht. Innovation hat heute im Unternehmen weder Macht noch Legitimation und darum sind die meisten Inkubatoren auch Quatsch. Im Inkubator eines Unternehmens, das von Management und Ausführung dominiert wird, entstehen zwar manchmal auch neue Ideen, aber die schaffen es nicht nach oben. Die Aktivitäten müssen strategisch integriert sein. Und das Management muss sich damit beschäftigen. 

In Inkubatoren wird viel Energie verschwendet

wirtschaft+weiterbildung: Ist das den jungen Leuten, die in einen Inkubator gehen, bewusst?

Osterwalder: Die haben keine Ahnung. In Inkubatoren wird viel Energie verschwendet und oft merken sie erst nach drei Jahren, dass Innovation im Unternehmen gar nicht so ernst genommen wird. Ich sehe viele, die gehen in einen firmeninternen Inkubator. Dann sind sie frustriert und wechseln zur Konkurrenz. Dort merken sie, dass es genauso läuft. Schließlich versuchen sie es selbst und verlassen das Unternehmen. Das ist ein Riesenproblem, weil die Unternehmen so ihre besten Talente verlieren. Bill Fischer von der IMD Business School in Lausanne sagt immer, wir kämpfen erfolgreich um die besten Talente und dann machen wir sie zu mittelmäßigen Mitarbeitern. Das ist wirklich ein Witz.

Innovative Ideen kommen bottom-up

wirtschaft+weiterbildung: Woran erkenne ich als Mitarbeiter, ob ein Unternehmen Innovation ernst nimmt?

Osterwalder: Der erste Punkt ist, wie viel Zeit das Topmanagement mit Innovation verbringt. Aber zu den Informationen hat man nicht immer Zugang. Wer in einem neuen Innovationsteam arbeiten will, sollte dem Teamleiter die Frage stellen: Wie viel Zeit bekommst du vom Topmanagement? Und wenn er diese Person nicht wöchentlich trifft, hat Innovation keinen Platz in diesem Unternehmen.

Oder ich schaue mir die letzten vier Meetings an. Wenn auf der Agenda nirgends das Thema Innovation steht, ist es nur ein Lippenbekenntnis. Innovation wird nicht top-down definiert, sondern legitimiert. Die Ideen kommen bottom-up, aber wenn der entsprechende Kontext und die Konditionen nicht von oben kreiert werden, kommt ein Innovator nie voran.

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wirtschaft+weiterbildung: Welche Rolle spielt HR dabei?

Osterwalder: HR spielt eine große Rolle, vor allem, weil Manager und Innovatoren ganz unterschiedliche Fähigkeiten brauchen. Das muss erst einmal breitflächig bekannt gemacht werden. Bis zu einem gewissen Grad müssen heute alle Mitarbeiter lernen zu experimentieren, um das bestehende Geschäft besser zu machen. Dabei könnte HR eine große Rolle spielen, um dieses Denken ins Unternehmen reinzubringen. Da tut HR noch nicht genug. Und es braucht Veränderungen bei der Beurteilung von Mitarbeitern. 

"HR muss erst mal verstehen, was Innovation ist und bedeutet."

wirtschaft+weiterbildung: Inwiefern?

Osterwalder: Je nachdem, was der Mitarbeiter macht, muss er anders bewertet werden. Wenn ich als Supply-Chain-Manager für eine Produktlinie zuständig bin, ist Scheitern natürlich nicht unbedingt so gefragt. Als Innovator müsste ich dagegen belohnt werden, wenn ich zwar gescheitert bin, aber daraus gelernt habe. So erklärt Amazon-Chef Jeff Bezos immer, dass Amazon der beste Platz zum Scheitern ist. Vor allem muss HR erst mal verstehen, was Innovation ist und bedeutet. Das ist leider nur sehr selten der Fall. Da gibt es viele Mythen.

wirtschaft+weiterbildung: Zum Beispiel?

Osterwalder: Ein Mythos ist, dass es nur die richtige Person und die richtige Idee braucht, dann klappt alles. Das ist Quatsch. Ideen gibt es überall. Und alle Unternehmen haben auch kreative Mitarbeiter. Wirklich schwierig ist es, eine Idee in ein Wertversprechen zu verwandeln, das die Kunden wollen. Dafür muss ich experimentieren. Ich brauche also kein Genie, sondern die richtigen Prozesse. Da kann HR sehr viel mithelfen.

Am Anfang ist Innovation nicht teuer


wirtschaft+weiterbildung: Aber das Experimentieren kostet Geld ...

Osterwalder: Das ist auch wieder so ein Mythos. Viele glauben, Innovationen sind teuer und risikoreich. Aber das ist nur der Fall, wenn ich es falsch mache. Wenn ich eine Idee habe, muss ich diese schnell und billig testen. Also spreche ich mit Kunden. Erst wenn ich weiß, dass die Idee ein echtes Potenzial hat, kann ich mehr investieren. Das heißt, am Anfang ist Innovation nicht teuer. Erst wenn ich skaliere, brauche ich mehr Geld. Aber dann sollte ich auch wissen, dass die Erfolgsaussicht gut ist.

Innovation bedeutet nicht unbedingt, die neueste Technologie einzusetzen

wirtschaft+weiterbildung: Sind die neuesten Technologien letztlich der Schlüssel zum Erfolg?

Osterwalder: Das ist ein weiterer Mythos. Innovation bedeutet nicht unbedingt, die neueste Technologie einzusetzen. Ich kann auch mit minderwertiger Technologie gewinnen. Ein Beispiel ist Nintendo mit seiner WII-Konsole. Die war technologisch schlechter als alles, was damals auf dem Markt war. Aber sie haben ein anderes Kundensegment anvisiert und zwar die Gelegenheitsspieler, die vor allem Spaß haben wollten. Und für die war die Motion Control, mit der man Bewegungen kontrollieren und Tennis spielen kann, ein echter Gewinn.

Es geht also in erster Linie immer um Schaffung von Wert für den Kunden und fürs Unternehmen. Dabei kann die neueste Technologie eine Rolle spielen, muss aber nicht. So könnten die Banken sehr viel Wert kreieren, wenn sie sich endlich mal auf den Kunden ausrichten würden und nicht immer nur auf die Technologie schauen. 

Das Interview führte, Bärbel Schwertfeger, freie Journalistin in München. Sie können die ungekürzte Fassung des Interviews in "wirtschaft+weiterbildung", Ausgabe 02/2019 nachlesen.

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