"Individuelle Wünsche der Eltern erfassen"
Haufe Online-Redaktion: Frau Wernthaler, Sie arbeiten als Beraterin in der Initiative "Mit Eltern Kompetenz gewinnen" des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Frauen. Welche Maßnahmen empfehlen Sie Personalern, um die Potenziale junger Eltern besser zu fördern und abzurufen?
Nina Wernthaler: Bevor Unternehmen überlegen, welche Einzelmaßnahmen sie einführen, sollten sie in Gesprächen klären, was sich Eltern überhaupt von ihnen wünschen. Denn die Maßnahmen sollten immer sehr individuell gestaltet sein – schließlich sind die Bedürfnisse auch sehr individuell. Die erste Maßnahme sind also vertrauensvolle Mitarbeitergespräche, die möglichst früh stattfinden sollten, um abzuklären, wie die Vorstellungen von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite zu vereinbaren sind. Das ermöglicht – bei allen Unwägbarkeiten – eine gewisse Planbarkeit für beide Seiten, um dann weitere Maßnahmen zu organisieren.
Haufe Online-Redaktion: Ist es heute tatsächlich so, dass Unternehmen sich individuell auf die Wünsche einstellen?
Wernthaler: Das kommt natürlich stark auf das Unternehmen an. Viele große Unternehmen haben erkannt, dass Familienfreundlichkeit nicht unwesentlich zu ihrem Unternehmenserfolg beitragen kann. Die realisierten Maßnahmen reichen von der Einrichtung eines Eltern-Kind-Arbeitszimmers über Mitarbeiterunterstützungsservices bis hin zu flexiblen Arbeitszeit- und Arbeitsortmodellen. Diese werden natürlich auch entsprechend an potenzielle Arbeitnehmer kommuniziert. Andere Unternehmen hinken dieser Entwicklung noch hinterher.
Haufe Online-Redaktion: Ist es denn für größere Unternehmen leichter, entsprechende Maßnahmen anzubieten? Kleinere Unternehmen haben schließlich keine vergleichbaren Ressourcen …
Wernthaler: Nein, meine Beratungserfahrung zeigt, dass gerade kleine Unternehmen sehr flexibel auf die Wünsche der Arbeitnehmer reagieren können und wollen. Sie haben meist hochflexible Modelle, die sehr pragmatisch angelegt sind. So können zum Beispiel recht unkompliziert Kinder mit an den Arbeitsplatz genommen oder die verschiedensten Teilzeitmodelle realisiert werden.
Haufe Online-Redaktion: Und das lässt sich organisatorisch so einfach umsetzen?
Wernthaler: Natürlich muss man auch einschätzen, wie realistisch die Vorstellungen und Wünsche der Arbeitnehmer sind und wie sie mit den betrieblichen Interessen übereinstimmen. Da braucht es schon manchmal einen Abgleich von Ideal- und Realszenario beziehungsweise eine ausgeglichene Haltung des Gebens und Nehmens auf beiden Seiten.
Haufe Online-Redaktion: Welche Maßnahmen kommen aus diesem Abgleich meist heraus?
Wernthaler: Das ist ganz unterschiedlich. Unternehmen unterstützen zum Beispiel bei der Suche nach der passenden Kinderbetreuung oder zahlen einen Zuschuss für die Kinderbetreuungskosten. Außerdem bieten sie flexible Modelle für Arbeitszeit und Arbeitsorganisation an – also Gleitzeitmodelle, Jobsharing, Teilzeitarbeit und auch Telearbeit. Diese konkreten Maßnahmen müssen aber auch in eine entsprechende Unternehmenskultur eingebettet sein. Die Führungskräfte sollten dahingehend sensibilisiert sein, dass sie den Eltern die entsprechende Doppelbelastung zutrauen und sie an ihren Arbeitsergebnissen messen.
Haufe Online-Redaktion: Was können Unternehmen speziell dafür tun, um Eltern auch während der Elternzeit an das Unternehmen zu binden und sie möglichst schnell wieder zurückzuholen?
Wernthaler: Unternehmen sollten darauf achten, dass sie während der Elternzeit die Qualifikation der Arbeitnehmer und den Kontakt zu ihnen erhalten. Dafür kann man anbieten, stundenweise Vertretungen oder befristete Projektarbeiten schon vor dem Wiedereinstieg zu übernehmen oder Weiterbildungsangebote zu besuchen. Außerdem sollte man die Eltern weiterhin zu internen Besprechungen einladen und sie über aktuelle Entwicklungen im Unternehmen auf dem Laufenden halten. Idealerweise sollte ein Elternzeitgespräch, das vor dem Austritt zur Planung der Elternzeit und des anvisierten Wiedereinstiegs geführt wird, auch ein Rückkehrgespräch noch vor dem geplanten Wiedereinstieg anbieten.
Nina Wernthaler ist Firmencoach des PME Familienservice und berät Unternehmen zu familienorientierter Personalpolitik im Rahmen des bayerischen Projekts "Mit Eltern Kompetenz gewinnen".
Das Interview führte Kristina Enderle da Silva, Redaktion Personal.
-
Workation und Homeoffice im Ausland: Was Arbeitgeber wissen müssen
631
-
Essenszuschuss als steuerfreier Benefit
501
-
BEM ist Pflicht des Arbeitgebers
374
-
Probezeitgespräche als Feedbackquelle für den Onboarding-Prozess
262
-
Ablauf und Struktur des betrieblichen Eingliederungsmanagements
204
-
Acht rettende Sätze für schwierige Gesprächssituationen
199
-
Vorlage: Leitfaden für das Mitarbeitergespräch
191
-
Mitarbeiterfluktuation managen
1804
-
Warum Offboarding an Bedeutung gewinnt
150
-
Das sind die 25 größten Anbieter für HR-Software
149
-
Workations brauchen Vertrauen und klare Regelungen
23.03.2026
-
Wie der berufliche Wiedereinstieg gelingt
20.03.2026
-
HR-Kosten steigen trotz Sparzwang
19.03.2026
-
"Wir wollen Transformation in Echtzeit abbilden"
18.03.2026
-
Warum Organisationen eine Talent Roadmap brauchen
18.03.2026
-
Fünf Tipps für erfolgreiche HR-Software-Projekte
18.03.2026
-
Warum mehr Tools oft zu mehr Aufwand führen
18.03.2026
-
Psychopathische Chefs – Mythos oder Realität?
18.03.2026
-
Hilfe für Mitarbeitende im Krisengebiet
17.03.2026
-
In sechs Schritten zum Mobilitätskonzept
17.03.2026