06.03.2014 | Vereinbarkeit von Beruf und Familie

"Individuelle Wünsche der Eltern erfassen"

Beraterin Nina Wernthaler empfiehlt unbedingt die individuellen Wünsche von Eltern zu berücksichtigen.
Bild: pme

Die Hälfte der befragten Mütter im DAK-Gesundheitsreport meinen, sie wären ohne Kind beruflich schon weiter. Was können Unternehmen tun, um das Potenzial der Mütter und Väter zu fördern und sie schneller wieder aus der Elternzeit zurückzuholen? Beraterin Nina Wernthaler gibt Tipps.

Haufe Online-Redaktion: Frau Wernthaler, Sie arbeiten als Beraterin in der Initiative "Mit Eltern Kompetenz gewinnen" des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Frauen. Welche Maßnahmen empfehlen Sie Personalern, um die Potenziale junger Eltern besser zu fördern und abzurufen?

Nina Wernthaler: Bevor Unternehmen überlegen, welche Einzelmaßnahmen sie einführen, sollten sie in Gesprächen klären, was sich Eltern überhaupt von ihnen wünschen. Denn die Maßnahmen sollten immer sehr individuell gestaltet sein – schließlich sind die Bedürfnisse auch sehr individuell. Die erste Maßnahme sind also vertrauensvolle Mitarbeitergespräche, die möglichst früh stattfinden sollten, um abzuklären, wie die Vorstellungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite zu vereinbaren sind. Das ermöglicht – bei allen Unwägbarkeiten – eine gewisse Planbarkeit für beide Seiten, um dann weitere Maßnahmen zu organisieren.

Haufe Online-Redaktion: Ist es heute tatsächlich so, dass Unternehmen sich individuell auf die Wünsche einstellen?

Wernthaler: Das kommt natürlich stark auf das Unternehmen an. Viele große Unternehmen haben erkannt, dass Familienfreundlichkeit nicht unwesentlich zu ihrem Unternehmenserfolg beitragen kann. Die realisierten Maßnahmen reichen von der Einrichtung eines Eltern-Kind-Arbeitszimmers über Mitarbeiterunterstützungsservices bis hin zu flexiblen Arbeitszeit- und Arbeitsortmodellen. Diese werden natürlich auch entsprechend an potenzielle Arbeitnehmer kommuniziert. Andere Unternehmen hinken dieser Entwicklung noch hinterher.

Haufe Online-Redaktion: Ist es denn für größere Unternehmen leichter, entsprechende Maßnahmen anzubieten? Kleinere Unternehmen haben schließlich keine vergleichbaren Ressourcen …

Wernthaler: Nein, meine Beratungserfahrung zeigt, dass gerade kleine Unternehmen sehr flexibel auf die Wünsche der Arbeitnehmer reagieren können und wollen. Sie haben meist hochflexible Modelle, die sehr pragmatisch angelegt sind. So können zum Beispiel recht unkompliziert Kinder mit an den Arbeitsplatz genommen oder die verschiedensten Teilzeitmodelle realisiert werden.

Haufe Online-Redaktion: Und das lässt sich organisatorisch so einfach umsetzen?

Wernthaler: Natürlich muss man auch einschätzen, wie realistisch die Vorstellungen und Wünsche der Arbeitnehmer sind und wie sie mit den betrieblichen Interessen übereinstimmen. Da braucht es schon manchmal einen Abgleich von Ideal- und Realszenario beziehungsweise eine ausgeglichene Haltung des Gebens und Nehmens auf beiden Seiten.

Haufe Online-Redaktion: Welche Maßnahmen kommen aus diesem Abgleich meist heraus?

Wernthaler: Das ist ganz unterschiedlich. Unternehmen unterstützen zum Beispiel bei der Suche nach der passenden Kinderbetreuung oder zahlen einen Zuschuss für die Kinderbetreuungskosten. Außerdem bieten sie flexible Modelle für Arbeitszeit und Arbeitsorganisation an – also Gleitzeitmodelle, Jobsharing, Teilzeitarbeit und auch Telearbeit. Diese konkreten Maßnahmen müssen aber auch in eine entsprechende Unternehmenskultur eingebettet sein. Die Führungskräfte sollten dahingehend sensibilisiert sein, dass sie den Eltern die entsprechende Doppelbelastung zutrauen und sie an ihren Arbeitsergebnissen messen.

Haufe Online-Redaktion: Was können Unternehmen speziell dafür tun, um Eltern auch während der Elternzeit an das Unternehmen zu binden und sie möglichst schnell wieder zurückzuholen?

Wernthaler: Unternehmen sollten darauf achten, dass sie während der Elternzeit die Qualifikation der Arbeitnehmer und den Kontakt zu ihnen erhalten. Dafür kann man anbieten, stundenweise Vertretungen oder befristete Projektarbeiten schon vor dem Wiedereinstieg zu übernehmen oder Weiterbildungsangebote zu besuchen. Außerdem sollte man die Eltern weiterhin zu internen Besprechungen einladen und sie über aktuelle Entwicklungen im Unternehmen auf dem Laufenden halten. Idealerweise sollte ein Elternzeitgespräch, das vor dem Austritt zur Planung der Elternzeit und des anvisierten Wiedereinstiegs geführt wird, auch ein Rückkehrgespräch noch vor dem geplanten Wiedereinstieg anbieten.  

Nina Wernthaler ist Firmencoach des PME Familienservice und berät Unternehmen zu familienorientierter Personalpolitik im Rahmen des bayerischen Projekts "Mit Eltern Kompetenz gewinnen".

Das Interview führte Kristina Enderle da Silva, Redaktion Personal.

Schlagworte zum Thema:  Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Eltern, Elternzeit

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